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Dutschkismus

Carsten Prien

Dutschkismus. Rudi Dutschkes politische Theorie

Seedorf: Ousia Lesekreis Verlag 2015; 159 S.; 10,- €; ISBN 978-3-944570-57-0
Bei dem Band handelt es sich um eine kommentierte Neuauflage von Rudi Dutschkes in Zusammenarbeit mit Günther Berkhahn erarbeitetem Aufsatz „Über die allgemeine reale Staatssklaverei“ von 1977. Dutschke und Berkhahn – der am Spanischen Bürgerkrieg teilgenommen hatte – entwickeln darin ihre Auffassung von der Marx‘schen Theorie der Produktionsweisen weiter. Ihr Bezugsproblem ist die vermeintliche Untauglichkeit der verkürzten Typologie von drei beziehungsweise vier historischen und logischen Produktionsweisen (Ur‑ und Sklavenhaltergesellschaft, Feudalismus und Kapitalismus) für die Erklärung der Besonderheiten der ökonomischen Verfassung Russlands. Mindestens eine fünfte, nämlich die sogenannte asiatische Produktionsweise, müsse hinzugefügt werden, um die Unterschiede zwischen Ost‑ und Westeuropa adäquat erklären zu können. Diese Unterschiede ziehen große politische Konsequenzen nach sich, so die These. Das falsche Verständnis des vorrevolutionären Russlands als feudalistisch inspirierte ganz offensichtlich katastrophale Maßnahmen: Der Versuch der Bolschewiki etwa, westliche Vorbedingungen der Revolution zu kopieren, mündete in Zwangskollektivierung und in „bürokratischen Imperialismus“ (78) – die Strategie, Demokratie durch die Diktatur des Proletariats zu verwirklichen, musste deswegen scheitern, weil es in Russlands ökonomischer Struktur „weder eine demokratische Erbschaft des Bürgertums [gab], noch ein gesellschaftlich dominierendes Proletariat“ (102). Der „ideologische Funktionswechsel“ (109) der Bürokratie kann laut Dutschke ihren in der asiatischen Produktionsweise fußenden Klassencharakter – die Bürokratie stellt hier im Gegensatz zu anderen Produktionsweisen eine eigenständige Klasse dar – nicht abschütteln. „Jene geschichtlich revolutionäre Dynamik, die die Bourgeoisie in die gesellschaftlichen Veränderungen der Welt brachte, konnte sich in Russland wegen der […] allgemeinen Staatssklaverei nicht festigen“ (110). Carsten Prien rahmt diese Argumentation schließlich in eine allgemeine Rekonstruktion der Verfassung des westlichen Marxismus zwischen Karl Korsch und Georg Lukács ein. Dieser sei als Ganzer genommen eine Reaktion auf genau diese historische Abwesenheit eines revolutionären Subjekts, die in der asiatischen Produktionsweise entstehe, wie sich sowohl am konkreten Beispiel in Russland als auch allgemein zeige. Dutschke habe so nah wie nur wenig andere an genau diesem Punkt gearbeitet. Es gelte daher, diesen Versuch, „Lenin auf die Füße zu stellen“ (58), aus der schlechten Stadtguerilla‑Romantik herauszulösen und Dutschke als „legitimen Erben der demokratisch‑kommunistischen Tradition“ (22) zu rekonstruieren.
Florian Geisler, B. A., Politikwissenschaftler, Student, Goethe Universität Frankfurt am Main.
Rubrizierung: 5.462.3132.622.25 Empfohlene Zitierweise: Florian Geisler, Rezension zu: Carsten Prien: Dutschkismus. Seedorf: 2015, in: Portal für Politikwissenschaft, http://pw-portal.de/rezension/38582-dutschkismus_47241, veröffentlicht am 25.06.2015. Buch-Nr.: 47241 Inhaltsverzeichnis Rezension drucken

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