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/ 11.06.2013
Ralph Giordano

Die zweite Schuld oder Von der Last Deutscher zu sein

Köln: Kiepenheuer & Witsch 2000; 374 S.; 12,73 €; ISBN 3-462-02943-6
Die Neufassung des 1987 zuerst erschienenen Buches ist nur an zwei Stellen verändert worden, bedingt durch das Ende der DDR und seine Folgen. Von seiner Aktualität hat der Band aber nichts eingebüßt. Im Gegenteil, angesichts der nicht abreißenden Welle von rechtsextremen Ausschreitungen ist Giordanos von Zorn und Trauer getragene Kritik an der zweiten Schuld der Deutschen, also der Verdrängung und Verleugnung der ersten unter Hitler, aktueller denn je. Giordano vertritt nicht die These einer Kol...
Ralph Giordano

Die zweite Schuld oder Von der Last Deutscher zu sein

Köln: Kiepenheuer & Witsch 2000; 374 S.; 12,73 €; ISBN 3-462-02943-6
Die Neufassung des 1987 zuerst erschienenen Buches ist nur an zwei Stellen verändert worden, bedingt durch das Ende der DDR und seine Folgen. Von seiner Aktualität hat der Band aber nichts eingebüßt. Im Gegenteil, angesichts der nicht abreißenden Welle von rechtsextremen Ausschreitungen ist Giordanos von Zorn und Trauer getragene Kritik an der zweiten Schuld der Deutschen, also der Verdrängung und Verleugnung der ersten unter Hitler, aktueller denn je. Giordano vertritt nicht die These einer Kollektivschuld der Nachgeborenen. Sein Buch ist den "schuldlos beladenen Söhnen, Töchtern, Enkelinnen und Enkeln" gewidmet. Wohl aber weist er überzeugend nach, dass die Unterscheidung zwischen den bösen Nationalsozialisten und den übrigen Deutschen, die alle "nichts gewusst" haben wollen, völlig verfehlt ist. Er ist sogar der Meinung, dass der nationalsozialistische Repressionsapparat seit 1936 überbesetzt war. Die politische Gesinnung der Bevölkerungsmehrheit machte ihn jedenfalls nicht notwendig (79 f.). Angesichts der tief verankerten Zustimmung zum Nationalsozialismus verwundert die Verdrängung und Verleugnung des Nazi-Unwesens in der Bundesrepublik kaum noch. Eine Art von "kalter Amnestie" führte dazu, dass viele Funktionsträger des Nazi-Reichs, von Wirtschaftsführern über Diplomaten und Militärs bis hin zu Blutrichtern und -staatsanwälten bis 1958 wieder in die Gesellschaft eingegliedert waren. Die Folgen dieser moralischen Katastrophe des Verdrängens haben die politische Kultur der Bundesrepublik lange geprägt und sind bis heute zu spüren. Giordano will mit seinem Buch ergründen, wie es zum Verlust der humanen Orientierung - ein Topos, der sich durch das ganze Buch zieht - kam; er will der Verdrängung entgegenwirken, weil die Lebenslüge der für das Dritte Reich verantwortlichen Generation bis heute in unserer Gesellschaft nachwirkt. Wie sehr, macht die im Anhang abgedruckte Auswahl an teils erschreckenden Briefen deutlich, die Giordano nach der Erstveröffentlichung dieses Buches erhalten hat.
Walter Rösch (WR)
M. A., Politikwissenschaftler.
Rubrizierung: 2.3122.3112.35 Empfohlene Zitierweise: Walter Rösch, Rezension zu: Ralph Giordano: Die zweite Schuld oder Von der Last Deutscher zu sein Köln: 2000, in: Portal für Politikwissenschaft, https://www.pw-portal.de/rezension/13127-die-zweite-schuld-oder-von-der-last-deutscher-zu-sein_15729, veröffentlicht am 01.01.2006. Buch-Nr.: 15729 Rezension drucken
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