Portal für Politikwissenschaft

Gegen-hegemoniale Perspektiven

Judith Vey

Gegen-hegemoniale Perspektiven. Analyse linker Krisenproteste in Deutschland 2009/2010

Hamburg: VSA 2015 (Rosa Luxemburg Stiftung); 270 S.; 19,80 €; ISBN 978-3-89965-626-8
Diss. TU Berlin; Begutachtung: A. Demirovic, U. Brand. – Judith Vey geht in ihrer hegemonietheoretisch an Gramsci und Laclau/Mouffe ebenso wie an die soziale Bewegungsforschung angelehnten Dissertation der Frage nach, warum die „Krisenproteste 2009/2010 es nicht geschafft haben, innerlich eine Einheit auszubilden und letztlich über relativ wenig Resonanz und Wirkmächtigkeit verfügten“ (10). In Folge des Auftretens der Weltwirtschafts‑ und Finanzkrise und um deren Höhepunkt Ende 2008 herum habe sich, so Vey, eine „Verdichtung von Protestereignissen [...] sowie eine inhaltliche Verdichtung“ (19) zumeist kapitalismuskritischen Inhalts feststellen lassen. Linke Krisenproteste seien all jene zeitlich nicht auf Dauer gestellten Formate „diskursiver Verdichtung“ (20), die sich selbst als solche beschreiben. Damit trägt der Begriff der Heterogenität des linken Kritikspektrums ebenso Rechnung wie der Vielschichtigkeit der Formate, in denen sich diese Kritik äußert. Denn Diskurs meint hier nicht nur die sprachliche, sondern jegliche Manifestation sozialer Praxis, die eine Kritik an der etablierten, als kapitalistisch oder neoliberal beschriebenen Politik zu artikulieren versucht. In gegen‑hegemonialer Perspektive verfolgt ein solcher Diskurs das Ziel, „ein Klima, ein Bewusstsein zu schaffen, das eine kollektive gesellschaftliche Veränderung möglich macht“ (79). Die empirische Auswertung der Krisenproteste in Deutschland, die auf der Methode der dichten Beschreibung fußt, beruht auf teilnehmender Beobachtung und Dokumentation von (Groß‑)Veranstaltungen ebenso wie auf der Analyse schriftlicher Materialien, die wiederum von Programmschriften bis hin zu Interviews mit Aktivist_innen reichen. Dabei kommt Vey unter anderem zu dem Ergebnis, dass sich Krisenproteste inhaltlich jenseits eines „bloßen Antikapitalismus“ (253) zunehmend breiter aufstellen müssen. Damit einher gehe die Veränderung von Protestformaten, weg von der klassischen Demonstration und hin zu alternativen Formen, wie etwa Protestcamps, die ihrerseits als Orte konkreter Veränderung begriffen würden. Insgesamt besticht die Arbeit nicht nur durch eine ausführliche und klare Darstellung des aktuellen Stands der Diskurs‑ und Hegemonietheorie im Zusammenhang mit der politischen Bewegungsforschung. Auch die aufgezeigten Möglichkeiten zur Ausweitung gegenhegemonialer Proteste, etwa durch die gezielte Verzahnung von institutioneller und alternativer Politik, eröffnen spannende Perspektiven auf die weiterhin erforderliche Auseinandersetzung mit einer Gegenwart, in der Politik und Ökonomie unter dem Leitbild des Neoliberalismus immer noch als sachzwangartig verflochten erscheinen.
Matthias Lemke, Dr. phil. habil., Politikwissenschaftler (Soziologe, Historiker), wiss. Mitarbeiter, Institut für Politikwissenschaft, Helmut-Schmidt-Universität Hamburg.
Rubrizierung: 2.331 Empfohlene Zitierweise: Matthias Lemke, Rezension zu: Judith Vey: Gegen-hegemoniale Perspektiven. Hamburg: 2015, in: Portal für Politikwissenschaft, http://pw-portal.de/rezension/40124-gegen-hegemoniale-perspektiven_47747, veröffentlicht am 27.10.2016. Buch-Nr.: 47747 Inhaltsverzeichnis Rezension drucken

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