Martin Gieselmann / Jürgen Straub (Hrsg.)

Humanismus in der Diskussion. Rekonstruktionen, Revisionen und Reinventionen eines Programms

Bielefeld: transcript Verlag 2012 (Der Mensch im Netz der Kulturen. Humanismus in der Epoche der Globalisierung 18); 130 S.; kart., 24,80 €; ISBN 978-3-8376-2238-6
Der Humanismus, so lässt sich die Einleitung der Herausgeber lesen, bedarf einer grundlegenden Revision, um nicht als abstrakte Philosophie in die Geschichtsbücher einzugehen, sondern um sein vorhandenes Potenzial für die Deutung, Kritik und Verbesserung gegenwärtiger Zustände offenlegen zu können. Im Zentrum steht dabei die Hinterfragung vor allem von zwei Sichtweisen in der humanistischen Tradition: des Anthropozentrismus, „der von der nicht‑menschlichen Natur und speziell von ökologischen Problemen nicht allzu viel wissen möchte“ (7 f.), sowie des Nostrozentrismus, der „aus der Perspektive des jeweils konstitutiven und konjunktiven ‚Wir‘ […] alle anderen, Fremde zumal, symbolisch ausgrenz[t] und praktisch ausschließ[t]“ (8). Die Autoren diskutieren vor diesem Hintergrund die Potenziale eines zeitgemäßen Humanismus aus der Sicht unterschiedlicher Disziplinen (Philologie, Philosophie, Theologie, Soziologie und Psychologie). Der Philosoph Dieter Sturma beispielsweise kritisiert aus einer humanistischen Perspektive den Eurozentrismus des Menschenrechtsbegriffs, der den ethischen Universalismus und den interkulturellen Dialog vernachlässige. Dass es im Rahmen einer Diskussion um den Humanismus nicht nur um Politik und Werte geht, sondern gleichsam um die Notwendigkeit einer kritischen Hinterfragung der akademischen Disziplinen und Diskurse selbst, zeigt Hans‑Georg Soeffner. Aus soziologischer Perspektive, die für die Politikwissenschaft aber nicht weniger gelten dürfte, beklagt er: „[D]ie gegenwärtig zu beobachtende Ausdeutung nahezu aller sozialen Verhältnisse aus dem ökonomisch verkürzten Blickwinkel des Kosten‑Nutzen‑Kalküls und der Nutzenmaximierung“ sei „so in soziologisches Denken eingedrungen, dass es sich nicht mehr selbstreflexiv kontrolliert und kritisch von dieser sich als Theorie verkleidenden Weltanschauung distanzieren kann“ (83). Der Band versammelt zahlreiche interessante Denkanstöße, wie Humanismus – verstanden als Humanität – „in der Epoche der Globalisierung“ (so formuliert im Titel der Buchreihe) neu gelebt werden kann.
Björn Wagner (BW)
Dipl.-Politologe, Doktorand und Lehrbeauftragter, Universität Jena.
Rubrizierung: 5.42 | 2.23 | 1.3 Empfohlene Zitierweise: Björn Wagner, Rezension zu: Martin Gieselmann / Jürgen Straub (Hrsg.): Humanismus in der Diskussion. Bielefeld: 2012, in: Portal für Politikwissenschaft, http://pw-portal.de/rezension/9198-humanismus-in-der-diskussion_43075, veröffentlicht am 02.05.2013. Buch-Nr.: 43075 Inhaltsverzeichnis Rezension drucken

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