/ 11.06.2013
Landolf Scherzer
Der Letzte
Berlin: Aufbau-Verlag 2000; 336 S.; geb., 17,38 €; ISBN 3-351-02498-3"'Du mußt als Politiker nicht darüber nachdenken, ob das, was du sagst, wirklich alles wahr ist, du mußt dich nur darauf konzentrieren, es so zu erzählen, als ob es wahr ist.'" (96) So aufgeschnappt in einem Medienseminar für Kandidaten zur Thüringer Landtagswahl von Scherzer, der sich im Januar 1999 als Berichterstatter beim Landtag in Erfurt akkreditieren lässt, weil er "bis zur Wahl im September das Parlament und die Parteien beobachten und beschreiben und die neue Demokratie begreifen will" ...
Landolf Scherzer
Der Letzte
Berlin: Aufbau-Verlag 2000; 336 S.; geb., 17,38 €; ISBN 3-351-02498-3"'Du mußt als Politiker nicht darüber nachdenken, ob das, was du sagst, wirklich alles wahr ist, du mußt dich nur darauf konzentrieren, es so zu erzählen, als ob es wahr ist.'" (96) So aufgeschnappt in einem Medienseminar für Kandidaten zur Thüringer Landtagswahl von Scherzer, der sich im Januar 1999 als Berichterstatter beim Landtag in Erfurt akkreditieren lässt, weil er "bis zur Wahl im September das Parlament und die Parteien beobachten und beschreiben und die neue Demokratie begreifen will" (7). Das Ergebnis ist dieser Band, der vielleicht am treffendsten als belletristische Reportage zu beschreiben wäre. Dem aufmerksamen Beobachter Scherzer gelingt es in der Tat, mit zahlreichen erhellenden Einblicken einen sehr lesenswerten und durchaus stimmigen Blick hinter die Kulissen des Arbeitsalltags eines Landesparlaments zu werfen. Eine der Stärken des Buchs ist darüber hinaus das feine Gespür, mit dem Scherzer seine Gesprächspartner - von den Abgeordneten über Verwaltungsbeamte bis zum Landtagstischler - gerade auch in ihren sehr persönlichen Zügen fast greifbar vor Augen führt. Auf der anderen Seite gelingt ihm eine ebenso überzeugende Darstellung der komplexen materialen und prozessualen Zusammenhänge, die für die beobachteten Politiker jeweils handlungsleitend wirken, nicht. So scharfsichtig und facettenreich auch sein Blick im Detail ist - das Bild, das er von der Landespolitik insgesamt zeichnet, bleibt dennoch bruchstückhaft und verschwommen. "Politik hat ihre eigenen Gesetze" (256), zitiert er einen seiner Gesprächspartner, und hier wie an vielen ähnlichen Stellen wird deutlich, dass dies als vorwurfsvolle Abgrenzung gemeint ist. Den hohen Idealen, die Scherzer an die Politik heran und noch in ihre Darstellung mit hinein getragen hat, kann diese unmöglich entsprechen - und obwohl oder gerade weil das Gesehene und Gehörte kaum einmal direkt wertend kommentiert wird, hinterlässt das Buch schließlich schon durch das bloße Übergewicht entsprechender Äußerungen den Eindruck eines latenten Misstrauensvorschusses dem Politikbetrieb und seinen Protagonisten gegenüber. Gleich ob sich dieser in Zynismus oder in Ostalgie und Ressentiments äußert - mangels Abgrenzung wird nicht immer deutlich, ob beziehungsweise wie weit sich dabei Zitate und Autorenmeinung decken.
Thomas Nitzsche (TN)
M. A., Fachreferent für Politikwissenschaft, Soziologie und Wirtschaftswissenschaft an der Thüringer Universitäts- und Landesbibliothek in Jena (ThULB).
Rubrizierung: 2.325 | 2.315
Empfohlene Zitierweise: Thomas Nitzsche, Rezension zu: Landolf Scherzer: Der Letzte Berlin: 2000, in: Portal für Politikwissenschaft, https://www.pw-portal.de/rezension/12203-der-letzte_14569, veröffentlicht am 01.01.2006.
Buch-Nr.: 14569
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M. A., Fachreferent für Politikwissenschaft, Soziologie und Wirtschaftswissenschaft an der Thüringer Universitäts- und Landesbibliothek in Jena (ThULB).
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