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/ 11.06.2013
Hermann Molkenbuhr

Arbeiterführer. Parlamentarier. Parteiveteran. Die Tagebücher des Sozialdemokraten 1905 bis 1927. Hrsg. Von Bernd Braun und Joachim Eichler. Mit einer Einleitung von Bernd Braun

München: R. Oldenbourg Verlag 2000 (Schriftenreihe der Stiftung Reichspräsident-Friedrich-Ebert-Gedenkstätte 8); 405 S.; 34,77 €; ISBN 3-486-56424-2
Der Band enthält erstmals im Druck das komplette und ungekürzte Tagebuch Molkenbuhrs, der über Jahrzehnte hinweg, auch schon lange vor Beginn des Tagebuchs, die Geschicke der deutschen Sozialdemokratie an führender Stelle mitgestaltete. Molkenbuhr war der geborene Parteisoldat, dem es stets um die Sache und nie um die Person ging, auch nicht um seine eigene. Als Praktiker und Pragmatiker fehlte ihm vielleicht der Biss, um höchste Führungspositionen zu erreichen, und 1918/19 mag er auch schon zu ...
Hermann Molkenbuhr

Arbeiterführer. Parlamentarier. Parteiveteran. Die Tagebücher des Sozialdemokraten 1905 bis 1927. Hrsg. Von Bernd Braun und Joachim Eichler. Mit einer Einleitung von Bernd Braun

München: R. Oldenbourg Verlag 2000 (Schriftenreihe der Stiftung Reichspräsident-Friedrich-Ebert-Gedenkstätte 8); 405 S.; 34,77 €; ISBN 3-486-56424-2
Der Band enthält erstmals im Druck das komplette und ungekürzte Tagebuch Molkenbuhrs, der über Jahrzehnte hinweg, auch schon lange vor Beginn des Tagebuchs, die Geschicke der deutschen Sozialdemokratie an führender Stelle mitgestaltete. Molkenbuhr war der geborene Parteisoldat, dem es stets um die Sache und nie um die Person ging, auch nicht um seine eigene. Als Praktiker und Pragmatiker fehlte ihm vielleicht der Biss, um höchste Führungspositionen zu erreichen, und 1918/19 mag er auch schon zu alt gewesen sein. Reine Theorie hat ihn nie interessiert; selbst dem Revisionismus stand er eher reserviert gegenüber, der Parteilinken erst recht. Immerhin, als Fraktionsvorsitzender im Reichstag und Mitglied im Parteivorstand hat er nicht nur auf seinem Spezialgebiet, der Sozialpolitik, einen Namen gehabt. Das Tagebuch nun, manchmal nur sporadisch geführt, bietet eher Ideen und Reflexionen und weniger Hintergründe zu Tagesereignissen. Und da erweist sich Molkenbuhr als nüchtern und vernünftig abwägender Prophet. Sein Pragmatismus bewährt sich an klarsichtigen Eintragungen zum Weltkrieg und seinem Ausgang, zum U-Boot-Krieg, zur Interessenlage der Kriegsgegner, zur Chance einer Revolution und zu vielem mehr. Politisches Personal und politische Pläne, vor allem der Rechten, werden scharf (aber nicht verletzend) analysiert. Molkenbuhr hat einen unbestechlichen Blick für politische Konstellationen, der sich auch nach der Revolution beweist. Bolschewistischen Experimenten erteilt er eine klare Absage, aber den Bruch mit dem alten Regime und seinem Personal will er weit klarer durchgeführt sehen, als Ebert und Scheidemann ihn praktizieren. Die der neuen Republik drohenden Gefahren von innen (Radikalismus) und außen (Versailles) hat er in ihren Wechselwirkungen klar gesehen. In den letzten Jahren werden die Eintragungen spärlicher, auch wohl enttäuschter. 1924 wird ihm eine aussichtsreiche Wiederaufstellung für den Reichstag vom linken Flügel verweigert; die Verbitterung darüber ist deutlich. Zugleich vermag er das prinzipientreue Ausscheiden der SPD aus der Regierung nicht gutzuheißen - er bleibt Pragmatiker bis zum Schluss. Molkenbuhr lebte für die Politik, aber daneben hatte der Autodidakt auch ein reges Interesse an allen schönen Künsten, die gleichfalls häufig ins Tagebuch einfließen. Da dies zudem in klarer, manchmal fast poetischer Sprache geschrieben ist, kann man es außer zum Nachschlagen auch als Lesebuch auffassen. Die Herausgeber haben Molkenbuhr in ihrer Einleitung (11-28) gewürdigt; die zahlreichen Anmerkungen erläutern informativ die Personen und Sachbezüge, die im Tagebuch eine Rolle spielen.
Michael Dreyer (MD)
Prof. Dr., Institut für Politikwissenschaft, Universität Jena.
Rubrizierung: 2.311 Empfohlene Zitierweise: Michael Dreyer, Rezension zu: Hermann Molkenbuhr: Arbeiterführer. Parlamentarier. Parteiveteran. München: 2000, in: Portal für Politikwissenschaft, https://www.pw-portal.de/rezension/12335-arbeiterfuehrer-parlamentarier-parteiveteran_14734, veröffentlicht am 01.01.2006. Buch-Nr.: 14734 Rezension drucken
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