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/ 12.06.2013
Alexander von der Borch-Nitzling

Das Dritte Reich im stern. Vergangenheitsverarbeitung 1949-1995. Mit einem Vorwort von Michel Friedman

Göttingen: Schmerse Verlag 2000 (Göttinger Beiträge zu Politik und Zeitgeschichte 4); 209 S.; pb., 18,41 €; ISBN 3-926920-25-4
Die Untersuchung versucht die Veränderungen, die die Darstellung der Nazi-Zeit in der Zeitschrift "stern" vom Ende des Krieges bis zur Mitte der 90er-Jahre erfahren hat, nachzuzeichnen. Dabei geht der Autor auch von der Hypothese aus, dass sich diese Veränderungen nicht als Wandel eines bestehenden Geschichtsbildes, sondern vielmehr als sukzessive Ablösung des alten durch ein neues darstellen (10). Leider wird diese Hypothese jedoch nirgends im Buch überprüft. Vielmehr geht der Autor in der gesa...
Alexander von der Borch-Nitzling

Das Dritte Reich im stern. Vergangenheitsverarbeitung 1949-1995. Mit einem Vorwort von Michel Friedman

Göttingen: Schmerse Verlag 2000 (Göttinger Beiträge zu Politik und Zeitgeschichte 4); 209 S.; pb., 18,41 €; ISBN 3-926920-25-4
Die Untersuchung versucht die Veränderungen, die die Darstellung der Nazi-Zeit in der Zeitschrift "stern" vom Ende des Krieges bis zur Mitte der 90er-Jahre erfahren hat, nachzuzeichnen. Dabei geht der Autor auch von der Hypothese aus, dass sich diese Veränderungen nicht als Wandel eines bestehenden Geschichtsbildes, sondern vielmehr als sukzessive Ablösung des alten durch ein neues darstellen (10). Leider wird diese Hypothese jedoch nirgends im Buch überprüft. Vielmehr geht der Autor in der gesamten Darstellung davon aus, dass sie zutrifft. Der theoretische Teil bietet eine Auseinandersetzung mit der Theorie des kollektiven Gedächtnisses nach Halbwachs sowie systemtheoretische Überlegungen in Anlehnung an Luhmann. Hier findet sich auch der eigenwillige Ansatz, den Prozess der Geschichtsvermittlung in einer Gesellschaft in Anlehnung an Wodak mit dem Bild der bekannten Konfektsorte "Mozartkugel" zu verdeutlichen. Solche Vorstellungen führen dann beim Autor zu Sätzen wie: "Die Marzipanschicht besteht aus den Experten, den Historikern, die die Pistaziencreme untersuchen" (41). Der Überblick über das Medium "stern" enthält zudem Aussagen über den Umgang der Illustrierten mit der NS-Vergangenheit, die ja eigentlich erst der Gegenstand der Untersuchungen sein sollten, sowie teilweise weder theoretisch noch empirisch hergeleitete noch über Literatur belegte Feststellungen wie beispielsweise: "Was den stern-Leser an sein Blatt gebunden hat, war die erfolgreiche Abwehr dieser Melancholie durch eine entsprechende Berichterstattung." (65) Auch der empirische Teil ist wenig überzeugend. Statt einer fundierten Inhaltsanalyse - für die es ja inzwischen eine anerkannte Methodik gibt - bieten die einzelnen Abschnitte eine nicht selten unstrukturierte Darstellung, in der unter anderem auch die nach Auffassung des Autors "historisch richtigen" Versionen bestimmter Sachverhalte mit einzelnen Aussagen des "stern" konfrontiert werden. Abgesehen davon, dass dieses Verfahren methodisch nicht ganz unproblematisch ist und zumindest die Wahl der "richtigen" Geschichtsversion einer Begründung bedurft hätte, wird dabei zwar punktuell durchaus etwas über die Berichterstattung der Zeitschrift deutlich - aber eben leider nur punktuell. Syntheseleistungen sind zwar in Ansätzen vorhanden, quantitativ und qualitativ jedoch von untergeordneter Bedeutung. Schade um die viele Arbeit und um das interessante und wichtige Thema!
Silke Becker (BE)
Dipl.-Soziologin; freie Journalistin.
Rubrizierung: 2.352.3122.333 Empfohlene Zitierweise: Silke Becker, Rezension zu: Alexander von der Borch-Nitzling: Das Dritte Reich im stern. Göttingen: 2000, in: Portal für Politikwissenschaft, https://www.pw-portal.de/rezension/13404-das-dritte-reich-im-stern_16063, veröffentlicht am 01.01.2006. Buch-Nr.: 16063 Rezension drucken
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