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Birgit Sauer, Otto Penz: Konjunktur der Männlichkeit. Affektive Strategien der autoritären Rechten

19.03.2024
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Autorenprofil
Nina Elena Eggers, M.A.
Frankfurt am Main, Campus 2023

Birgit Sauer und Otto Penz betonen die geschlechterpolitische Dimension des Aufstiegs der autoritären Rechten, indem sie zeigen, wie es dieser durch eine „autoritär-maskulinistischen Identitätspolitik“ immer wieder gelinge, Affekte zu mobilisieren. Zwar sei die Analyse heroischer Männlichkeit als Kernelement rechter Politik nicht neu, doch gelinge es den Autor*innen „fulminant“, diese in den Kontext der neoliberalen Transformation zu stellen. Das Ergebnis sei ein Buch, „das unbedingt gelesen werden sollte“, um die Verschränkungen von Gender, Neoliberalismus und den Affekten zu verstehen, die den Rechten in die Hände spielten. (dk)


Eine Rezension von Nina Elena Eggers

 „Ja, wir wollen Helden! Wann genau haben Männer eigentlich begonnen, Memmen zu werden?“ (Kelle 2016) – Mit diesem Statement der rechten Publizistin Birgit Kelle zu den Ereignissen der Silvesternacht 2015/16 in Köln leiten Birgit Sauer und Otto Penz ihre fulminante Schrift zur neuen „Konjunktur der Männlichkeit“ ein. Die Kernthese des Buches lautet: Die autoritäre Rechte kann in Deutschland und Österreich derzeit so erfolgreich für ihre Ideologien mobilisieren, weil sie über die Anrufung einer ‚starken‘, heroischen Männlichkeit bestimmte Affektstrukturen zu aktivieren weiß. Während Analysen des Rechtspopulismus und -extremismus sonst vielfach deren Rassismus in den Vordergrund stellen, fokussieren Sauer und Penz die autoritäre Rechte als genuin vergeschlechtlichtes Phänomen (16). Sei es über Angst, Wut oder Hoffnung – in Zeiten neoliberaler Verunsicherung, so ihr Argument, können rechte Politikangebote verfangen, die gerade auch über die Thematisierung von Geschlechter- und Sexualitätsverhältnissen an die Alltagserfahrungen der Menschen anzuknüpfen wissen (16). Um diese Thesen zu plausibilisieren, steigen Sauer und Penz im Laufe des Buches tief in das neoliberal-affektive Bedingungsgefüge ein, das den Aufschwung der autoritären Rechten mit einer Renaissance starker, heldenhafter Männlichkeit zusammenfallen lässt. Eine empirische Untermauerung erhält ihre theoretische Studie durch zahlreiche Beispiele aus den deutschen und den österreichischen rechts-autoritären Diskursen der letzten 20 Jahre. Ihr Buch liest sich dabei nicht nur als ein wichtiger Beitrag zur Demokratie- und Populismusforschung, sondern auch als eine kritisch-feministische Intervention in die Debatten um die ‚besorgten Bürger‘ oder den vermeintlich in seiner Identität verunsicherten Mann, die heute bis in das Feuilleton konservativer wie auch liberaler Zeitungen reichen. Die Studie ist auch deswegen besonders empfehlenswert, weil Sauer und Penz einfache Erklärungen ablehnen und es dennoch schaffen, die komplexen Verschränkungen von Gender, Neoliberalismus und Affekten, die den Rechten gegenwärtig in die Hände spielen, auf gerade einmal 173 Seiten zu entwirren.

Das Buch gliedert sich in sieben Kapitel. In der komprimierten Einleitung verdeutlichen Sauer und Penz ihre theoretischen Einsatzpunkte und erklären zudem ihre Konzentration auf die Entwicklungen in Deutschland und Österreich: Trotz eines neoliberalen Staatsumbaus sei in beiden Ländern ein konservativer Sozialstaat nach wie vor stark, der mit seinem „ausgeprägten Familialismus […] Geschlechterhierarchien perpetuier[e]“ (13) und die heterosexuelle Kleinfamilie privilegiere. Auch hätten beide Länder – ungeachtet deutlicher Unterschiede in der Geschichte autoritär-rechter Parteien – mit der Migrationsbewegung 2015 einen starken Rechtsruck erfahren (14-15). Über wechselnde Themenspektren hinweg seien dabei, so wollen Sauer und Penz zeigen, „Geschlecht, Sexualität, Körperlichkeit und Affekte […] zentrale Register der populistischen Mobilisierung der autoritären Rechten“ (16), gerade weil sich darüber individuelle und kollektive Identitäten besonders gut verhandeln ließen.

Im zweiten Kapitel spannen die Autor*innen dann ihren analytischen Rahmen auf, indem sie den von den Cultural Studies entlehnten Begriff der Konjunktur ins Zentrum rücken. Unter einer Konjunktur verstehen sie in Anlehnung an Antonio Gramsci, Stuart Hall und Lawrence Grossberg das Ineinandergreifen und die Wechselwirkungen verschiedener Prozesse in einer bestimmten zeitlichen Periode, die auf einen Umbruch bzw. eine Neuformierung der Gesellschaft hinauslaufen, aber auch die Verstetigung von bestimmten Kräfteverhältnissen, wie sie sich im Falle der länger andauernden Konjunktur des Neoliberalismus zeigt. Wenn sie die gegenwärtigen Entwicklungen dann als Konjunktur der Männlichkeit herausstellen, geht es ihnen also darum, auf einen länger währenden Prozess zu verweisen. Ein Prozess, der zu einer langsamen Auflösung jener Geschlechter- und Affektregime führe, über die sich die bürgerliche Moderne konstituiert habe: Frauen* eroberten zunehmend den öffentlichen Raum und ließen sich nicht länger in der Rolle des vernunftunfähigen, emotionalisierten Subjektes aus dem Politischen verdrängen, das Prinzip der Heteronormativität werde durch eine zunehmende Pluralität von Lebensformen herausgefordert und schließlich kumuliere in der Neuentdeckung des ‚Genderismus‘ als Feindbild eine lange Geschichte der Ritualisierung starker Männlichkeit – auf die Spitze getrieben in den „Männerphantasien“ (Theweleit 2020) des Faschismus. Das Resultat all dieser Entwicklungen sei ein – wohlgemerkt gefühlter – „Macht- und Identitätsverlust“ (33) für Männer. Weil es ihnen damit auch ganz zentral um die Schaffung von Athmosphären der Angst und die Aktivierung von Gefühlsstrukturen geht, sprechen Sauer und Penz denn auch von einer affektiven Konjunktur. Zu verstehen ist die aktuelle Mobilisierung von Männlichkeit, so machen die Autor*innen durch ihre analytische Rahmung als Konjunktur klar, immer nur vor dem Hintergrund größerer Problemkomplexe. Ziel ihres Buches ist es daher, den gegenwärtigen Aufschwung heroischer Männlichkeiten nicht isoliert zu betrachten, sondern ihn innerhalb der ihn bedingenden und flankierenden Konjunkturen zu verorten: nämlich der Konjunktur des Neoliberalismus, der Konjunktur der affektiven Politiken und nicht zuletzt der Konjunktur der autoritären Rechten selbst.

Im Zentrum des dritten Kapitels stehen entsprechend zunächst die ineinander verschränkten Konjunkturen des Neoliberalismus und der affektiven politischen Mobilisierung. Die Autor*innen spannen hier einen großen Bogen und setzen für die Entfaltung ihrer – im Kontext der Rechtspopulismus-Diskussion nicht gänzlich unbekannten – These von der zunehmenden individuellen und gesellschaftlichen Verunsicherung als Nährboden autoritärer Politiken[1] bei der Verwandlung des Wohlfahrtstaates in einen Wettbewerbsstaat an, kritisieren sodann die fortschreitende Ökonomisierung des Sozialen und die Re-Individualisierung von sozialer Absicherung und Verantwortung, um schließlich neoliberale Subjektivierungsweisen und politische Affektstrukturen zu reflektieren. Hier müssen die Leser*innen an der ein oder anderen Stelle sicherlich einmal innehalten, um folgen zu können. Umso klarer ist jedoch die damit immer wieder zugespitzte These: Das Ergebnis neoliberaler Transformationen, so machen die Autor*innen unmissverständlich deutlich, seien soziale Verunsicherungen, eine Angst, nicht mithalten zu können und nicht zuletzt Scham vor Armut und sozialem Abstieg. Und genau hier entstehe der perfekte affektive Nährboden für eine rechtsautoritäre Mobilisierung. Denn Neoliberalismus und Autoritarismus, so die das Buch fortan durchziehende Grundannahme, seien anders als gemeinhin angenommen keine gegensätzlichen Phänomene: Gerade die Orthodoxie des Marktes und die Verschlankung des Staates ebneten den Weg für „Praktiken der männlichen Autorisierung und Versicherheitlichung[2]“ (49). Denn die Gefühlswelten des neoliberal verunsicherten Subjektes würden durch die autoritäre Rechte schamlos instrumentalisiert, etwa indem seine Ängste aufgegriffen und gegen kulturell ‚Andere‘ gelenkt würden, die zur vermeintlichen Gefährdung der eigenen und der öffentlichen Sicherheit und somit zum Feindbilder stilisiert würden. Es sei „diese widersprüchliche und intensive affektive Mixtur aus Verlustängsten und autoritären Allmachtsphantasien“ (61), die die politische Rechte in Zeiten multipler Krisen mit ihrem spezifischen „Spiel mit Affekten und Gefühlen“ (60) besonders erfolgreich bedienen könne.

Im vierten Kapitel bringen Sauer und Penz diese Dynamiken dann in Zusammenhang mit einer parallelen „Transformation von Männlichkeit“ (63). Die traditionelle männliche Souveränität, so ihre These, werde gegenwärtig auf verschiedenen Ebenen herausgefordert. Das männliche Ernährermodell, nach dem sich der Mann über Beruf und Karriere definiert, während die Frau für den Haushalt, Sorge- und Emotionsarbeit zuständig ist, erodiere als Konsequenz neoliberaler Marktbedürfnisse, die die Frau als arbeitendes Subjekt entdecken, aber auch durch feministische Kämpfe um Gleichberechtigung und Gleichstellung. Zeitgleich werden binäre Geschlechteridentitäten durch progressive Gender Studies und die parallele Normalisierung queeren Lebens zunehmend aufgelöst. Ebensolche Veränderungsprozesse in der Ökonomie, auf dem Arbeitsmarkt, aber auch in den Geschlechter- und Sexualitätsverhältnissen würden nun, so die Autor*innen, durch die autoritäre Rechte aufgegriffen und zu einer ‚Krise der Männlichkeit‘ umgedeutet. So gelinge es ihr eine moralische Panik rund um das Gender-Thema zu schüren und „insbesondere Männlichkeit zu politisieren“ (88).

Anhand einer kurzen Rekapitulation der Geschichte der Anti-Gender-Mobilisierung verdeutlichen Sauer und Penz im nächsten Kapitel jedoch zugleich, dass diese kein Phänomen sei, das sich auf die radikale Rechte beschränke. Der Anti-Genderismus eine vielmehr diverse Akteure u. a. aus dem rechts-konservativem Spektrum, dem katholischen Milieu und den Anti-Abtreibungsbewegungen. Gender biete sich zudem an, um gesellschaftliche Wandlungsprozesse antagonistisch zu interpretieren und über simple Gegensätze zu mobilisieren. So etwa über die Gegenüberstellung einer guten, weil ‚natürlichen‘, binären Geschlechterordnung und einer diese Ordnung bedrohenden gesellschaftlichen Dekonstruktion von Geschlecht. Durch die Setzung von Heterosexualität als Norm werde wiederum auf eine antagonistische Unterscheidung zwischen ‚normal‘ und ‚nicht-normal‘ insistiert. Die autoritäre Rechte erlebe gegenwärtig auch eine Konjunktur, so das Argument der Autor*innen, weil sie diese Antagonismen aufgreifen und so verschiedene Bedrohungsszenarien aufbauen könne. Sauer und Penz gelingt es in diesem Teil des Buches das komplexe Phänomen des Anti-Genderismus präzise auf den Punkt zu bringen und anhand einer Fülle von Beispielen sehr eindringlich aufzuzeigen, wie die autoritäre Rechte gegenwärtig über Gender affizieren kann, indem sie an „Erschütterungen im (männlichen) Alltag“ (126) anschließt und den zuvor beschriebenen neoliberalen „Exzess an Affekten“ (126) ausnutzt, um ein Bild widererstarkender, souveräner Männlichkeit auch affektiv nahezulegen.

In den letzten zwei Kapiteln des Buches konzentrieren sich Sauer und Penz dann darauf, die Dynamiken der aktuellen „autoritär-maskulinistischen Identitätspolitik“ (129) genauer herauszuarbeiten und die dystopische Dimension der Konjunktur der Männlichkeit auszumalen. Ihre Studie gewinnt dadurch eine dramatische Zuspitzung: Anhand der Äußerungen von AfD und FPÖ-Politiker*innen zeichnen die Autor*innen im sechsten Kapitel zunächst nach, wie die autoritäre Rechte über das Narrativ von der vermeintlichen Identitätskrise der Männer eine Entdemokratisierung affektiv vorbereite. Insbesondere am Beispiel Björn Höckes zeigen sie, wie eine männliche Angst vor Identitätsverlust geschürt werde, um eine Stimmung zu schaffen, in der eine Remaskulinisierung des Staates und eine Militarisierung ‚der deutschen Nation‘ als vermeintlich sicherer Ausweg erscheinen. Das „rechtsautoritäre Versprechen von männlicher Suprematie“ (132) werde dabei zentral über „affektive Narrative“ (Bargetz/Eggers 2022) vermittelt: Es sei das Erzählen von einer gemeinsamen männlichen Erfahrungswelt, das besonders an den Alltag der Menschen anknüpfen und affizieren kann (136-137).

Im Schlusskapitel verdeutlichen Sauer und Penz schließlich, dass die von ihnen aufgezeigten ökonomischen, sozialen und politischen Transformationen immer widersprüchlich sind, aber für rechts-autoritäre Akteur*innen ein Möglichkeitsfenster bieten, um ihre autoritär-männlichen Politiken affektiv zu entfalten. Dass sich die gesellschaftlichen Verhältnisse tatsächlich in einer anhaltenden Konjunktur der Männlichkeit verdichten könnten, so das starke Résumé der Autor*innen, dazu trügen aber nicht zuletzt konservative Parteien bei. So seien es mithin auch ÖVP und CDU/CSU, die der Anti-Gender-Mobilisierung und dem Vormarsch des Autoritär-Männlichen den Weg bereiteten (163). Sauer und Penz schlagen vor, diesen unheimlichen Allianzen mit dem von Sauer bereits an früherer Stelle eingebrachten Konzept der „affektiven Demokratie“ (171; Sauer 2022) entgegenzutreten. Eine solche müsse patriarchal-kapitalistische Arbeitsweisen, die sich durch die Vernachlässigung von Sorgetätigkeiten sowie die Produktion von Ungleichheiten auszeichneten, überwinden. Als progressiven Gegenentwurf zur autoritär-maskulinistischen Affektpolitik bringen die Autor*innen im Rückgriff auf queer-feministische Ansätze zur Sorgearbeit ein spezifisches Verständnis von Demokratie als sorgende und affektive Praxis, die gemeinsames Handeln, Bezogenheit und Beziehungen, Zugewandtheit und Empathie in den Vordergrund rückt, ein (171-172).    

Die aktuellen politischen Entwicklungen zeigen auf erschreckende Weise, dass die von Sauer und Penz als Dystopie gezeichnete Konjunktur der autoritären Männlichkeit in Teilen bereits Wirklichkeit ist. So ist spätestens mit den Correctiv-Recherchen zum Geheimtreffen rechter Akteure in Potsdam unter Beteiligung von AfD-Mitgliedern und den Enthüllungen über ein als ‚Remigration‘ getarntes Vorhaben zur massenweisen Deportation von migrantisch gelesenen Menschen klar geworden, wie demokratiegefährdend diese erstarkende autoritäre Rechte ist (Correctiv 2024). Das Buch „Konjunktur der Männlichkeit“ hilft, die aktuellen Dynamiken immer auch als genuin vergeschlechtlicht zu denken und die Gender-Dimension gerade nicht als ‚Randproblem‘ oder ‚Nebenwiderspruch‘ zu vernachlässigen. Sicherlich sind Sauer und Penz nicht die ersten, die den faschistischen Kern und die heroische Männlichkeit rechter Rhetorik herausarbeiten. Ihre Analyse hebt sich aber dadurch hervor, dass sie in einem zugleich materialistischen und affekttheoretischen Zugriff ebendiese Anrufungen auch als Resultat neoliberaler Transformationenen ausweisen. So legen sie zugleich den Finger in die offene Wunde liberaler Demokratien, welche die ihnen inhärenten neoliberalen Dynamiken nicht ausreichend einhegen bzw. sie mithin aktiv befördern. Weiterhin verschieben Sauer und Penz in ihrer Studie den Fokus der Auseinandersetzung mit der autoritären Rechten von einer originären Betonung seiner rassistischen Dimension hin zu einer geschlechterkritischen Perspektive. Zwar hätte an der einen oder anderen Stelle der intersektionale Zugriff noch deutlicher herausgestrichen werden können, jedoch machen die Autor*innen mehr als deutlich, dass sie damit keinesfalls den Rassismus rechter Politiken relativieren, sondern vielmehr zeigen wollen (und können), dass Ausgrenzungspolitiken ­- sei es gegenüber migrantisch gelesenen Menschen oder Menschen der LSBTIQ*-Community - auch der „(Selbst-)Bestärkung von Männlichkeit“ (132) dienten.

Die Stärke dieser theoretischen Studie, die mit zahlreichen Beispielen aus der deutschen und österreichischen rechten Szene empirisch unterfüttert ist, liegt in einer beeindruckenden Zuspitzung. So gelingt es den Autor*innen, die gegenseitige Bedingtheit von Neoliberalismus, dem gegenwärtigen Aufstieg der radikalen Rechten und einer neuen Konjunktur der Männlichkeit anhand der Affektstrukturen nicht nur zu systematisieren, sondern auch in ihrer demokratiegefährdenden Kraft herauszustellen. Sie haben damit ein überaus wichtiges Buch geschrieben, das in Zeiten, in denen Maximilian Krah als Spitzenkandidat der AfD für die anstehenden Wahlen zum Europäischen Parlament mit dem Slogan „Echte Männer sind rechts“ (Krah 2023) für ein autoritär-nationales Projekt wirbt, unbedingt gelesen werden sollte.        


Anmerkungen

[1] Insbesondere Stuart Hall (2014 [1980]) hatte bereits früh darauf verwiesen, dass autoritärer Populismus immer auch an – mithin aus Krisen resultierende – reale Problemlagen und daraus entstehende Verunsicherungen und Ängste anknüpft, die er dann instrumentalisiert und durch ein Versprechen der autoritären Versicherheitlichung zu konterkarieren weiß. Auch Wilhelm Heitmeyer geht in seinen Analysen der „Autoritären Versuchungen“ (Heitmeyer 2018) von einem autoritären Kontrollparadigma aus, über das die autoritäre Rechte Gefühle des individuellen und gesellschaftlichen Kontrollverlustes in Folge neuer Komplexitäten und Unübersichtlichkeiten gegenwärtiger Gesellschaften aufgreift und Verunsicherungen der Menschen ausnutzt. 

[2] Darunter fassen Sauer und Penz etwa eine allgemeine Aufwertung des Staates als „Disziplinar- und Gewaltstaat“ (48), aber auch die konkrete Sicherung und Militarisierung von nationalen und EU-Außengrenzen, die etwa in Reaktion auf die Migrationsbewegung 2015 einen Höhepunkt fand (49). 

 

Literatur

  • Bargetz, Brigitte/Eggers, Nina Elena (2022): Affektive Narrative: Theorie und Kritik politischer Vermittlungsweisen, in: Politische Vierteljahresschrift (PVS), doi.org/10.1007/s11615-022-00432-4 (open access).
  • CORRECTIV (2024): Neue Rechte. Geheimplan gegen Deutschland, 10.01.2024, online unter: https://correctiv.org/aktuelles/neue-rechte/2024/01/10/geheimplan-remigration-vertreibung-afd-rechtsextreme-november-treffen/ (letzter Zugriff: 16. Februrar 2024)
  • Hall, Stuart (2014) [1980]: Popular-demokratischer oder autoritärer Populismus?, in: ders.: Populismus, Hegemonie, Globalisierung, hrsg. Victor Rego Diaz, Juha Koivisto und Ingo Lauggas, Hamburg: Argument, 121-132.  
  • Heitmeyer, Wilhelm (2018): Autoritäre Versuchungen. Signaturen der Bedrohung I, Berlin: Suhrkamp.
  • Kelle, Birgit (2016): Ja, wir wollen Helden! Männer sollen ihre Frauen mit der Faust verteidigen, 24.05.2016 (letzter Zugriff: 16.02.2024).
  • Krah, Maximilian (2023): #AfD: Echte Männer sind rechts!, 14.09.2023 (letzter Zugriff: 16. Februar 2023).
  • Sauer, Birgit (2022): Sorge, Emotion und Affekt. Überlegungen zur feministisch-materialistischen Staats- und Demokratietheorie, in: PROKLA 52: 207, 217-230.
  • Theweleit, Klaus (2020): Männerphantasien. Vollständige und um ein Nachwort erweiterte Neuausgabe, Berlin: Matthes & Seitz.  

 

CC-BY-NC-SA
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