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Den Eigensinn der Gegenwartsgesellschaft verstehen

29.02.2024
1 Ergebnis(se)
Autorenprofil
Dr. Stefan Wallaschek
Anton Jäger (2023): Hyperpolitik, Berlin: Suhrkamp.
Steffen Mau/Thomas Lux/Linus Westheuser (2023): Triggerpunkte. Konsens und Konflikt in der Gegenwartsgesellschaft, Berlin: Suhrkamp.

Mit den vorliegenden Büchern sind zwei Gegenwartsdiagnosen erschienen, die gesellschaftliche Konfliktlinien und die Art und Weise ihrer Politisierung auf komplementäre Weise erfassen. Während die Autoren von „Triggerpunkte“ laut unserem Rezensenten Stefan Wallaschek eine gelungene empirische Vermessung vermeintlicher gesellschaftlicher Polarisierungen vornehmen, rekonstruiert Anton Jäger vor diesem Hintergrund überzeugend, wenn auch nicht ohne Mängel, unter dem Begriff „Hyperpolitik“ historisch die Entstehung einer desorganisierten und damit ineffektiven Politikform. (jm)


Eine Sammelrezension von Stefan Wallaschek

Was kennzeichnet die Gesellschaft und Politik der Gegenwart? Erleben wir ein Aufflammen alter oder neuer politischer Konflikte, sehen wir das Entstehen neuer gesellschaftlicher Brüche, sind gar die Spaltung der Gesellschaft und das Ende der parteien-zentrierten parlamentarischen Demokratie eingeläutet?

Kaum eine soziologische Forschungsarbeit hat in den letzten Jahren so schnell und breit Aufmerksamkeit erhalten wie die vorliegende Studie von Steffen Mau, Thomas Lux und Linus Westheuser. Aufbauend auf eigenen Vorstudien (Mau et al. 2020) kartieren die Autoren anhand von vier Ungleichheitskonflikten die bundesdeutsche Gegenwartsgesellschaft. Die mehr als 400 Seiten umfassende Studie hat ihren Ausgangspunkt in der aktuellen Diskussion um eine gespaltene Gesellschaft, Polarisierungstendenzen und Wertekonflikten. Vor diesem Hintergrund argumentieren die Soziologen, dass die Gesellschaft durch mehrere Dimensionen der Ungleichheit gekennzeichnet sei. Diese benennen die Autoren als „Arenen der Ungleichheit“ (37) und analysieren insbesondere vier davon: Fragen um ökonomische Ungleichheit (Oben-Unten-Arena), ungleiche Zugehörigkeit und Mitgliedschaft (Innen-Außen-Arena), ungleiche Anerkennung und Rechte (Wir-Sie-Arena) und ökologische und klimapolitische Ungleichheiten (Heute-Morgen-Arena). Diese Typologie haben die Autoren nicht nur theoretisch unterfüttert und in die Forschungsliteratur eingebettet, sondern auch mithilfe einer Faktorenanalyse der Umfrageitems empirisch untersucht. Damit wird überprüft, ob die einzelnen Items, die die Ungleichheitskonflikte messen sollen, auch tatsächlich untereinander korrelieren. Zudem nutzen die Autoren neben Umfragedaten auch Einsichten aus eigens geführten Fokusgruppeninterviews. Der Online-Appendix der Studie gibt zu der Befragung sowie den Fokusgruppen transparent und nachvollziehbar Auskunft.

Insgesamt stellen die Autoren fest, dass sich die Aussage „Deutschland sei eine polarisierte Gesellschaft“ nicht halten lässt. Konflikte bestehen in allen vier Arenen, doch sie führen nicht dazu, dass sich zwei unvereinbare Lager gegenüberstehen. Das soziale Band der Gesellschaft ist zwar unterschiedlich stark gestrafft, aber die Diagnose eines „Zerreißens“ würde die Konflikthaftigkeit gegenwärtiger Themen überspitzen und gleichzeitig den bestehenden gesellschaftlichen Zusammenhalt unterschätzen. So zeigen die an der Humboldt-Universität zu Berlin lehrenden Soziologen, dass Klassenunterschiede (Oben-Unten-Arena) durchaus als problematisch angesehen werden, aber unterschiedliche Statusgruppen Bedenken gegenüber zu viel Umverteilung hätten wie auch gegenüber der Frage zu wessen Gunsten umverteilt werden sollten. Auch in der Frage der Immigration und der Aufnahme von Geflüchteten (Innen-Außen-Arena) gebe es zwar eine grundlegende Zustimmung, doch auch klare gesellschaftliche Erwartungen an die Politik, Migration nach bestimmten Voraussetzungen zu regeln. Gerade da Migration und Migrationspolitik medial und parteipolitisch so aufgeladen sind, zeichnen die Ergebnisse der Umfrage und Fokusgruppen ein differenziertes Bild, welches eine Mittlerposition zwischen einer „open border“-und der „Festung-Europa“-Politik bezieht. Ebenso untermauern die Daten zu Geschlechtergerechtigkeit und Anerkennung von Geschlechtervielfalt (Wir-Sie-Arena), dass in diesem Bereich eine klare gesellschaftliche Liberalisierung stattgefunden hat. Die Ausgestaltung von Gleichstellung und die (un-)verbindliche Nutzung von gender-gerechter Sprache hätten die Teilnehmenden das Fokusgruppen zwar vielfach diskutiert, ohne den Grundkonsens geschlechtlicher Gleichberechtigung aber grundlegend anzuzweifeln. Die Heute-Morgen-Arena sei dementsprechend auch nicht von Klimawandelleugnung und einer Ignoranz gegenüber ökologischen Fragen gekennzeichnet, sondern von einer generellen Priorisierung, wenn nicht gar Sorge um klimapolitische Themen geprägt. Konfliktträchtig, aber eben nicht polarisierend, sei eher die Frage, wie dem Klimawandel beigekommen werden könne und was dementsprechend international wie national getan werden sollte. Es gehe also in allen vier Arenen nicht, wie die Polarisierungsdebatte teilweise suggeriere, um das ob eines Grundbestands an geteilten Einstellungen und Werten, sondern um darum, wie diese gesellschaftlich ausbuchstabiert und politisch umgesetzt würden.

Die titelgebenden Triggerpunkte werden gesondert in einem Kapitel (Kap. 7) behandelt. Bei diesen handele es sich um „Orte innerhalb der Tiefenstruktur von moralischen Erwartungen und sozialen Dispositionen, auf deren Berührung Menschen besonders heftig und emotional reagieren.“ (246). Das heißt für die Autoren, sie sprechen vor allem die emotionale Seite von Einstellungen an und dies kann dadurch zu starken Mobilisierungen und öffentlichen Auseinandersetzungen führen. Es seien im Alltagswissen verortete Begriffe, Themen oder Phrasen, die eine Wirkung auf unsere moralischen und soziopolitischen Vorstellungen entfalteten. Triggerpunkte werden in vier Typen unterteilt: wahrgenommene Ungleichbehandlungen, die unsere Vorstellung von Gleichheit unterminierten; Anrufungen von Normalität, wenn gegen diese vermeintlich verstoßen werde; Befürchtungen, dass bestehende soziale und symbolische Grenzen verändert und unkontrollierbar seien; und schließlich überbordende Autonomievorstellungen, die Regeln und Normen als übergriffig ansehen. Die Triggerpunkte funktionieren besonders gut, weil sie negativer Natur sind. Solche Befürchtungen, Ängste um Kontrollverlust, Wahrnehmungen von Einschränkungen oder Ungleichbehandlungen würden in Triggerpunkten angesprochen, die aber nicht notwendigerweise einer umfassenden Argumentation bedürfen, um verstanden zu werden. Es reiche die Anrufung solcher Triggerpunkte, um Debatten anzuheizen und ganze Argumentation abzukürzen oder auch lahmzulegen.

Jenseits der Einzelbetrachtung der Arenen, vergleichen die Autoren die Konfliktlagen miteinander, um Überschneidungen oder Abgrenzungen genauer zu untersuchen (Kap. 8). Zugleich betrachten sie die damit verbundenen Parteikonflikte, in denen die Arenen mit den Parteipositionen und den Wahlpräferenzen der Befragten zusammengebracht werden. Hier zeige sich deutlich, dass Grüne und AfD in drei von vier Arenen diametrale Positionen aufwiesen, während sich die anderen Parteien dazwischen einsortieren. Die Oben-Unten-Arena funktioniere hingegen klassisch nach einer Links-Rechts-Ordnung, da hier Die Linke und FDP die beiden Pole bildeten (sowohl unter den Parteien als auch in der Wählerschaft). Gleichzeitig seien die AfD Wähler*innen deutlich weiter von der AfD Parteiposition entfernt als dies im Verhältnis der anderen Parteien zu ihren Wähler*innen beobachtet werden kann (Kap. 10).

Schließlich gehen die Autoren auch auf die Rolle von Emotionen ein (Kap. 9). Mau/Lux/Westheuser argumentieren, dass Sozialfiguren wie ein „Lobbyist für große Konzerne“, „AfD-Anhänger“, „SUV-Fahrer“ oder „Langzeitarbeitslose“ idealtypisch für bestimmte Positionen in den einzelnen Arenen stehen und daher bestimmte Bilder, Assoziationen und Emotionen hervorrufen würden. Sie zeigen, dass die genannten Sozialfiguren vor allem negativ konnotiert seien (327). Solche stilisierten Personen finden sich häufig in Medienartikeln, Tweets oder Youtube Videos wieder, da sie bestimmte gesellschaftliche Stimmungen symbolisieren und medial repräsentieren, weswegen die Autoren untersuchen, ob sich eine Sympathie oder Antisympathie zu solchen Sozialfiguren teilweise über die Mediennutzung erklären lasse. Ihre Ergebnisse legen nahe, dass Konsument*innen traditioneller Medien (Printzeitung, TV, Radio) tendenziell positiver gegenüber „Langzeitarbeitslosen“ oder „Anhängern der Grünen“ stehen, während die Nutzer*innen sozialer Medien eher positiv gegenüber Sozialfiguren wie dem „AfD-Anhängern“ oder „SUV-Fahrern“ eingestellt seien (339).

Obendrein stellen Mau/Lux/Westheuser dar, dass Wut und Erschöpfungsempfindungen stark vom sozialen Status abhängen, da Personen mit geringerem Bildungsgrad, niedrigerem Einkommen und unterer Klassenposition diese Emotionen stärker äußern. Diese Emotionen korrelieren dann ebenso mit Wahrnehmungen der Überforderung, Resignation und Hilfslosigkeit in Bezug auf gesellschaftlichen Wandel, der Gestaltung der eigenen Lage und dem Umgang mit Veränderung. Wie die Autoren festhalten: „Wut zeigt sich vor allem bei denjenigen, die sich dem politischen und normativen Wandel verschließen und den Status quo verteidigen“ (344). Daraus könne sich dann gesellschaftliche Ablehnung und eine weniger progressive Haltung speisen, die auch elektorale Konsequenzen haben kann. Wähler*innen der AfD und der Linken sowie Nicht-Wähler*innen seien laut den Umfragedaten eher wütend und fühlten sich weniger repräsentiert.

Die Studie von Steffen Mau, Thomas Lux und Linus Westheuser ist sehr reich an Befunden und Erkenntnissen und es gibt noch weitere Einsichten, die hier nicht weiter besprochen werden können. Aber besonders in drei Aspekten ist die Arbeit herausragend. Erstens werden gesellschaftlichen Strukturen und Einstellungen in mehreren Dimensionen gemessen, womit sie einen überaus detaillierten und fundierten Blick auf die „Arenen der Ungleichheit“ werfen. Das hat zur Folge, dass die Ergebnisse differenziert ausfallen und dies von den Autoren auch so dargestellt wird. Zweitens erfolgt eine ausführliche theoretische Einbettung, die eine Schwarz-Weiß Zeichnung der Forschungsliteratur vermeidet, um womöglich eigene Ergebnisse übermäßig zu betonen. Die Autoren nehmen sehr kenntnisreich die sozialwissenschaftliche Forschung wahr und zeigen gekonnt auf, wie ihre Ergebnisse neue Erkenntnisse bringen und an die bestehende Forschung anknüpft. Drittens ist der Datenmix aus eigens erhobenen Querschnittsdaten, existierenden Längsschnittdaten sowie dem Material aus Fokusgruppen überaus anregend und schafft genau die Datenkomplementarität, die häufig angemahnt, aber nur selten realisiert wird.

Es lässt sich also festhalten, dass die Autoren der umfassenden Polarisierungsdiskussion widersprechen und auf Grundlage ihrer Daten zeigen können, dass es allenfalls eine Polarisierung der Ränder gebe und diesen öffentlich überdurchschnittlich mehr Raum gegeben werde, weshalb der Eindruck entsteht, dass „die“ Gesellschaft polarisiert sei. Sie sprechen in diesem Kontext auch von einer „Politisierung ohne Polarisierung“ (384). Wenn es zu sozialen Auseinandersetzungen komme, dann manifestieren diese sich in themen-gebundenen Konflikten, die nicht grundlegend den Klimawandel oder die Gleichberechtigung der Geschlechter infrage stellen, sondern es vielmehr ein Ringen um die Ausgestaltung von sozialem und normativem Wandel gebe. Damit zeichnen die Autoren die Grautöne, die immens wichtig für die öffentliche Debatte sind und gleichzeitig weitere Forschung anregen, um tiefer zu bohren und zu untersuchen, ob und inwiefern sich diese Konfliktmuster auf andere Länder übertragen lassen.

Zwei Themenbereiche scheinen mir in der Studie zu wenig beachtet. Erstens wäre es spannend gewesen, noch mehr über Medieninhalte und -konsum der Befragten und der Fokusgruppen-Teilnehmenden zu erfahren. Zum Beispiel ist weder im Buch noch im Online-Anhang dokumentiert, wie lang oder häufig die Mediennutzung der Befragten ausgefallen ist, was jedoch zu Unterschieden in der Wahrnehmung und Einstellung der Personen zu den befragten Ungleichheitskonflikten führen kann (siehe auch Wallaschek/Minkus o.J.). Ebenso ließe sich überlegen, dass die Nutzung sozialer Medien nicht nur passiv als Konsum von Informationen erfolgen, sondern auch die Form aktiver Teilnahme an der Medienproduktion durch Verbreitung von Informationen, Kommentierung oder gar durch Hassrede und Trolling annehmen kann. Diese verschiedenen Nutzungen sowie Funktionsweisen sozialer Medienplattformen würde den Blick auf die Ungleichheitskonflikte verändern und womöglich wie in einem Prisma verzerren, wie Christopher Bail (2021) argumentiert hat. Gerade vor dem Hintergrund des zentralen Ergebnisses, dass Polarisierung weniger gesellschaftlich präsent ist als öffentlich-medial dargestellt, wäre die weitere Exploration von Einstellungen zu den Ungleichheitskonflikten und Mediennutzung lohnend.

Zweitens frage ich mich, wie es um die Relevanz Europas für Konsens und Konflikt in der deutschen Gesellschaft bestellt ist. Zahlreiche Studien, die zuerst die kosmopolitische versus partikularistische Konfliktlinie identifiziert haben (u.a. Hooghe et al. 2002; Kriesi et al. 2012; Teney et al. 2014), zeigen, dass die Unterstützung oder Ablehnung der Europäischen Union bzw. des europäischen Integrationsprozessen sich nicht mit der klassischen Links-Rechts Verortung von Parteien und Bürger*innen erklären lässt. Nun tauchen bei Mau, Lux und Westheuser Fragen zur EU kaum auf und werden, wenn überhaupt, bei der Innen-Außen-Arena knapp thematisiert. Es scheint demnach so, dass Europa für die Frage nach dem Stand der Konflikthaftigkeit und sozialen Ungleichheit der deutschen Gesellschaft keine Rolle zu spielen scheint. Heißt das also, dass, wenn es um Ungleichheitskonflikte in Deutschland geht, Europa abwesend ist? Oder liegt Europa nicht viel mehr quer zu den vier Themen? Viele Aspekte von „gender mainstreaming“ und Nicht-Diskriminierung wurden durch die EU vorangetrieben, Fragen nach Migrationsregulierung und Asylverfahren sowie nach Klimapolitik und ökologischen Ungleichheiten lassen sich kaum nur nationalstaatlich regeln und selbst Klassenunterschiede bergen eine transnationale Dimension, wenn es um Freizügigkeit in der EU, Steuerparadiese für Superreiche und transnationale Arbeitsmigration geht. Es wäre wünschenswert gewesen, wenn die Autoren der Rolle der EU und Europäisierung mehr Aufmerksamkeit gewidmet hätten und genauer geklärt werden, wie sich die Ungleichheitsarenen zu Europa verhalten.

Das Essay von Anton Jäger ist inhaltlich wie strukturell ganz anders angelegt. Es versucht eine Beobachtung gegenwärtiger politischer und gesellschaftlicher Verschiebungen zu theoretisieren. Jäger schlägt dafür das Konzept der Hyperpolitik vor. Sein Hauptargument lautet, dass die Hyperpolitik „eine Form der Politik [ist], die auf die Massenpolitik des späten 19. und des kurzen 20. Jahrhunderts, die Postpolitik der ‚sehr langen‘ Neunziger und die Antipolitik der zehner Jahre gefolgt ist“ (14). Der Autor versucht demnach zu rekonstruieren, wie Politik in der Vergangenheit betrieben und institutionalisiert wurde und wie sie sich gegenwärtig darstellt.

Das heißt, so der Autor, dass sich diese Veränderungen der Politik anhand der zwei Achsen der Politisierung und der Institutionalisierung beschreiben lassen. Jede Politikform scheint idealtypisch ihrer eigenen Logik aus Politisierung und Institutionalisierung zu folgen. Beispielsweise zeichne sich die Massenpolitik durch einen hohen Grad an Politisierung und Institutionalisierung aus, da sowohl Klassengegensätze durch kollektive Akteure organisiert und repräsentiert worden seien als auch öffentlich eine klare und stark ausgeprägte Konfliktlage vorgelegen habe. Die Hyperpolitik sei ebenfalls durch eine hohe Politisierung geprägt, sei aber mit einer nur schwach ausgeprägten Institutionalisierung gepaart. Waren es früher Intellektuelle und prominente Parteipolitiker*innen in der Massenpolitik, die öffentlich wirksam waren und Ideen und Inhalte kommuniziert haben, sind es Jäger zufolge nun Influencer*innen auf sozialen Medienplattformen, die kurzlebig und opportunistisch Meinungsaussagen tätigen und nur noch Versatzstücke einer politischen Haltung liefern. Damit erfolge eine massive Beschleunigung, Fragmentierung und Dezentrierung von Kommunikation, sozialer Verhältnisse und politischer Konstellationen, die konkrete Konflikte und tiefergehende Auseinandersetzungen gar nicht benötigten. Allein die moralische Aufregung und der kommunikative Schein reiche, um Konflikthaftigkeit, Empörung und Diskussion kurzfristig zu erzeugen, wenn nicht gar zu imitieren. Ideologisch würden die Konfliktlinien verschwimmen und sich politische Einstellungen vieler Menschen eher um Empörungsthemen herum bilden als auf einer konsistenten Weltanschauung basieren.

Jäger argumentiert, dass Hyperpolitik zwar politisch sei, aber nur noch wenig mit Politik, wie sie sich vor allem durch organisierte Interessen in Form von Gewerkschaften und politische Parteien im 20. Jahrhundert ausdrückte, zu tun habe. Klar identifizierbare Wählerschaften, mitgliedsstarke Organisationen und enge Wählerbindungen seien passé und damit auch Interessen- und Ideengegensätze, die sich adressieren und mobilisieren ließen. Wie er pointiert schreibt: „Die Menschen sind im neuen Jahrhundert einsamer, aber auch aufgeregter; atomisierter, aber auch vernetzter, wütender, aber auch verwirrter“ (21).

Die Dimensionen Politisierung und Institutionalisierung versucht der Autor einerseits in eine grafische Darstellung zu gießen (17) und andererseits in ein Vier-Felder-Schema zu sortieren (99). Jedoch basiert die Visualisierung auf keinerlei Datengrundlage, weswegen das Schaubild selbst mit dem Hinweis, dass es sich hier um „ein eher intuitives Diagramm“ (16) und eine „stilisierte Darstellung“ (17) handele, irritiert. Die Graphen suggerieren schließlich Zusammenhänge, Intensitäten und zeitliche Abläufe, die der Autor zwar argumentativ darlegen, aber grafisch nicht darstellen kann, da die Datengrundlage fehlt. Das Schema wiederum lässt eine Leerstelle bei der Frage, was für eine Politik eine hohe Institutionalisierung, aber geringe Politisierung bezeichne und im Feld hohe Politisierung und geringe Institutionalisierung werden sowohl Anti- als auch Hyperpolitik einsortiert. Das Schema ist also weder allumfassend noch hinlänglich ausschließend, um eine klare Typologie anzubieten.

Damit ist dann auch nicht klar, ob Hyperpolitik eine neue Politikform ist, wie es am Anfang des Essays erscheint oder wie Jäger selbstkritisch am Ende festhält, doch „nur“ eine Radikalisierung der Antipolitik sei (100), die der Hyperpolitik zeitlich vorgelagert ist. Jäger nennt zwei Aspekte, in denen sich Anti- und Hyperpolitik unterscheiden. Gegenüber der Antipolitik würde die Hyperpolitik nicht nur einzelne Gruppen wie Occupy Wallstreet oder die italienische 5-Sterne-Bewegung (84-90), sondern die gesamte Gesellschaft politisieren. Jedoch komme die Politisierung ohne ideologischen Unterbau daher, wie Gesellschaft und Politik zu sein haben. Zudem kennzeichne „hyperpolitisch“ keine Organisationsform, sondern „eher eine allgemeine Atmosphäre“ (99). So seien die Black-Lives-Matter-Proteste zwar kurzfristig stark sichtbar und laut gewesen, doch sei keine Institutionalisierung oder nachhaltige Politikveränderung eingetreten (105-108).

Generell weist die chronologische Rekonstruktion des Autors einen gewissen recency bias auf, denn umso näher die beschriebenen Politikformen der Gegenwart sind, umso kürzer sind deren Phasen. Erscheint die Massenpolitik noch als stabil und langanhaltend, wirken bereits die Postpolitik und dann noch stärker Anti- und Hyperpolitik massiv volatil und innerhalb recht kurzer Zeit würden neue Politikformen entstehen und sich vermeintlich identifizieren lassen. Es mag zum Teil der Textform geschuldet sein, doch überzeugt Jägers Vorschlag, die gegenwärtigen politischen Verhältnisse als „Hyperpolitik“ zu beschreiben, wenig und lässt sowohl in konzeptioneller Hinsicht als auch in der Rekonstruktion der vier Politikformen Fragen offen.

Bei allen Unterschieden in Inhalt und Aufbau betonen beide Bücher, dass die (Wieder-)Belebung organisierter Interessen notwendig sei. Jäger argumentiert, dass der Verlust von langfristig und nachhaltig kollektiv organisierten Interessen in Form von Vereinen, Gewerkschaften und Parteien dazu beigetragen habe, dass solche Empörungswellen, affektiven Kurzschlüsse und Aufgeregtheit in den (sozialen) Medien möglich seien. Stattdessen komme es entscheidend auf solche Interessenorganisationen an, um Konflikte zu kanalisieren, ohne sie aber abzuschaffen. Wie er konstatiert: „Ohne Reinstitutionalisierung des politischen Engagements wird es, so eine These dieses Essays, bei Volatilität und weitgehender Folgenlosigkeit bleiben, und die Rechten werden weiterhin einen entscheidenden Vorsprung haben“ (116). Ebenso erachten Mau und Kollegen die Organisiertheit von Interessen in der Gegenwartsgesellschaft als wichtiges Merkmal, um soziale Kontakte jenseits bestimmter Statusgruppen zu schaffen und den gesellschaftlichen Zusammenhang durch geregelten sozialen Konfliktverlauf und eine Interessenvertretung zu gewährleisten, die auch jenseits einzelner Themen wie Migration, geschlechtergerechter Sprache oder Klimawandel funktioniere. Sie bezeichnen das als „Miteinander der Unterschiedlichen“ (420) und gewissermaßen als Kern für eine gelingende soziale „Integration durch Konflikt“ (420).

Zudem scheint in beiden Büchern die Klassenfrage als ein wichtiger Fixpunkt durch. Dieser sei, so sind sich alle Autoren ebenfalls einig, zwar gegenwärtig verschüttet, aber berge weiterhin Potential für Mobilisierung und öffentliche Thematisierung. Mau/Lux/Westheuser stellen zwar fest, dass sich nicht immer die gleichen sozio-ökonomischen Unterschiede in den vier Arenen niederschlagen, doch Klassenunterschiede nichtsdestoweniger Anknüpfungspunkte bilden, damit Klimafragen auch ökonomische Fragen beinhalten oder Fragen um offene Grenzen für Migrant*innen auch zu Fragen von ungleicher Bezahlung werden. Das heißt nicht, dass allein die Oben-Unten-Arena relevant sei. Ihnen geht es vielmehr darum, sichtbar zu machen, wie diese mit anderen Ungleichheitskonflikten überlappt und dann gemeinsam mobilisiert werden könnte. Schließlich, so Jäger, stellen Arbeitsverhältnisse – regulär oder irregulär, bezahlt oder unbezahlt – weiterhin eine zentrale Erfahrungsachse der Menschen dar an denen gerade der Oben-Unten-Gegensatz beziehungsweise die klassische Links-Rechts-Konfliktlinie besonders sichtbar sei. Die Nicht-Politisierung ökonomischer Gegensätze und die fehlende Mobilisierung für solche Fragen seien schließlich kein Naturgesetz, sondern hängen auch von den Akteuren und strukturellen Gegebenheiten ab, wolle man dieser Ungleichheitsarena wieder mehr Beachtung zu schenken.

Auf unterschiedliche Art und Weise regen beide Bücher die Debatte um die Konstitution der Gegenwartsgesellschaft an und starten von unterschiedlichen Punkten. Sie finden jedoch in der Frage nach der zentralen Problemlage sehr nah zueinander und sind nahezu komplementär zueinander zu verstehen. Während Jäger in der Hyperpolitik eine neue Form der Politik diagnostiziert und sich rekonstruktiv durch die Vergangenheit arbeitet, um die Gegenwart besser zu verstehen, dekonstruieren Mau/Lux/Westheuser Vorstellungen zur Polarisierungen, um diesen ein realistischeres Bild der deutschen Gegenwartsgesellschaft mit ihrer „zerklüftete[n] [und] verkraterte[n] Konfliktlandschaft“ (395) entgegenzustellen.


Literatur

  • Bail, Christopher A. (2021): Breaking the Social Media Prism: How to Make our Platforms Less Polarizing, Princeton. Princeton University Press.
  • Hooghe, Liesbet/Marks, Gary/Wilson, Carole J. (2002): Does Left/Right Structure Party Positions on European Integration?, in: Comparative Political Studies, 35:8, S. 965–989.
  • Kriesi, Hanspeter/Grande, Edgar/Dolezal, Martin/Helbling, Marc/Höglinger, Dominic/Hutter, Swen/Wüest, Bruno (Hrsg.) (2012): Political Conflict in Western Europe, Cambridge: Cambridge University Press.
  • Mau, Steffen/Lux, Thomas/Gülzau, Fabian (2020): Die drei Arenen der neuen Ungleichheitskonflikte. Eine sozialstrukturelle Positionsbestimmung der Einstellungen zu Umverteilung, Migration und sexueller Diversität, in: Berliner Journal für Soziologie 30: 3–4), S. 317–346.
  • Teney, Céline/Lacewell, Onawa Promise/De Wilde, Pieter (2014): Winners and Losers of Globalization in Europe: Attitudes and Ideologies, in: European Political Science Review 6: 4, 575–595.
  • Wallaschek, Stefan/Minkus, Lara (o.J.). Gender Trouble and Social Media Use in Europe. When Gender Equality Polarizes (and When It Doesn't), unveröffentlichtes Manuskript.

 

CC-BY-NC-SA
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