Cäcilie Schildberg

Politische Identität und Soziales Europa. Parteikonzeptionen und Bürgereinstellungen in Deutschland, Großbritannien und Polen

Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften 2010; 360 S.; brosch., 39,95 €; ISBN 978-3-531-17223-1
Politikwiss. Diss. Dortmund; Gutachter: T. Meyer. – Fragen nach Basis und Funktion europäischer Identität haben in der EU-Finalitätsdebatte Konjunktur. Vor diesem populären Hintergrund fragt Schildberg nach dem Potenzial von Sozialpolitik als Grundlage einer die Integration legitimierenden politischen Projektidentität. Aus dem Text der EU-Verträge entwickelt Schildberg ein „Skript“ des EU-Wohlfahrtsstaatsmodells, dessen inneres Spannungsverhältnis sie als liberal-sozial beschreibt, durch den Lissabonner Vertrag aber eine Stärkung der sozialen Komponente erwartet. Auf der Suche nach einem verbindenden Identitätskonstrukt stellt sie dem sozialpolitischen Selbstbild der EU die Vorstellungen der Unionsbürger entgegen, die sie in Deutschland, Großbritannien und Polen, also in drei möglichst unterschiedlichen Mitgliedsländern, untersucht. In der Tradition des politischen Kulturbegriffs von Rohe extrahiert sie dafür aus repräsentativen Umfragedaten zum einen gesellschaftliche Erwartungen an sozialstaatliche Konzepte auf nationaler und EU-Ebene (Sozio-Kultur) und synthetisiert zum anderen aus Parteiprogrammen die Interpretation von Sozialstaat, nationalem Gesellschaftsmodell und EU durch die politischen Eliten (Deutungskultur). Schildberg zeigt, dass im sozialstaatlichen Frame eine relativ hohe Kohärenz zwischen den Deutungskulturen der Parteien und dem EU-Skript besteht und eine Mehrheit der EU-Bürger Wohlfahrtsstaatsmodelle mit staatlichen Interventionen bevorzugt. Überraschend ist, dass daraus weder für die Bürger noch für die Parteien eine automatische Unterstützung des EU-Sozialstaatskonzepts oder die Forderung nach Kompetenzerweiterung der EU folgt. Die soziale Dimension der EU ist damit für die Konstruktion europäischer Identität nicht un-, aber weniger tauglich als erwartet. Trotz methodischer Schwierigkeiten wird die klar formulierte Forschungsfrage systematisch überzeugend verfolgt. Historische Flüchtigkeitsfehler und kleinere sprachliche Mängel wären durch ein sorgfältigeres Lektorat zu vermeiden gewesen, beeinträchtigen den analytischen Wert der Arbeit aber nicht.
Andrea Priebe (AP)
M. A., Politikwissenschaftlerin, Institut für Politikwissenschaft, Universität Jena.
Rubrizierung: 3.4 | 2.22 | 2.61 | 2.331 Empfohlene Zitierweise: Andrea Priebe, Rezension zu: Cäcilie Schildberg: Politische Identität und Soziales Europa. Wiesbaden: 2010, in: Portal für Politikwissenschaft, http://pw-portal.de/rezension/32081-politische-identitaet-und-soziales-europa_38262, veröffentlicht am 04.05.2010. Buch-Nr.: 38262 Inhaltsverzeichnis Rezension drucken

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