Andreas H. Apelt / Jürgen Engert (Hrsg.)

Das historische Gedächtnis und der 17. Juni 1953. Hrsg. im Auftrag der Deutschen Gesellschaft e. V., Verein zur Förderung von politischen, kulturellen und sozialen Beziehungen in Europa

Halle: Mitteldeutscher Verlag 2014; 160 S.; brosch., 14,95 €; ISBN 978-3-95462-225-2
Aus Anlass des 60. Jahrestages des Volksaufstandes in der DDR organisierte die Berliner Landesvertretung Sachsen‑Anhalt ein Symposium, das mit diesem Band dokumentiert wird. Im Mittelpunkt der Veranstaltung standen die Fragen, wie sich die Erinnerungskultur zum 17. Juni 1953 mit wachsender zeitlicher Entfernung entwickelt hat und welche Perspektiven der Erinnerung sich zukünftig bieten. Zur Beantwortung wurde eine ganze Reihe an namhaften DDR‑Forscher_innen und Zeitzeug_innen eingeladen, die zu diesem Thema referierten und/oder sich auf der anschließenden Podiumsdiskussion austauschten. Zu Beginn des Sammelbandes gibt Roger Engelmann einen Überblick über die politische und soziale Situation zu Beginn der 1950er‑Jahre und stellt dann den Ablauf sowie die direkten Folgen des 17. Juni 1953 dar. In der anschließenden Podiumsdiskussion konstatiert Engelmann, dass es 2003 einen wahren „Geschichtshype“ (53) um den 17. Juni gegeben habe und daher nicht davon gesprochen werden könne, dass dieser Gedenktag nicht im öffentlichen Geschichtsbewusstsein präsent sei. Eckhart Jesse stimmt in dieses Urteil ein und ergänzt: „Im vereinigten Deutschland gibt es […] Erinnerungskulturen und keine Erinnerungskultur. Und dieses vielfältige Erinnerungsbild ist Zeichen einer pluralistischen, offenen Gesellschaft.“ (54) An den Hype 2003 anknüpfend stellt Thomas Großbölting durchaus kritische Überlegungen zum Geschichtsbild und zum Geschichtsbewusstsein mit Blick auf den Volksaufstand vor. So sei der 17. Juni sowohl von staatlicher (Vergangenheitsbewältigung/Aufarbeitung) als auch von wissenschaftlicher (auf Delegitimation zielende totalitarismustheoretische Ansätze) Seite aus vorrangig mit „altbundesrepublikanischen Praktiken und Formen“ (103) bearbeitet worden, die aus der bundesrepublikanischen NS‑Vergangenheitsbewältigung übernommen worden seien. Deren Wirkung werde jedoch immer stärker von Wissenschaftler_innen, aber auch von Praktiker_innen aus der historisch‑politischen Bildung infrage gestellt. Großbölting teilt diese Bedenken und macht deutlich, dass im Zuge wandelnder Medienformate und ‑umgangsformen auch die Formen und Funktionen des Erinnerns verändert werden sollten.
Ines Weber (IW)
M. A., Politikwissenschaftlerin (Kommunikationswissenschaftlerin, Psychologin), wiss. Mitarbeiterin, Institut für Sozialwissenschaften, Christian-Albrechts-Universität Kiel.
Rubrizierung: 2.352.3142.3132.232.61 Empfohlene Zitierweise: Ines Weber, Rezension zu: Andreas H. Apelt / Jürgen Engert (Hrsg.): Das historische Gedächtnis und der 17. Juni 1953. Halle: 2014, in: Portal für Politikwissenschaft, http://pw-portal.de/rezension/37459-das-historische-gedaechtnis-und-der-17-juni-1953_45701, veröffentlicht am 28.08.2014. Buch-Nr.: 45701 Inhaltsverzeichnis Rezension drucken

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