/ 11.06.2013
Kurt Flasch
Das philosophische Denken im Mittelalter. Von Augustin zu Machiavelli
Stuttgart: Philipp Reclam jun. 2000; 809 S.; 2., rev. und erw. Auflage; Ln., 22,90 €; ISBN 3-15-028345-0Der Band ist die überarbeitete, durch neue Forschung aktualisierte und erweiterte Fassung eines erstmals 1986 erschienenen Buches. Inzwischen umfasst er über 800 Seiten, aber auch das ist für 1200 Jahre gesamteuropäische Geistesgeschichte nicht üppig bemessen. Flasch gelingt es trotzdem, die wesentlichen Kontroversen in ihren Entwicklungslinien und Verbindungen sichtbar zu machen. Neben vielen einzelnen geistlichen und weltlichen Denkern, die in Porträtskizzen gewürdigt werden, berücksichtigt er...
Kurt Flasch
Das philosophische Denken im Mittelalter. Von Augustin zu Machiavelli
Stuttgart: Philipp Reclam jun. 2000; 809 S.; 2., rev. und erw. Auflage; Ln., 22,90 €; ISBN 3-15-028345-0Der Band ist die überarbeitete, durch neue Forschung aktualisierte und erweiterte Fassung eines erstmals 1986 erschienenen Buches. Inzwischen umfasst er über 800 Seiten, aber auch das ist für 1200 Jahre gesamteuropäische Geistesgeschichte nicht üppig bemessen. Flasch gelingt es trotzdem, die wesentlichen Kontroversen in ihren Entwicklungslinien und Verbindungen sichtbar zu machen. Neben vielen einzelnen geistlichen und weltlichen Denkern, die in Porträtskizzen gewürdigt werden, berücksichtigt er auch immer die politischen und sozialen Hintergründe sowie Interessen, die oftmals die Kontroversen erst hervorgebracht haben - insofern unterscheidet sich die Geistesgeschichte des Mittelalters nicht fundamental von der Neuzeit. Es bleibt sogar Raum für allerlei Kuriosa; etwa für die Frage des Honorius, was nach der Auferstehung mit abgeschnittenen Haaren und Nägeln geschehe (231). Auf ihre Art war die mittelalterliche Welt "globalisierter" als unsere heutige, und Flasch würdigt dies, indem er die ganze geographische und intellektuelle Bandbreite des europäischen Denkens untersucht und auch die Araber und Juden nicht vergisst. Andererseits ist jedoch auch das Gegenteil ein Anliegen des Autors; viele Denkströmungen sind lokaler Natur geblieben, die spätere Generalisierungen problematisch erscheinen lassen. Wer "Florenz als Mittelpunkt einer neuen Welt" (573) darstellt, übersieht schnell, dass Mantua und Ferrara, Venedig und Padua und weitere Städte ihre eigene und anders akzentuierte Tradition hatten. Flasch warnt davor, Etiketten wie "Mittelalter" oder "Renaissance" zu viel Gewicht zu verleihen. So ist der Band eine Fundgrube an detaillierter Information wie an übergreifender Interpretation, bietet weit über das hinaus, was der Titel vermuten lässt, eine historisch eingebundene Geistesgeschichte großen Formats - und ist zudem noch eminent lesbar geschrieben. Es verführt zum Stöbern, auch und gerade dann, wenn man eigentlich kein Mittelalterexperte ist.
Michael Dreyer (MD)
Prof. Dr., Institut für Politikwissenschaft, Universität Jena.
Rubrizierung: 5.31
Empfohlene Zitierweise: Michael Dreyer, Rezension zu: Kurt Flasch: Das philosophische Denken im Mittelalter. Stuttgart: 2000, in: Portal für Politikwissenschaft, https://www.pw-portal.de/rezension/12193-das-philosophische-denken-im-mittelalter_14557, veröffentlicht am 01.01.2006.
Buch-Nr.: 14557
Rezension drucken
Prof. Dr., Institut für Politikwissenschaft, Universität Jena.
CC-BY-NC-SA