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/ 11.06.2013
Wojciech Boloz / Gerhard Höver (Hrsg.)

Die Einigung Europas als Herausforderung für die Kirche

Baden-Baden: Nomos Verlagsgesellschaft 2000 (Schriften des Zentrum für Europäische Integrationsforschung 21); 255 S.; ISBN 3-7890-6632-X
Katholische Theologen aus Bonn und Warschau haben sich in Zusammenarbeit mit dem Bonner Zentrum für Europäische Integrationsforschung vorgenommen, die Einigung Europas theologisch zu reflektieren. Die Beiträge des daraus entstandenen Sammelbandes sind sehr vielfältig, bieten aber weniger theologische als historische, soziologische und ethische Aspekte der europäischen Einigung. Die polnischen Theologen problematisieren vor allem die Abwendung der europäischen Gesellschaften von ihren christliche...
Wojciech Boloz / Gerhard Höver (Hrsg.)

Die Einigung Europas als Herausforderung für die Kirche

Baden-Baden: Nomos Verlagsgesellschaft 2000 (Schriften des Zentrum für Europäische Integrationsforschung 21); 255 S.; geb., 88,- DM; ISBN 3-7890-6632-X
Katholische Theologen aus Bonn und Warschau haben sich in Zusammenarbeit mit dem Bonner Zentrum für Europäische Integrationsforschung vorgenommen, die Einigung Europas theologisch zu reflektieren. Die Beiträge des daraus entstandenen Sammelbandes sind sehr vielfältig, bieten aber weniger theologische als historische, soziologische und ethische Aspekte der europäischen Einigung. Die polnischen Theologen problematisieren vor allem die Abwendung der europäischen Gesellschaften von ihren christlichen Ursprüngen (27), die auch eine Lösung vom christlichen Konzept des Seins, der Familie im überlieferten Sinn oder des Respekts für das menschliche Leben nach sich ziehe. Gemeinsam mit dem polnischen Papst betonen sie die Notwendigkeit einer Rückkehr zu den christlichen Wurzeln (65). Von deutscher Seite wird dagegen eine Neuorientierung der katholischen Kirche gefordert: "Welche Gottesverkündigung ist glaubwürdig angesichts der europäischen Freiheitsgeschichte?" (73), fragt der Pastoraltheologe Fürst. Für die katholische Kirche entwirft er die Vision einer von Politikern und Theologen gesteuerten Rätedemokratie, mit allerlei Partizipation und dienenden Bischöfen. Dabei scheut er sich nicht, auf den von dem Theologen Johann Baptist Hirscher vor 150 Jahren aufgebrachten Begriff des positiven Christentums Bezug zu nehmen (78). Diesen Begriff hatten später die Nationalsozialisten in ihrem Parteiprogramm verwendet. Sie verstanden darunter ein "zeitgemäßes", "einwandfreies" Christentum, eine Kirche als Erfüllungsgehilfin der Politik. Wo Fürst aus Opportunitätsgründen keine Grenzüberschreitungen vornehmen möchte, lässt er evangelische Kollegen zu Wort kommen: etwa Jürgen Moltmann, der aus der konfessionellen Verschiedenheit der Kirchen schließt, dass die Kirchen nicht europafähig seien und, insofern sie keine "demokratieverträglichen Strukturen haben", dem neuen Europa "im Wege" stünden (83). Oder Trutz Rendtorff, für den die Kirchen die Zukunft Europas nur dadurch befördern können, dass "sie sich mit allem Nachdruck für die Prinzipien liberaler Demokratie stark machen" (90). Angesichts dieser "Gottesverkündigung" auf Deutsch weist der polnische Kirchenrechtler Sobanski darauf hin, dass die EU keine "Europafähigkeit der Kirchen" fordere und schon gar kein bestimmtes Religionsbild verfolge (103). Weder der Staat noch irgendeine andere irdische Instanz habe zu bestimmen, was die Kirchen sind oder welchen Platz sie einzunehmen haben (106). Der freizügige Umgang vieler deutscher Theologen mit dem Depositum Fidei macht es unwahrscheinlich, dass der "außerordentlich große Orientierungsbedarf" (173), den der Bonner Moraltheologe Höver im Bereich der Gen- und Biotechnik feststellt, aus dieser Richtung bedient werden könnte. Die wissenschaftliche Entwicklung eilt der ethischen Reflexion und Konsensbildung gegenwärtig weit voraus, und es wird immer schwerer, die grundsätzlichen Prinzipien, wie sie von den Religionen aufgerichtet sind, mit praktischen Lösungen zusammenzubringen (190). Wie unterschiedlich polnische und deutsche Theologen auf diese Fragen reagieren, zeigt dieser Band. Inhalt: I. Glaube und Geschichte: Gabriel Adiányi: Die Integration Osteuropas in die europäische Geschichte - ein historischer Überblick (13-25); Janusz Balicki: The Cultural Identity of Europe as a Challenge for the Church and State in the Face of the Secularization and the Demographic Crises (27-36). II. Glaube und Kultur: Ursula Nothelle-Wildfeuer: Vom Wohlfahrtsstaat zum zivilgesellschaftlichen Sozialstaat (39-57); Ignacy Bokwa: Der Dialog zwischen Glaube und Kultur in der polnischen Theologie im Kontext der Einigung Europas (59-69); Walter Fürst: Eine Pastoral für Europa? Perspektiven des seelsorglichen Handelns und des gesellschaftlichen Engagements der Kirche(n) im pluralistisch-demokratischen Europa (71-99); Remigiusz Sobanski: Die Veränderungen in der Religiosität Polens im Blick auf die Einigung Europas (101-113). III. Glaube und Politik: Hans Waldenfels: Die politische Bedeutung und Aufgabe der Kirche in einem vereinten Europa (117-128); Helmut Juros: Die Kirche im Spannungsfeld zwischen Nation - Kultur - Souveränität (129-146). IV. Glaube, Ethik und Wirtschaft: Lothar Roos: Die Einigung Europas als wirtschaftsethische Herausforderung (149-160); Aniela Dylus: Die wirtschaftliche Souveränität des Staates im Spannungsfeld von Globalisierung und Integration Europas (161-170). V. Glaube, Ethik und Biomedizin: Gerhard Höver: Probleme der Bioethik in Deutschland im Blick auf die Einigung Europas (173-236); Wojciech Boloz: Probleme der Bioethik in Polen im Blick auf die Einigung Europas (237-247).
Henry Krause (HK)
Dipl.-Politologe, Referatsleiter, Sächsische Landeszentrale für politische Bildung, Dresden.
Rubrizierung: 2.233.42.622.35 Empfohlene Zitierweise: Henry Krause, Rezension zu: Wojciech Boloz / Gerhard Höver (Hrsg.): Die Einigung Europas als Herausforderung für die Kirche Baden-Baden: 2000, in: Portal für Politikwissenschaft, https://www.pw-portal.de/rezension/12649-die-einigung-europas-als-herausforderung-fuer-die-kirche_15122, veröffentlicht am 01.01.2006. Buch-Nr.: 15122 Rezension drucken
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