Florian Grotz / Ferdinand Müller-Rommel (Hrsg.)

Regierungssysteme in Mittel- und Osteuropa. Die neuen EU-Staaten im Vergleich

Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften 2011; 381 S.; brosch., 29,95 €; ISBN 978-3-531-16586-8
Der Band bietet einen systematischen Vergleich der Struktur und Funktionsweise der Regierungssysteme aller neuen mittel- und osteuropäischen EU-Staaten. Damit liefert er einen wichtigen Beitrag zur vergleichenden Regierungslehre, die für diesen Raum – gerade im Kontrast zu den alten EU-Mitgliedern – wesentliche Forschungsdefizite aufweist. In je einem vergleichenden Kapitel wird die Ausprägung von 13 Strukturmerkmalen dargestellt, die die Regierungssysteme hinsichtlich ihres Verfassungsrahmens, der demokratischen Willensbildung, der Binnenorganisation der Entscheidungszentren sowie des institutionellen Umfelds der Regierungen charakterisieren. Die Bilanz zeigt, dass sich die Regierungssysteme der neuen EU-Länder – allesamt parlamentarische Demokratien – nicht zuletzt unter dem Anpassungsdruck der EU-Integration denen in Westeuropa zwar angeglichen haben, im Detail aber dennoch Unterschiede im inter- wie auch intraregionalen Vergleich aufweisen. Als regionale Besonderheit gilt der geringe Konsolidierungsgrad der repräsentativen Demokratie, welcher in der Schwäche der Parteien- und Verbändesysteme deutlich wird. Diese Schwäche erklärt auch den Effekt, dass trotz ähnlicher Wahlsysteme die Disproportionalität zwischen Stimmen- und Mandatsanteil in den neuen EU-Ländern stärker ausgeprägt ist als im Westen. Sie führt mit der Tendenz zur Bildung übergroßer Koalitionen zudem zu einer spezifisch mittel- und osteuropäischen Form der Exekutivorganisation, da auf diese Weise nicht zwangsläufig ineffiziente Regierungen produziert, sondern stattdessen die Dynamiken des Willensbildungsprozesses abgefedert werden. Trotz der strukturellen Gemeinsamkeiten sind die untersuchten Regierungssysteme jedoch nicht kongruent, was auf unterschiedliche Formen der kommunistischen Herrschaftsausprägung und andere kontextabhängige Einflüsse zurückgeführt wird und die Herausgeber schließlich für die konsequentere Einbeziehung der MOE-Staaten in die vergleichende Regierungslehre plädieren lässt. Dem begrüßenswerten vergleichenden Aufbau der Einzelkapitel folgt im Anhang schließlich eine tabellarische Ausführung des empirischen Materials, die dem Leser einen zügigen Überblick ermöglicht.
Andrea Priebe (AP)
M. A., Politikwissenschaftlerin, Institut für Politikwissenschaft, Universität Jena.
Rubrizierung: 2.2 | 2.21 | 3.7 | 2.61 Empfohlene Zitierweise: Andrea Priebe, Rezension zu: Florian Grotz / Ferdinand Müller-Rommel (Hrsg.): Regierungssysteme in Mittel- und Osteuropa. Wiesbaden: 2011, in: Portal für Politikwissenschaft, http://pw-portal.de/rezension/32073-regierungssysteme-in-mittel--und-osteuropa_38253, veröffentlicht am 21.07.2011. Buch-Nr.: 38253 Inhaltsverzeichnis Rezension drucken

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