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/ 12.06.2013
Matthias Wagner

Das Stasi-Syndrom. Über den Umgang mit den Akten des MfS in den 90er Jahren

Berlin: Das Neue Berlin (edition ost) 2001; 198 S.; brosch., 12,73 €; ISBN 3-360-01021-3
Subjektivität und Ressentiments machen das Buch interessant und abstoßend zugleich. Der Autor war bis Januar 1990 wissenschaftlicher Mitarbeiter im Zentralen Staatsarchiv in Potsdam und wurde dann in das Archiv der Staatssicherheit in die Berliner Normannenstraße "abkommandiert". Dass er sich dafür ausspricht, die Unterlagen der Staatssicherheit, die "Büchse der Pandora" (9) zu schließen, ist weniger mit seinem Beruf zu erklären als mit seiner Biographie. Als Nichtmitglied der SED taten sich ihm...
Matthias Wagner

Das Stasi-Syndrom. Über den Umgang mit den Akten des MfS in den 90er Jahren

Berlin: Das Neue Berlin (edition ost) 2001; 198 S.; brosch., 12,73 €; ISBN 3-360-01021-3
Subjektivität und Ressentiments machen das Buch interessant und abstoßend zugleich. Der Autor war bis Januar 1990 wissenschaftlicher Mitarbeiter im Zentralen Staatsarchiv in Potsdam und wurde dann in das Archiv der Staatssicherheit in die Berliner Normannenstraße "abkommandiert". Dass er sich dafür ausspricht, die Unterlagen der Staatssicherheit, die "Büchse der Pandora" (9) zu schließen, ist weniger mit seinem Beruf zu erklären als mit seiner Biographie. Als Nichtmitglied der SED taten sich ihm 1990 zunächst ungeahnte Karrierechancen auf. Gleichzeitig trug er einen Erreger in sich, dessen Inkubationszeit mit der Öffnung der Stasi-Akten unweigerlich zu Ende ging: Er hatte sich 1981 als inoffizieller Mitarbeiter der Staatssicherheit verpflichtet, deren schriftliche Hinterlassenschaften er nun sichten und sichern sollte. Der Ausbruch des Erregers war nur eine Frage der Zeit; die folgende Krankheit - das Stasi-Syndrom - sollte vielen Betroffenen die Arbeit und das Ansehen kosten. Die Sündenbockrolle der Mitarbeiter des Geheimdienstes infrage zu stellen, ist zweifelsohne berechtigt. Wagner dreht jedoch den Spieß allzu ruckartig herum. Während er nur "'berichtete', was ich auch am Biertisch andernorts erzählte" (12), seien die eigentlichen Denunzianten diejenigen, die nach der Einsicht in ihre Akten die auf sie angesetzten inoffiziellen Mitarbeiter öffentlich machten. IM-Berichte hält er für "in der Summe Stimmungsberichte über Tendenzen der gesellschaftlichen Entwicklung" (153), eine Art Nachrichtenagentur von unten. Hass und Verachtung empfindet der Autor gegenüber den "sogenannten Bürgerrechtlern" (13). Mit dem Bürgerkomitee, dass sich nach der Besetzung der Normannenstraße am 15. Januar 1990 gebildet hatte, musste er eng zusammenarbeiten. Wagners Beschreibungen legen den Eindruck nahe, es hätte sich hier um den Abschaum der Gesellschaft gehandelt. Saubermänner, die sich im Blitzlichtgewitter wohlfühlten (49), zwanzigjährige Bürschchen, die über ihre Altersversorgung nachdachten (95), Gefallen am Dienstausweis des Ministerrates und dem Dienst-Lada samt Tankscheinheft gefunden (123), schlechte Zähne (96) oder Alkoholprobleme (71) hatten. Seine Abneigung gipfelt in der Frage, ob die einheimischen Bürgerbewegten oder die nun einfallenden Bundesbehörden das größere Übel für die Zukunft darstellten (128). Positiv stellt der Autor die mittlere DDR-Funktionselite dar, zu der er selbst gehörte: "Nicht, weil ich Karriere zu machen hoffte, sondern weil ich wirklich annahm, dass Kompetenz gefragt sei", stellte er sich im Frühjahr 1990 für höhere Ämter zur Verfügung (130). Nie habe er viel verdient, "auch jetzt nicht" (140). Bis 1993 war Wagner in leitender Stellung in der Gauck-Behörde tätig, danach bis 1997 im Bundesarchiv Koblenz. Erst 1997 wurde seine inoffizielle Tätigkeit für das MfS bekannt. Seitdem ist er arbeitslos. Das Buch ist geprägt von Häme und dem Wunsch nach Abrechnung. Dennoch sind einige Kapitel wirklich lesenswert, denn sie bieten Einblicke in die Vorgänge um die Unterlagen der Staatssicherheit in den Monaten des Umbruchs. Aufgrund der Nähe wie auch der inneren Distanz des Archivars zum damaligen Geschehen erfährt der Leser einiges, was in den Berichten der damaligen Akteure nicht auftauchen wird. Spannend sind vor allem die Kapitel, in denen es um die Vernichtung nicht nur von MfS-Unterlagen, sondern auch von brisanten Beständen anderer staatlicher Archive geht, deren Hintergründe er kenntnisreich erläutert.
Henry Krause (HK)
Dipl.-Politologe, Referatsleiter, Sächsische Landeszentrale für politische Bildung, Dresden.
Rubrizierung: 2.315 Empfohlene Zitierweise: Henry Krause, Rezension zu: Matthias Wagner: Das Stasi-Syndrom. Berlin: 2001, in: Portal für Politikwissenschaft, https://www.pw-portal.de/rezension/13693-das-stasi-syndrom_16418, veröffentlicht am 01.01.2006. Buch-Nr.: 16418 Rezension drucken
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