Michael Reder / Mara-Daria Cojocaru (Hrsg.)

Zur Praxis der Menschenrechte. Formen, Potenziale und Widersprüche

Stuttgart: Verlag W. Kohlhammer 2015 (Globale Solidarität – Schritte zu einer neuen Weltkultur 25); 176 S.; 26,99 €; ISBN 978-3-17-028899-7
Die Frage nach einer gelingenden Praxis der Menschenrechte, noch dazu in globalem Maßstab, stellt sich angesichts der europäischen Flüchtlingskrise, des Krieges in Syrien sowie des unvermindert fortschreitenden Klimawandels so vehement wie selten zuvor in den vergangenen Jahren und Jahrzehnten. In den Beiträgen des Bandes wird in philosophischer, aber auch in politik‑ und sozialwissenschaftlicher Perspektive gefragt, wie sich ein „global tatsächlich akzeptables Verständnis der Menschenrechte“ (7) formulieren und wie sich dieses praktisch ausgestalten lässt. Corinna Mieth geht in ihrem Beitrag der in jüngerer Vergangenheit häufiger zu beobachtenden Tendenz der Aufweichung des Folterverbots in etablierten repräsentativen Demokratien – wie in Deutschland oder den USA, wenn auch mit signifikanten Unterschieden – nach: „Kann es unter extremen Bedingungen“, so ihre Fragestellung, „moralisch erlaubt oder sogar geboten sein, das Menschenrecht, nicht gefoltert zu werden, zu verletzen?“ (85) Ihre Antwort: Jede Eröffnung einer Option auf ‚legale Folter’ mündet in eine nicht mehr zu kontrollierende Eskalation: Wenn der Rechtsstaat foltert, sollten die Folternden dann nicht wenigstens gut ausgebildet sein? Müssten medizinische Fakultäten Folterseminare anbieten – und wenn nicht Universitäten, dann wenigsten Polizeihochschulen? Um solche perversen Fragen gar nicht erst aufkommen zu lassen, gelte es, sich darüber klar zu sein, dass politisches Entscheiden und politische Verantwortung auch mit tragischen Konsequenzen umzugehen haben, die sich nicht durch formale Legalisierung menschenunwürdiger Praktiken beseitigen lassen. Stephan Stetter wirft in seinem Beitrag einen Blick auf die Lage der Menschenrechte im Nahen Osten. Trotz der hoffnungsvollen Ansätze zu politischer Reform im Rahmen des Arabischen Frühlings seien die in der Region etablierten Macht‑ und Herrschaftsverhältnisse so festgefahren, dass ein antagonistisches Nullsummenspiel mittel‑ bis langfristig die politischen Aushandlungsprozesse bestimmen werde. Eine substanzielle Durchsetzung von Menschenrechten habe unter derart existenziell zugespitzten Bedingungen kaum eine Chance. Die Beiträge gehen zurück auf das Sommerkolloquium 2014 des Forschungs‑ und Studienprojekts der Rottendorf‑Stiftung „Globale Solidarität. Schritte zu einer neuen Weltkultur“ an der Hochschule für Philosophie, München.
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Rubrizierung: 4.424.414.32.22.63 Empfohlene Zitierweise: Matthias Lemke, Rezension zu: Michael Reder / Mara-Daria Cojocaru (Hrsg.): Zur Praxis der Menschenrechte. Stuttgart: 2015, in: Portal für Politikwissenschaft, http://pw-portal.de/rezension/40145-zur-praxis-der-menschenrechte_47569, veröffentlicht am 03.11.2016. Buch-Nr.: 47569 Inhaltsverzeichnis Rezension drucken

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