/ 11.06.2013
Till Bastian
Das Jahrhundert des Todes. Die Psychologie von Gewaltbereitschaft und Massenmord im 20. Jahrhundert
Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht 2000 (Sammlung Vandenhoeck); 258 S.; ISBN 3-525-01457-0Der Autor kombiniert die Erkenntnisse der Tiefen- und Sozialpsychologie, der Philosophie und der Geschichtswissenschaft, um in diesem Band zwei Fragen bezüglich Massenvernichtung und Gewaltbereitschaft wenn nicht abschließend, so doch umfangreich zu erörtern. Einerseits fragt Bastian, warum das zwanzigste Jahrhundert, welches mit nie dagewesenem Optimismus und Euphorie begrüßt wurde, sich in seinem Verlauf zu einem "Jahrhundert des Todes" - so der israelische Staatspräsident Ezer Weizmann - entw...
Till Bastian
Das Jahrhundert des Todes. Die Psychologie von Gewaltbereitschaft und Massenmord im 20. Jahrhundert
Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht 2000 (Sammlung Vandenhoeck); 258 S.; 48,- DM; ISBN 3-525-01457-0Der Autor kombiniert die Erkenntnisse der Tiefen- und Sozialpsychologie, der Philosophie und der Geschichtswissenschaft, um in diesem Band zwei Fragen bezüglich Massenvernichtung und Gewaltbereitschaft wenn nicht abschließend, so doch umfangreich zu erörtern. Einerseits fragt Bastian, warum das zwanzigste Jahrhundert, welches mit nie dagewesenem Optimismus und Euphorie begrüßt wurde, sich in seinem Verlauf zu einem "Jahrhundert des Todes" - so der israelische Staatspräsident Ezer Weizmann - entwickeln konnte. Andererseits steht im Zentrum des Interesses, warum gerade Deutschland zumindest in der Hälfte des Jahrhunderts eine grauenvolle Vorreiterrolle spielte. Bastian beschränkt sich in seinen Ausführungen auf Europa, um bestimmte Impulse für diese Entwicklung nachzuzeichnen, die jedoch für die Initiierung von politisch motiviertem Massenmord im Allgemeinen prototypisch sind. Seine Betrachtungen haben ihren Ausgangspunkt im Wandel zur Moderne und dem Anspruch, das Paradies auf Erden im Hier und Jetzt zu verwirklichen. Diese Entwicklung war mit einem doppelten Boden versehen. Einerseits entwickelte sich eine Wirtschafts- und Handelsordnung, die sowohl Prosperität brachte als auch der gesamten Welt den europäischen Willen aufzwang, andererseits jedoch unterschiedlichste Kulturen versklavte. Außerdem führte der Schritt in die Moderne zu einer "Entzauberung" der Welt durch Wissenschaft und Technik, die dem Menschen seinen Glauben an einen Schöpfer und damit seinen spirituellen Halt raubte. Bastian führt weiter aus, dass gerade das zwanzigste Jahrhundert vom Wunsch nach Rückbindung und Sinnhaftigkeit getrieben wird. Seinen Ausdruck findet dieser Trieb in einer ausgeprägten Suche nach dem Bösen - und in der Konsequenz dessen Vernichtung - als Antipol zur eigenen Existenz, der nicht mehr im Inneren der eigenen Gemeinschaft, sondern immer außerhalb ihrer Grenzen liegt. Bastian spricht von einer "säkularisierten Apokalypse": "Die in der Geschichte der Menschheit stets gegenwärtige, seit dem Ende der Antike jedoch aus orientalischen Quellen übernommene und sich verfestigende, in einer Vielzahl von Traditionskanälen weitergespülte Vorstellung vom jähen Bruch mit aller bisherigen Geschichte, aus deren Trümmern die Welt neu aufgebaut werden müsse, erhielt im Nationalsozialismus eine ganz neue Qualität. Dieser Nationalsozialismus war die apokalyptische Vision von Menschen, die sich von der Geschichte dazu beauftragt glaubten, das Weltgericht selbst in die Hand zu nehmen und die Schafe von den Bösen, die Über- von den Untermenschen zu sondern - und die letzteren dem Feuer zu überantworten." (231)
Stefan Göhlert (SG)
M. A., Politikwissenschaftler, Protokollchef und Bürgerbeauftragter in der Verwaltung der Stadt Jena.
Rubrizierung: 2.312 | 2.35
Empfohlene Zitierweise: Stefan Göhlert, Rezension zu: Till Bastian: Das Jahrhundert des Todes. Göttingen: 2000, in: Portal für Politikwissenschaft, https://www.pw-portal.de/rezension/12262-das-jahrhundert-des-todes_14641, veröffentlicht am 01.01.2006.
Buch-Nr.: 14641
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M. A., Politikwissenschaftler, Protokollchef und Bürgerbeauftragter in der Verwaltung der Stadt Jena.
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