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Russlands Nuklearstrategie gegenüber Europa. Wie organisiert man Abschreckung gegen Deeskalation mit nuklearen Schlägen?

20.12.2018
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Prof. Matthew Kroenig

Hiroshima Aftermath cropped VersionMahnung für Gegenwart und Zukunft: Hiroshima, kurz nach dem Abwurf der Atombombe am 6. August 1945. (Foto: U.S. Navy Public Affairs Resources Website /

 

Die russische Nukleardoktrin für regionale Kriege verlangt im Falle eines Konflikts mit einem Gegner wie der NATO den frühzeitigen Einsatz von Kernwaffen. Im Rahmen eines regionalen Kriegsszenarios für Europa könnte dies zu einer Strategie führen, mit der Russland – nach einem begrenzten und erfolgreichen konventionellen Angriffskrieg gegen Nachbarstaaten – westliche Regierungen mit der Drohung nuklearer Angriffe dazu zwingen will, um Frieden nachzusuchen oder eine weitere, potentiell katastrophale nukleare Eskalation zu riskieren.1 Diese Strategie zielt offenkundig darauf ab, die NATO vor das Dilemma zu stellen, zwischen „Selbstmord und Kapitulation“ zu wählen.2 Die Strategie stellt die NATO vor Probleme, und zwar nicht nur im Fall eines größeren Krieges in Europa, sondern auch schon jetzt. Russland hat mit nuklearen Zwangsmitteln gedroht und wird dies auch weiterhin tun, um Bemühungen der NATO, russischen Aggressionen in seiner unmittelbaren Nachbarschaft entgegenzutreten, zu durchkreuzen, die Allianz zu spalten und seine expansiven Ziele zu erreichen, ohne einen umfassenden Konflikt herbeizuführen.3 Die Frage ist: Wie gehen die Vereinigten Staaten und ihre NATO-Verbündeten damit um und wie können sie Russland von nuklearen „Deeskalationsschlägen“ abhalten?

Viele westliche Wissenschaftler und Analytiker haben diese Gefahr erkannt.4 Einige haben begonnen, Lösungen für diese Herausforderung vorzuschlagen, dazu gehören auch Optionen zur Stärkung der nuklearen Fähigkeiten der USA und der NATO.5 Bis heute hat diese Debatte jedoch viele wichtige strategische und politische Erwägungen ausgeblendet, die erörtert werden sollten, bevor Empfehlungen zu den eigenen Fähigkeiten abgegeben werden. Schließlich muss man zuerst seine Strategie festlegen, bevor man wissen kann, welche Fähigkeiten notwendig sind, um die Anforderungen der Strategie zu erfüllen. Darum geht es in diesem Beitrag.

Dieser Aufsatz analysiert mögliche Strategien, um Russland davon abzuhalten, selektive Nuklearschläge als ein Instrument zu nutzen, um einen Krieg zu russischen Bedingungen zu beenden (nukleare Deeskalationsschläge) und um die russische Drohung mit nuklearen Zwangsmitteln ins Leere laufen zu lassen. Die hier vertretene These lautet, dass die russische Strategie auf der Annahme basiert, dass Russland in drei relevanten Bereichen einen Vorteil besitzt: Seine Interessen an den entsprechenden Regionen und Ländern sind stärker ausgeprägt als diejenigen der Kernländer des Westens, es geht entschlossener vor als die westlichen Staaten und verfügt über die besseren militärischen Fähigkeiten. Daher muss die NATO bei ihrer Reaktion versuchen, diesen drei Asymmetrien Rechnung zu tragen. Russland muss davon überzeugt werden, dass jeglicher Einsatz von Kernwaffen es nicht in die Lage versetzen wird, seine Ziele zu erreichen, sondern lediglich untragbar hohe Kosten zu erwarten sind. Insbesondere müssen die USA und die NATO klarstellen, dass nukleare Schläge nicht zu einer Deeskalation führen und die NATO nicht davon abhalten werden, ihre Strategie weiterzuverfolgen. Sie müssen damit drohen, selektive russische Atomschläge robust und glaubwürdig und möglicherweise auch mit einem begrenzten nuklearen Vergeltungsangriff zu beantworten. Sie müssen Russland auch davon überzeugen, dass sie den Willen und die Fähigkeiten besitzen, mit dieser Drohung ernst zu machen. Dazu ist es erforderlich, dass die USA und die NATO ihre deklaratorische Politik, die strategische Kommunikation, das Bündnismanagement, die Kriegsplanung und ihre nuklearen Fähigkeiten anpassen und verbessern.

Zu diesem Zweck analysiert der Artikel das gesamte Spektrum möglicher Reaktionen auf selektive russische nukleare Deeskalationsschläge, nämlich Kapitulation, eine rein konventionelle Antwort, eine begrenzte nukleare Reaktion und massive nukleare Vergeltung. Es wird empfohlen, in der US- und NATO-Strategie besonderen Nachdruck auf die Androhung eines begrenzten nuklearen Vergeltungsschlags zu legen, da ein solcher womöglich der einzige Weg ist, um eine hinlänglich kostspielige und glaubwürdige Abschreckung gegen die russische nukleare Bedrohung bereitzustellen. Die empfohlene Strategie zielt nicht darauf ab, die Strategie und die Fähigkeiten Russlands zu kopieren, sondern vielmehr – in den Worten Sun Tzus – darin, „die Strategie des Feindes zu durchkreuzen“.6

Gegenwärtig scheinen russische Regierungsvertreter zu glauben, ein begrenzter russischer Einsatz von Kernwaffen werde die westliche Allianz zum Einlenken bewegen; der in diesem Beitrag empfohlene Ansatz zielt darauf ab, Moskau eines Besseren zu belehren. Was für die US-Nuklearstrategie insgesamt gilt, trifft auch hier zu: Ein potenzieller nuklearer Vergeltungsschlag wird nicht deshalb angedroht, weil man unbedingt einen Atomkrieg führen will. Im Gegenteil, ein Atomkrieg sollte unbedingt vermieden werden.

Der Aufsatz ist in fünf Teile untergliedert. Zunächst wird die Herausforderung analysiert, die die Nuklearstrategie und die nuklearen Fähigkeiten Russlands darstellen. Zweitens werden die Schwächen in der Abschreckungsdoktrin der USA und der NATO diskutiert, welche die russische Strategie auszunutzen versucht. Drittens wägt der Aufsatz die möglichen Alternativen für die USA und die NATO ab und gelangt zu dem Schluss, dass die optimale Strategie die Option einer Drohung mit einem begrenzten nuklearen Vergeltungsschlag umfassen muss. Viertens empfiehlt der Aufsatz eine zielgerichtete Vorgehensweise zur Behebung der Defizite in der Abschreckungsdoktrin der USA und der NATO einschließlich der damit verbundenen Konsequenzen für die NATO-Strategie, die deklaratorische Politik, das Bündnismanagement, Kriegsplanung und Fähigkeiten. Fünftens werden mögliche Argumente gegen diese Empfehlungen diskutiert.
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1US Department of Defense 2018, Sokov 2014, Kroenig 2015, Colby 2015a, Colby 2015b, Colby 2016.
2Vgl. Kissinger 1957; vgl. auch Rebecca Kheel, “Mattis defends plans for new nuclear capabilities”, The Hill, 6. Februar 2018 http://thehill.com/policy/defense/372531-mattis-defends-plans-for-new-nuclear-capabilities.
3Kroenig 2016, 5; Kroenig/Durkalec 2016.
4Sokov 2014, Kroenig 2015, Colby 2015a, Colby 2015b, Colby 2016.
5Kroenig 2016, Colby 2015b.
6Sun Tzu 1964.

Der vollständige Beitrag ist erschienen in
SIRIUS – Zeitschrift für Strategische Analysen, Band 2, Heft 4, Seiten 323–338, ISSN (Online) 2510-2648, ISSN (Print) 2510-263X, DOI: https://doi.org/10.1515/sirius-2018-4002

 

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Hamburg: edition Körber-Stiftung 2009 (Standpunkte); 95 S.; brosch., 10,- €; ISBN 978-3-89684-137-7
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