Fatima Kastner

Transitional Justice in der Weltgesellschaft

Hamburg: Hamburger Edition 2015; 399 S.; 35,- €; ISBN 978-3-86854-288-2
Weltweit werden in Postkonfliktgesellschaften Wahrheits‑ oder Versöhnungskommissionen eingerichtet, um vergangene Kriegsverbrechen, Massenmord, Vertreibungen und andere systematische Menschenrechtsverletzungen kollektiv aufzuarbeiten. Offenbar hat sich Transitional Justice unabhängig von kulturellen Differenzen zu einem globalen Konfliktlösungsmuster entwickelt. Fatima Kastner widmet sich diesem „erstaunliche[n] Phänomen der globalen Diffusion von Transitional Justice" (12) aus einer makrotheoretischen Perspektive. Vor dem Hintergrund, dass bei der Bewältigung historischen Unrechts „seit der griechischen Antike bis weit in das 20. Jahrhundert hinein […] gerade umgekehrt ein Nichterinnern und Vergessen" (13) im Mittelpunkt stand, geht es ihr darum, grundsätzlich zu ergründen, warum und wie sich die Kenntnis und Praxis von Transitional Justice innerhalb relativ kurzer Zeit verbreiten konnte. Hierfür analysiert sie die sozialhistorischen Vorbedingungen dieser Entwicklung, die sie mithilfe der Weltgesellschaftstheorien von John W. Meyer (Neoinstitutionalismus) und Niklas Luhmann (Systemtheorie) ausdeutet. Aus diesem Blickwinkel rekonstruiert sie in den ersten Kapiteln die Entwicklung des menschenrechtlichen Denkens, zeichnet die völkerrechtlichen Entwicklungslinien sowie die Ausdifferenzierung eines erweiterten Gerechtigkeitskonzepts nach und arbeitet die Funktion von Wahrheitskommissionen heraus. Sie stellt einen „entscheidenden moralisch‑normativen Umschlag in der Weltgesellschaft" (187) fest, weg von der Fokussierung auf eine täterorientierte Strafjustiz, hin zu einer rechtlichen Ermächtigung der Opfer mit dem Ziel der Aussöhnung und des sozialen Friedens. Wie sich dieser globale Orientierungswandel auf der lokalen Ebene niederschlägt, untersucht Kastner anschließend am Beispiel des Transitionsprozesses in Marokko, für den sie wichtige Schlüsselereignisse und strukturelle Dynamiken herausarbeitet. Als ein Ergebnis lässt sich dabei festhalten, dass globale Normvorgaben einen sozialen Anpassungsdruck auf der nationalen Ebene hervorrufen. Dadurch werden „nationale Gesellschaften, ungeachtet des tatsächlich vorherrschenden politischen Willens, der kulturellen und sozialen Orientierung und des Entwicklungs‑ und Modernisierungsgrades, in weltgesellschaftliche Zusammenhänge eingebettet […], die ihr Agieren nachhaltig normativ einschränken und zum Teil sogar dirigieren können? (348 f.).
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Rubrizierung: 4.1 | 4.42 | 4.3 | 2.65 | 2.68 Empfohlene Zitierweise: Anke Rösener, Rezension zu: Fatima Kastner: Transitional Justice in der Weltgesellschaft Hamburg: 2015, in: Portal für Politikwissenschaft, http://pw-portal.de/rezension/39068-transitional-justice-in-der-weltgesellschaft_47052, veröffentlicht am 12.11.2015. Buch-Nr.: 47052 Inhaltsverzeichnis Rezension drucken

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