/ 12.06.2013
Stefan Müller-Doohm
Die Soziologie Theodor W. Adornos. Eine Einführung
Frankfurt a. M./New York: Campus Verlag 2001; 276 S.; 2. Aufl.; kart., 19,84 €; ISBN 3-593-36739-4Stärker noch als die Philosophie Adornos, die zumindest unter rein ästhetischen Gesichtspunkten durch ihre unbestritten einzigartige Sprache und ihre nahezu lyrische Verdichtung bis heute beeindruckt, scheint seine Soziologie veraltet und von nunmehr bloß historischem Interesse zu sein. Ihre enge Anlehnung an die marxsche Kapitalismuskritik einerseits und die doch arg unter dem Schatten der unmittelbaren Erfahrung von Auschwitz stehende Faschismusanalyse andererseits, lassen es fragwürdig ersche...
Stefan Müller-Doohm
Die Soziologie Theodor W. Adornos. Eine Einführung
Frankfurt a. M./New York: Campus Verlag 2001; 276 S.; 2. Aufl.; kart., 19,84 €; ISBN 3-593-36739-4Stärker noch als die Philosophie Adornos, die zumindest unter rein ästhetischen Gesichtspunkten durch ihre unbestritten einzigartige Sprache und ihre nahezu lyrische Verdichtung bis heute beeindruckt, scheint seine Soziologie veraltet und von nunmehr bloß historischem Interesse zu sein. Ihre enge Anlehnung an die marxsche Kapitalismuskritik einerseits und die doch arg unter dem Schatten der unmittelbaren Erfahrung von Auschwitz stehende Faschismusanalyse andererseits, lassen es fragwürdig erscheinen, ob die bei Adorno vertretene Methodologie und die aus ihr entspringenden Fragen und Antworten uns Heutigen noch etwas sagen. Unabhängig davon, wie man diese Frage beurteilen mag und ob man das Plädoyer des Autors für die Aktualität Adornos für überzeugend hält, liefert das Buch eine detaillierte Einführung in die soziologische Gedankenwelt Adornos. Die Rekonstruktion erfolgt in vier Schritten: Zunächst werden die Grundbegriffe von Adornos Soziologie ("Gesellschaft", "Individuum", "Verdinglichung", "Tausch" u. s. w.) geklärt. Dann ordnet Müller-Doohm Adorno ideengeschichtlich in den Kontext der soziologischen Tradition ein. In einem dritten Schritt widmet sich der Autor Adornos empirischen Studien - was viele nicht wissen: Der Positivismuskritiker Adorno hat durchaus empirische Forschung betrieben. Zuletzt schließlich wird das Denken Adornos wissenssoziologisch in dem ihm umgebenden "kulturellen Klima" verordnet. Hier zeigt sich die Zeitbedingtheit seines Denkens, das dennoch zumindest eines bleibt: Dokument einer dunklen Epoche deutscher Geschichte, gesehen durch die Augen eines in höchstem Maße sensiblen und dadurch zeitdiagnostisch unerbittlichen Ausnahmedenkers.
Florian Weber (FW)
M. A., wiss. Mitarbeiter, Institut für Politikwissenschaft, Universität Jena.
Rubrizierung: 5.46
Empfohlene Zitierweise: Florian Weber, Rezension zu: Stefan Müller-Doohm: Die Soziologie Theodor W. Adornos. Frankfurt a. M./New York: 2001, in: Portal für Politikwissenschaft, https://www.pw-portal.de/rezension/13895-die-soziologie-theodor-w-adornos_16656, veröffentlicht am 01.01.2006.
Buch-Nr.: 16656
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M. A., wiss. Mitarbeiter, Institut für Politikwissenschaft, Universität Jena.
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