Thorben Gottschalk

Politische Führung im parlamentarischen Regierungssystem. Konrad Adenauer und Ludwig Erhard

Baden-Baden: Nomos Verlagsgesellschaft 2013 (Nomos Universitätsschriften: Politik 186); 292 S.; brosch., 49,- €; ISBN 978-3-8487-0258-9
Politikwiss. Diss. Kiel; Begutachtung: E. Schuett‑Wetschky. – Das politische System der Bundesrepublik Deutschland stattet den Kanzler mit weitreichenden Kompetenzen aus: Sowohl seine Richtlinienkompetenz (Art. 65 GG) als auch das konstruktive Misstrauensvotum (Art. 67 GG) stärken seine Position in der Regierung und gegenüber dem Parlament. Trotz dieser institutionell abgesicherten starken Stellung wird das Phänomen der politischen Führung im deutschen politikwissenschaftlichen Diskurs gemieden. Die Gründe hierfür liegen auf der Hand: Assoziationen mit der pseudodemokratischen Führung der nationalsozialistischen Herrschaft sollen vermieden werden. Thorben Gottschalk plädiert für eine nüchterne Bestandsaufnahme des bislang stark amerikanisch und somit einseitig auf präsidiale Führung zugeschnittenen Leadership‑Diskurses. Er stellt institutionelle Grundbedingungen der sogenannten Kanzlerdemokratie bundesdeutscher Prägung heraus und untersucht die Spielräume parlamentarischer Führung in zwei empirischen Fallstudien zu den Kanzlerschaften Adenauers und Erhards. Mit Adenauer und Erhard wählt der Autor bewusst die most different cases aus: Seine Forschungshypothese lautet: „Adenauer spielte virtuos auf der Klaviatur demokratischer politischer Führung, Erhard hingegen war in dieser Hinsicht hoffnungslos unmusikalisch.“ (18 f.) Auf der Grundlage qualitativer Inhaltsanalysen ermittelt Gottschalk Führungsinstrumente und Rahmenbedingungen erfolgreicher politischer Willensdurchsetzung im deutschen parlamentarischen System. Bei allen Unterschieden zwischen den beiden untersuchten Kanzlerschaften kommt er zu dem interessanten Ergebnis, dass der vermeintlich zur Führung prädestinierende Art. 65 GG „grundsätzlich entweder offensichtlich wirkungslos oder nur vermeintlich wirksam, im Ergebnis also so oder so ohne Effekt“ (273) sei. Er kritisiert den Glauben an Art. 65 GG als Grundlage der Führung als „Mythos der Richtlinienkompetenz“. Tatsächlich beruhe die Macht des Bundeskanzlers „auf der freiwillig gewährten Zustimmung der Basis“ (273).
Florian Weber (FW)
M. A., wiss. Mitarbeiter, Institut für Politikwissenschaft, Universität Jena.
Rubrizierung: 2.32 | 2.322 | 2.331 | 2.313 | 2.342 | 2.343 | 2.324 | 4.21 Empfohlene Zitierweise: Florian Weber, Rezension zu: Thorben Gottschalk: Politische Führung im parlamentarischen Regierungssystem. Baden-Baden: 2013, in: Portal für Politikwissenschaft, http://pw-portal.de/rezension/36243-politische-fuehrung-im-parlamentarischen-regierungssystem_44056, veröffentlicht am 02.10.2013. Buch-Nr.: 44056 Inhaltsverzeichnis Rezension drucken

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