Stefan Alexander Marx

Ethik der Dissidenz. Kritische Theorie und öffentliche Kritik

Frankfurt a. M. u. a.: Peter Lang 2014; 279 S.; geb., 59,95 €; ISBN 978-3-631-65645-7
„Es kann nicht die Aufgabe der Kritik sein, am Gespräch teilzunehmen“ (13) – Stefan Marx beschäftigt sich daher mit den stets im Wandel begriffenen Rahmenbedingungen für Gesellschaftskritik und fragt nach denen für das richtige Modell für die digitale Moderne. Hinter den anerkannten Wegen der Kritik vermutet er eine „moralische Hinterwelt, die in die Theorie hinein wirkt und die im Diskurs vorgelegte politische Kritik kompromittiert“ (11). Selbst auf einem adornitischen Standpunkt stehend, kritisiert der Autor die an Kommunikation und Diskurs orientierten Kritikmodelle von Jürgen Habermas und Michel Foucault. Ganz im Gegensatz zu den Paradigmen vom kommunikativen Konsens und vom prinzipiell jeden Widerstand absorbierenden Diskurs besteht Marx darauf, „dass Kritik notwendig im Dissens entsteht“ (13). Aber auch eventuellen Hegemoniebestrebungen einer politischen Linken, in der akkumulierte Kritik am Bestehenden zu sich selbst kommen sollte, ist damit implizit eine Absage erteilt. Gegen den von ihm scharf beobachteten „Despotismus der Sprache“ in Kommunikations‑ und Diskursethik bringt Marx den Anschluss an Susan Sontags „Ästhetik des Schweigens“ (20) in Stellung. Diese schweigende oder auch bewusst künstlerische Misstöne produzierende „Ethik der Dissidenz“ (21) soll diesem Despotismus an je geeigneten Stellen gegenübertreten und so die Eingliederung des Individuums aufhalten. Trotz großer Vorsicht kann sich Marx hier aber nicht der Anziehungskraft des kontingenzstiftenden Grundparadoxons des Poststrukturalismus – die Verschiebung aller Variablen ist eine Konstante – entziehen, wenn er die künstlerische Kritik als „mit dem Wissen ausgestattet, das einzige Wahrheit ist, dass es anders sein könnte“ (21), charakterisiert. Der großen Hoffnung, dass trotz der ubiquitären Kulturindustrie noch „Kritik als Kunstwerk“ (242) möglich sein könnte, wird damit schon früh ein systematischer Dämpfer gesetzt. Dennoch führt Marx im Weiteren diese Argumentation sehr nahe an vielfältigen Materialien von Adorno überzeugend weiter und liefert so eine wichtige Übersicht über die Tendenzen der gegenwärtigen „politischen Theorie der Öffentlichkeit“ (28).
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Rubrizierung: 5.422.225.46 Empfohlene Zitierweise: Florian Geisler, Rezension zu: Stefan Alexander Marx: Ethik der Dissidenz. Frankfurt a. M. u. a.: 2014, in: Portal für Politikwissenschaft, http://pw-portal.de/rezension/38278-ethik-der-dissidenz_46569, veröffentlicht am 09.04.2015. Buch-Nr.: 46569 Inhaltsverzeichnis Rezension drucken

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