/ 12.06.2013
Joachim Blatter
Entgrenzung der Staatenwelt? Politische Instiutionenbildung in grenzüberschreitenden Regionen in Europa und Nordamerika
Baden-Baden: Nomos Verlagsgesellschaft 2000 (Weltpolitik im 21. Jahrhundert 5); 307 S.; brosch., 19,94 €; ISBN 3-7890-6886-1Politikwiss. Diss. Halle-Wittenberg; Gutachter: A. Benz. - Im Rahmen der Globalisierungsdiskussion wird die These vertreten, dass nicht nur globale Formen der Zusammenarbeit, sondern auch die zunehmende - auch grenzüberschreitende - Vernetzung regionaler Akteure zu einem "Verschwimmen" nationalstaatlicher Grenzen führt (19). Zur Prüfung dieser These nimmt Blatter im einführenden theoretischen Teil eine Systematisierung der Formen der grenzüberschreitenden Zusammenarbeit und ihrer Bestimmungsgrün...
Joachim Blatter
Entgrenzung der Staatenwelt? Politische Instiutionenbildung in grenzüberschreitenden Regionen in Europa und Nordamerika
Baden-Baden: Nomos Verlagsgesellschaft 2000 (Weltpolitik im 21. Jahrhundert 5); 307 S.; brosch., 19,94 €; ISBN 3-7890-6886-1Politikwiss. Diss. Halle-Wittenberg; Gutachter: A. Benz. - Im Rahmen der Globalisierungsdiskussion wird die These vertreten, dass nicht nur globale Formen der Zusammenarbeit, sondern auch die zunehmende - auch grenzüberschreitende - Vernetzung regionaler Akteure zu einem "Verschwimmen" nationalstaatlicher Grenzen führt (19). Zur Prüfung dieser These nimmt Blatter im einführenden theoretischen Teil eine Systematisierung der Formen der grenzüberschreitenden Zusammenarbeit und ihrer Bestimmungsgründe vor. Den Hauptteil der Arbeit bilden vier ausführliche Fallstudien von Grenzregionen: die Oberrheinregion, die Bodenseeregion, die Region San Diego - Tijuana (US-amerikanisch-mexikanische Grenzregion) und Cascadia (US-amerikanisch-kanadische Grenzregion an der Pazifikküste). Die empirische Grundlage für die Fallstudien bilden u. a. zahlreiche Interviews mit regionalen Akteuren. In der Analyse der Regionen legt der Autor besonderes Gewicht auf die Unterscheidung der Policy- und der Polity-Faktoren; insbesondere letztere, so seine These, seien für die Erklärung der jeweiligen Form der Zusammenarbeit entscheidend.
Im Ergebnis zeigt sich, dass die grenzüberschreitende Zusammenarbeit seit den Sechzigerjahren ihren Charakter verändert hat: Sie wird heute weniger von der nationalstaatlichen Exekutive als vielmehr durch binnenstaatliche Akteure initiiert (Länder, Kommunen, Verbände etc.), die in relativ "flachen" Hierarchien zusammenarbeiten. Hinsichtlich der Formen der grenzüberschreitenden Zusammenarbeit lässt sich ein deutlicher Unterschied zwischen Europa und Nordamerika beobachten: Hierzulande wird die Zusammenarbeit breit angelegt und auf allen Ebenen (Politik, Wirtschaft, Soziales, Kultur etc.) nach Möglichkeiten der Kooperation gesucht; die Region ist territorial klar begrenzt und spielt eine wichtige Rolle für die Identifikation. Demgegenüber kommt der Region in Nordamerika keine identifikatorische Funktion zu; sie ist ein nur unscharf abgegrenzter Raum, in dem sich einzelne, aufgabenbezogene Formen der Zusammenarbeit entwickeln. Zudem fehlt in Nordamerika die institutionelle Einbindung der grenzüberschreitenden Zusammenarbeit, die in Europa durch das "Mehrebenensystem" der EU gegeben ist (277).
Wenn auch die vergleichende Untersuchung der grenzüberschreitenden Zusammenarbeit interessant und gut geschrieben ist, bleibt am Ende die Ausgangsfrage nach dem Verschwinden der nationalstaatlichen Grenzen offen. Eine Antwort auf diese Frage könnte auch nur gegeben werden, wenn die Rückwirkung der regionalen Zusammenarbeit auf die Handlungsfähigkeit des Nationalstaats untersucht würde - was sicherlich den Rahmen dieser Arbeit gesprengt hätte.
Hendrik Hansen (HH)
Dr., Lehrbeauftragter, Politische Theorie und Ideengeschichte, Universität Passau.
Rubrizierung: 4.5 | 2.2 | 2.61 | 2.64
Empfohlene Zitierweise: Hendrik Hansen, Rezension zu: Joachim Blatter: Entgrenzung der Staatenwelt? Baden-Baden: 2000, in: Portal für Politikwissenschaft, https://www.pw-portal.de/rezension/13461-entgrenzung-der-staatenwelt_16129, veröffentlicht am 01.01.2006.
Buch-Nr.: 16129
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Dr., Lehrbeauftragter, Politische Theorie und Ideengeschichte, Universität Passau.
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