Portal für Politikwissenschaft

Waffenbrüder im Streit

Manuel Winkelkotte

Waffenbrüder im Streit. Die Eigendynamik von Kriegercharisma in der palästinensischen Nationalbewegung

Konstanz/München: UVK Verlagsgesellschaft 2015; 234 S.; 34,- €; ISBN 978-3-86764-612-3
Sozialwiss. Diss. Berlin; Begutachtung: H. Münkler, K. Schlichte. – Der Streit innerhalb der Konfliktgruppen verhindert eine Verhandlungslösung im Nahostkonflikt, radikale Fraktionen eskalieren den Konflikt absichtlich aus Eigeninteressen, um eine Einigung zu verhindern. Von dieser These geht Manuel Winkelkotte vor allem mit Blick auf die palästinensische Nationalbewegung aus. Das Phänomen der rivalisierenden Fraktionen sei zwar auch auf israelischer Seite zu finden, es trete bei den Palästinensern aber deutlicher zu Tage. Diese sei eben nicht nur in die Auseinandersetzung mit den Israelis involviert, sondern auch in verschiedene Formationen zersplittert. Mit Verweis auf Pierre Bourdieu definiert der Autor die Nationalbewegung als politisches Feld. Die Kämpfe der Gruppierungen um die Vorherrschaft auf diesem Feld untersucht er in einer historisch‑vergleichenden Studie. Sein Ziel ist es, mit Ansätzen der Konflikt‑ und Gewaltforschung die Eigendynamik der Gewaltentwicklung zu erkunden und damit neue Perspektiven auf Lösungsmöglichkeiten des Nahostkonfliktes aufzuzeigen. Er formuliert die Annahme, dass es sich bei der „Demobilisierung von Gewaltakteuren […] um einen Transformationsprozess“ handelt, der das „innere Gefüge einer Konfliktpartei ändert, da sich die Einheit im Kampf auflöst und Streit unter den Waffenbrüdern aufkommt“ (13). Er vergleicht einen Friedensprozess, der Kämpfe vorübergehend beendet, in seiner Auswirkung mit dem Prozess eines Regierungswechsels, bei dem eine ehemalige Oppositionspartei Verantwortung übernehmen und Kompromisse eingehen muss. Für die Untersuchung dieses Transformationsprozesses am Fallbeispiel absolvierte Winkelkotte einen Forschungsaufenthalt im Westjordanland, den ihm die Berlin Graduate School of Social Sciences ermöglichte. Er resümiert, dass für die Ausbildung interner Hierarchien innerhalb der palästinensischen Konfliktgruppen die Ressource des sogenannten Kriegercharismas entscheidend sei: „Dieses Kriegercharisma stiftete die Einheit im Kampf, auf der die Hierarchien im Feld beruhten.“ (212) Es handele sich dabei um eine Form von sozialem Prestige, das durch Gewalttaten und Opferbereitschaft entstehe. Symbolische „Heldentaten“ (217) bei der Bekämpfung des Gegners, hier den israelischen Staat, stellten zentrale Anknüpfungspunkte der Bewegung dar. Die Legitimierungsprobleme, mit denen sich verhandlungsbereite Führungsakteure konfrontiert sähen, müssten daher bei zukünftigen Friedensvorhaben stärker berücksichtigt werden.
Wolfgang Denzler, Diplom-Journalist, B. A., Politikwissenschaftler, M. Sc., Nachhaltigkeitswissenschaftler.
Rubrizierung: 2.632.254.41 Empfohlene Zitierweise: Wolfgang Denzler, Rezension zu: Manuel Winkelkotte: Waffenbrüder im Streit. Konstanz/München: 2015, in: Portal für Politikwissenschaft, http://pw-portal.de/rezension/38985-waffenbrueder-im-streit_47552, veröffentlicht am 15.10.2015. Buch-Nr.: 47552 Inhaltsverzeichnis Rezension drucken

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