Jens Becker / Thomas Zöllner (Hrsg.)

Gesellschaftskritik und emanzipatorische Praxis. Denken im Anschluss an Heinz Brakemeier

Hamburg: VSA 2013; 117 S.; 12,80 €; ISBN 978-3-89965-501-8
Seine „politische Prinzipientreue“ habe ihn womöglich eine „glänzende akademische Karriere“ (28) gekostet, so schreibt Jens Becker über Heinz Brakemeier, dessen Wirken im Umfeld der „alten“ Kritischen Theorie der Frankfurter Schule für eine enge Verzahnung marxistischen Denkens mit alltags‑ wie hochschulpolitischen Fragen stand. Der Band folgt in seiner retrospektiven Würdigung Brakemeiers der Intention des unnachgiebigen, kritischen Intellektuellen, die die Herausgeber wie folgt umreißen: „Adornos Diktum, es gebe Phasen, wo die Theorie die beste Praxis sei, die dialektisch gewendete Negativität als Konsequenz disparater gesellschaftlicher Verhältnisse, war für Brakemeier die angemessene Form, den nicht abgegoltenen Anspruch der Kritischen Theorie auf Emanzipation und Versöhnung zu bewahren, ‚wenn auch zunächst nur deklariert als Flaschenpost‘.“ (7) Mit dieser Flaschenpost, wie sie der Band darstellt, rekonstruieren die Autorinnen und Autoren das Schaffen Brakemeiers und werfen einen Blick zurück auf die sogenannte neue Linke in der Bundesrepublik, die die sozialistische Idee, so Edgar Weick, „menschenwärts“ (29) zu denken versuchte. „Menschenwärts“ bedeutet in diesem Zusammenhang eine Absetzung von den kommunistischen Verbrechen ebenso wie eine Besinnung auf die humanistischen und emanzipatorischen Ideale eines freien, eines demokratischen Sozialismus. In diesem Fahrwasser kommen auch tagesaktuelle Themen, etwa kooperativ‑genossenschaftliche Alternativen zur Markt‑ oder Planwirtschaft, zur Sprache, wie Christoph Lieber in seinem Beitrag vorführt – auch wenn die Vorstellung eines bereits gegebenen Endes der „Hegemonie des Neoliberalismus“ (82) eine doch arg optimistische Einschätzung sein dürfte. Dennoch ist die Idee eines alternativen – insbesondere eines demokratisch gewendeten – Sozialismus nach wie vor attraktiv, weil sie, wie das lange vor Brakemeier schon Jean Jaurès betont hatte, Individualismus und Solidarität miteinander zu versöhnen vermag. Das Denken im Anschluss an Brakemeier und all die anderen Vertreter_innen der neuen Linken, die Weick in seinem Beitrag auflistet, ist – folgt man dem Eindruck des Sammelbandes – noch lange nicht am Ende.
Matthias Lemke (LEM)
Dr. phil., Politikwissenschaftler (Soziologe, Historiker), wiss. Mitarbeiter, Institut für Politikwissenschaft, Helmut-Schmidt-Universität Hamburg.
Rubrizierung: 5.46 | 5.42 | 2.3 Empfohlene Zitierweise: Matthias Lemke, Rezension zu: Jens Becker / Thomas Zöllner (Hrsg.): Gesellschaftskritik und emanzipatorische Praxis. Hamburg: 2013, in: Portal für Politikwissenschaft, http://pw-portal.de/rezension/34966-gesellschaftskritik-und-emanzipatorische-praxis_42058, veröffentlicht am 13.06.2013. Buch-Nr.: 42058 Inhaltsverzeichnis Rezension drucken

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