Hans Diefenbacher / Roland Zieschank

Woran sich Wohlstand wirklich messen lässt. Alternativen zum Bruttoinlandsprodukt

München: oekom verlag 2011; 109 S.; 12,95 €; ISBN 978-3-86581-215-5
Seit Jahrzehnten wird die alleinige Orientierung von Wirtschaft und Politik am Wirtschaftswachstum, gemessen als Zuwachsrate des Bruttoinlandprodukts (BIP), kritisiert. Schon 1967 äußerte sich Robert F. Kennedy, ein jüngerer Bruder von John F. Kennedy: „Wir können unsere nationale Leistung nicht anhand des Bruttosozialprodukts messen. […] Es misst alles, außer diejenigen Dinge, die das Leben lebenswert machen.“ (43) Nicht nur in den USA, sondern auch in anderen Teilen der Welt wurden bereits zu Beginn der 70er-Jahre innovative Alternativen wie beispielsweise das asiatische „Bruttonationalglück“ (44) entwickelt. Die Autoren geben einen Überblick über diese frühen Ideen und diskutieren aktuelle Ansätze für einen neuen Wohlstandsindikator, mit dem die negativen ökologischen und sozialen Begleiterscheinungen wirtschaftlichen Wachstums nicht länger ausgeblendet und Leistungen aus der informellen Wirtschaft oder immaterielle Werte wie soziales Engagement, Freizeit und saubere Umwelt in die Wohlstandsmessung einbezogen werden. Diefenbacher und Zieschank gehen zudem auf die in Deutschland geführte Diskussion ein. Sie stellen u. a. das Glücks-BIP der Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft, das Wohlstandsquartett vom Denkwerk Zukunft und den von ihnen selbst entwickelten Nationalen Wohlfahrtsmix Deutschland (NWI) vor. Zwar setzt sich allmählich in der Politik die Erkenntnis durch, dass Wohlstand nicht allein am Wirtschaftswachstum gemessen werden kann – dies belegen die jüngst eingesetzten Kommissionen in Frankreich und Deutschland oder auch vom Europäischen Parlament eingeleitete Initiativen zur Erarbeitung eines neuen Wohlstandsmaßes. Doch genau in diesen „fast hektischen Aktivitäten“ sehen die Autoren ein Zeichen dafür, „dass sich nichts ändern muss – jedenfalls nicht schnell: Nachdem man mehr als 20 Jahre nichts getan hat, um längst vorhandene wissenschaftliche Erkenntnisse in eine Veränderung der amtlichen Statistik und der politischen Praxis umzusetzen, erlaubt man sich jetzt – wieder einmal – eine lange Periode, in der Kommissionen tagen und Studien erarbeitet und diskutiert werden.“ (9) Der schmale Band bietet damit nicht nur einen Einstieg in die aktuelle Diskussion, sondern er dokumentiert eindrucksvoll die folgenschwere Beharrlichkeit einer Kennzahl.
Anke Rösener (AR)
Dipl.-Politologin, Redakteurin pw-portal.de.
Rubrizierung: 2.2 | 2.262 | 2.342 Empfohlene Zitierweise: Anke Rösener, Rezension zu: Hans Diefenbacher / Roland Zieschank: Woran sich Wohlstand wirklich messen lässt. München: 2011, in: Portal für Politikwissenschaft, http://pw-portal.de/rezension/33697-woran-sich-wohlstand-wirklich-messen-laesst_40359, veröffentlicht am 01.09.2011. Buch-Nr.: 40359 Inhaltsverzeichnis Rezension drucken

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