Rolf Schieder (Hrsg.)

Die Gewalt des einen Gottes. Die Monotheismus-Debatte zwischen Jan Assmann, Micha Brumlik, Rolf Schieder, Peter Sloterdijk und anderen

Berlin: Berlin University Press 2014; 360 S.; geb., 29,90 €; ISBN 978-3-86280-067-4
Mit seinen Thesen über die Bedeutung des Monotheismus und der „mosaischen Unterscheidung“ hat der Altägyptologe Jan Assmann eine Kontroverse auf der Internetplattform „Perlentaucher“ ausgelöst, die dieser Band dokumentiert. Während der evangelische Theologe Rolf Schieder der Auffassung, der Monotheismus befördere Gewalt und Intoleranz, widerspricht, spitzt der Philosoph Peter Sloterdijk sie im Sinne einer „Verschärfung“ (Micha Brumlik, 196) zu, indem er der Tötung von 3.000 Anbetern des Goldenen Kalbes durch Mose und die Leviten (Exodus 32, 26‑28) eine „programmatische und intentional volksformende“ (147) Wirkung zuweist. Die Debatte ist nicht nur für Altgeschichtler oder Theologen interessant, sondern betrifft auch die Politikwissenschaft gleich in mehrfacher Hinsicht. Erstens ist mit der Rezeption der „Res Publica Hebraeorum“ ein zentrales Motiv der politischen Theorie angesprochen, dessen Bedeutung gegenüber der Rezeption der hellenistischen Polis oft übersehen wird. Unter Berufung auf Hobbes, Pufendorf, Grotius, Locke und die amerikanischen Verfassungsväter betont Schieder, dass der „Bundesschluss am Sinai […] den politischen Philosophen der frühen Neuzeit als eine vorbildliche Verfassung, nach der auch ein modernes Gemeinwesen gestaltet werden könne“ (10), erschien. Zweitens behauptet Sloterdijk einen engen Zusammenhang zu religiös motivierter Gewalt in Geschichte und Gegenwart, also nicht zuletzt auch zu islamistischem Terror, und zieht sogar eine Parallele zur totalitären Herrschaft. Drittens wird an Assmann und Sloterdijk kritisiert, dass ihre Ausführungen antijüdische Stereotypisierungen enthielten oder zumindest bedienten und damit anschlussfähig für antisemitische Positionen seien. Mit Micha Brumlik und Marcia Pally melden sich zwar auch zwei jüdische Stimmen zu Wort. Dennoch frappiert insgesamt, dass die Frage, wie denn die „Sinai‑Episode“ (Peter Sloterdijk, 124) in der jüdischen Theologie, Philosophie und kulturellen Überlieferung tatsächlich ausgedeutet worden ist, von den verschiedenen Autorinnen und Autoren kaum berührt wird.
Gideon Botsch (GB)
Dr., Dipl. Pol., wiss. Mitarbeiter, Moses Mendelssohn Zentrum für europäisch-jüdische Studien Potsdam (http://www.mmz-potsdam.de).
Rubrizierung: 2.235.425.1 Empfohlene Zitierweise: Gideon Botsch, Rezension zu: Rolf Schieder (Hrsg.): Die Gewalt des einen Gottes. Berlin: 2014, in: Portal für Politikwissenschaft, http://pw-portal.de/rezension/37334-die-gewalt-des-einen-gottes_45700, veröffentlicht am 24.07.2014. Buch-Nr.: 45700 Inhaltsverzeichnis Rezension drucken

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