Portal für Politikwissenschaft

Die Ukraine im westlich-russischen Spannungsfeld

Christian Wipperfürth

Die Ukraine im westlich-russischen Spannungsfeld. Die Krise, der Krieg und die Aussichten

Opladen/Berlin/Toronto: Budrich UniPress Ltd. 2015 (WIFIS-aktuell 51); 73 S.; kart., 7,90 €; ISBN 978-3-8474-0622-8
Der deutschen Berichterstattung über die Ukraine‑Krise wurde und wird häufig vorgeworfen, dass sie zu wenige ukrainische Quellen berücksichtigt und dass elementare Kenntnisse über den behandelten Raum fehlen. Christian Wipperfürth, der für die Deutsche Gesellschaft für Auswärtige Politik tätig ist, beschäftigt sich schon seit Langem mit dem östlichen Europa, besonders mit Russland. Auch er greift für seine knappe Studie aber in der Hauptsache auf westeuropäische beziehungsweise aus westeuropäischer Perspektive verfasste Literatur zurück. Der Autor untersucht nach einer kurzen historischen Hinführung die Protestbewegung des Euromaidan ab November 2013 über das Ende der Regierung von Viktor Janukowitsch bis hin zur Annektierung der Krim und der Eskalation der bewaffneten Auseinandersetzungen in der Westukraine bis in den Herbst 2014 hinein. Im Kern wird hier eine zuverlässige Chronologie geboten, die durch kürzere analytische Passagen ergänzt wird. In diesen betrachtet Wipperfürth eher die westlichen und russischen Reaktionen und Handlungen, weniger die Grundlagen für innerukrainische Entwicklungen. Die Darstellung des inneren Geschehens bleibt zudem eher holzschnittartig. Ein Beispiel dafür ist die wiederholt angenommene Zweiteilung des Landes in einen an Europa und einen an Russland orientierten Teil – mittlerweile ein Stereotyp der Ukraine‑Berichterstattung. Den zahlreichen Schattierungen und Divergenzen im Inneren wird dies kaum gerecht. Zuverlässig und prägnant arbeitet Wipperfürth hingegen die äußeren Dimensionen des Konflikts heraus, etwa die westlich‑russische Integrationskonkurrenz im östlichen Europa. Beide Seiten hätten dabei eher konfliktverschärfend gewirkt, zumal sich die vermittelnden Initiativen des deutschen Auswärtigen Amtes nicht haben durchsetzen können, was der Autor sehr bedauert. Die übergeordneten strategischen Ziele Russlands, das der Region insgesamt ein weit größeres Augenmerk widmet als die USA und die EU, lassen eine Entspannung von dieser Seite her nicht erwarten – trotz der umfangreichen Sanktionsmaßnahmen, die die russische Wirtschaft, aber auch wichtige Teile der europäischen Exporteure stark schwächen. Das pessimistische Urteil Wipperfürths, der ein ständiges Wiederaufflammen der Auseinandersetzungen und eine Verfestigung der konfrontativen Strukturen befürchtet, wird weiterhin durch die aktuellen Geschehnisse bestätigt.
Martin Munke, M. A., Europawissenschaftler (Historiker), wiss. Mitarbeiter, Institut für Europäische Geschichte, Technische Universität Chemnitz.
Rubrizierung: 4.412.252.612.62 Empfohlene Zitierweise: Martin Munke, Rezension zu: Christian Wipperfürth: Die Ukraine im westlich-russischen Spannungsfeld. Opladen/Berlin/Toronto: 2015, in: Portal für Politikwissenschaft, http://pw-portal.de/rezension/38685-die-ukraine-im-westlich-russischen-spannungsfeld_46119, veröffentlicht am 30.07.2015. Buch-Nr.: 46119 Inhaltsverzeichnis Rezension drucken

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