Skip to main content

Heinz Bude: Pandemie und Gesellschaft. Ein Gespräch über eine Zeitenwende

30.09.2021
1 Ergebnis(se)
Autorenprofil
Dr. Christian Heuser, PhD, M.A.
Bonn, Dietz Verlag 2021

BTW-Schwerpunkt: Aus der Krise

Indem man andere schützt, schützt man sich selbst. Diese Idee, so Heinz Bude im Interview mit Christian Krell, sei der Basismechanismus von Solidarität. Zu Beginn der Corona-Krise sei sie vorhanden gewesen, doch mittlerweile befinde sie sich in Gefahr. Einen Ausweg biete sowohl die Wiederbelebung der kommunalen Ebene als auch ein solidarisches Handeln auf Ebene der Europäischen Union – so ließen sich die Folgen der Corona-Krise gemeinsam bewältigen. Christian Heuser hat die Publikation besprochen. (ste)

Eine Rezension von Christian Heuser

„[D]er Begriff der Solidarität, der uns Zukunft bringt, ist einer, der durch das Nadelöhr des Ichs gehen muss. Hier ist wieder Corona sehr wichtig: Das ist die Erfahrung der allgemeinen Verwundbarkeit“ (29), so fasst Heinz Bude, Professor für Makrosoziologie an der Universität Kassel, die derzeitige Corona-Krisenlage aus seiner Sicht im Dialog mit Christian Krell im Rahmen der Gesprächsreihe „rausgeblickt“ zusammen. Diese liegt nun editiert im Dietz-Verlag vor.

Eine der zentralen Lösungsansätze der Corona-Krisenlage lautet: „Wie können wir einen Staat neu denken, vor dem man sich nicht fürchten muss?“ (21) Bude spricht damit im Rahmen der Corona-Thematik die klassische Frage der Soziologie nach dem Verhältnis von Kollektiv (Staat) und Individuum (Bürger) an und verbindet sie gekonnt mit seinem derzeitigen Forschungsschwerpunkt der Solidarität. Im Gesprächsverlauf wird dieses Verhältnis mit zahlreichen interessanten Beispielen und einer für ein Gespräch richtigen Dosis an Theoretisierung ausgeführt.

Doch warum sind Solidarität und die Corona-Thematik so eng verbunden? Bude bringt es auf den Punkt: Jeder/jede Bürger*in schützt sich, indem er/sie andere schützt, was der Basismechanismus von Solidarität ist. Nachdem dies zu Beginn der Corona-Krise noch gut funktionierte, sieht Bude die Solidarität mittlerweile gefährdet, unter anderem durch autoritäre Sehnsüchte, Freiheitsfantasien bei gleichzeitiger Abhängigkeit vom Staat sowie einer allgemeinen Frustration darüber, dass man sich Verhältnissen beugen müsse, die man nicht mehr beeinflussen könne. Eine mögliche Lösung dafür sei die „Renovierung“ (50) des kommunalen Gedankens. Vor Ort, also ‚im Kleinen‘, könne Solidarität besonders gut funktionieren, was wiederum die Individualebene betreffe. Für die Kollektivebene schlägt Bude jedoch ein solidarisches Handeln auf EU-Ebene vor. Hier könnten im Sinne einer Europäischen Union der „Gemeinsamkeiten von Problemen“ (43) die unterschiedlichen Stärken der Mitgliedstaaten dazu beitragen, dass die Folgen der Corona-Krise gemeinsam bewältigt werden. Innerhalb Deutschlands unterstützt Bude den Keynesianismus und die bisherigen wirtschaftspolitischen Maßnahmen im Sinne dieser nachfrageorientierten Wirtschaftstheorie.

Eine große Stärke des Buchformats ist, dass die Leser*innen einer interessanten Diskussion folgen können. Da das Gespräch anhand einzelner Themenkomplexe strukturiert ist, lässt sich dem Gespräch problemlos folgen, was das Buch zu einer aufschlussreichen Lektüre macht.

Neueste Beiträge aus
Demokratie und Frieden
  • Biblio Link Alexander Libman / 12.05.2024

    Michael Hüthner, Melinda Fremerey und Simon Gerards Iglesias: Gegen die Weltordnung. Russlands Sonderweg und sein ökonomischer Preis

    Welche wirtschaftlichen Folgen haben der Krieg gegen die Ukraine und die Sanktionen für Russland? Aufbauend auf einer historischen Einbettung kommen die Ökonom*innen Hüthner, Fremerey und Gerards z...
  • Biblio Link Sarah Ketteniß / 03.05.2024

    Julia Ziller, Emely Drewing, Julia Janik (Hg.): Umkämpfte Zukunft. Zum Verhältnis von Nachhaltigkeit, Demokratie und Konflikt

    Die Autor*innen des vorliegenden Sammelbands beschäftigen sich mit der Bedeutung der Nachhaltigkeit für demokratische Gesellschaften. Dabei sollen vor allem die Fragen geklärt werden, wie Nachhalti...
  • Biblio Link Michael Kohlstruck / 18.04.2024

    Ronen Steinke: Verfassungsschutz. Wie der Geheimdienst Politik macht

    Michael Kohlstruck sieht in dem vorliegenden Buch eine gelungene Aufarbeitung eines in Politik und Wissenschaft virulenten Themas für die breite Öffentlichkeit: Der Autor Ronen Steinke entfalte dari...

Themenschwerpunkt BTW21



Wahl MnnchenFoto: adobestock / mpix-foto

Die Bundestagswahl auf dem PW-Portal

Wie blicken Politikwissenschaftler*innen auf die Bundestagswahl im September 2021? In unserem Schwerpunkt BTW21 lassen wir sie zu Wort kommen.
Zum Thema

Neueste Beiträge aus
Demokratie und Frieden
  • Biblio Link Alexander Libman / 12.05.2024

    Michael Hüthner, Melinda Fremerey und Simon Gerards Iglesias: Gegen die Weltordnung. Russlands Sonderweg und sein ökonomischer Preis

    Welche wirtschaftlichen Folgen haben der Krieg gegen die Ukraine und die Sanktionen für Russland? Aufbauend auf einer historischen Einbettung kommen die Ökonom*innen Hüthner, Fremerey und Gerards z...
  • Biblio Link Sarah Ketteniß / 03.05.2024

    Julia Ziller, Emely Drewing, Julia Janik (Hg.): Umkämpfte Zukunft. Zum Verhältnis von Nachhaltigkeit, Demokratie und Konflikt

    Die Autor*innen des vorliegenden Sammelbands beschäftigen sich mit der Bedeutung der Nachhaltigkeit für demokratische Gesellschaften. Dabei sollen vor allem die Fragen geklärt werden, wie Nachhalti...
  • Biblio Link Michael Kohlstruck / 18.04.2024

    Ronen Steinke: Verfassungsschutz. Wie der Geheimdienst Politik macht

    Michael Kohlstruck sieht in dem vorliegenden Buch eine gelungene Aufarbeitung eines in Politik und Wissenschaft virulenten Themas für die breite Öffentlichkeit: Der Autor Ronen Steinke entfalte dari...