/ 12.06.2013
Claudia Althaus
Erfahrung denken. Hannah Arendts Weg von der Zeitgeschichte zur politischen Theorie
Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht 2000 (Formen der Erinnerung 6); 412 S.; kart., 42,95 €; ISBN 3-525-35425-8Geschichtswiss. Diss. - In der „stark gekürzten" (11) Version ihrer Dissertation etabliert Althaus eine für das Selbst- und Fremdverständnis von Arendt wichtige Einsicht, indem sie die biografische Erfahrung Arendts vermittelt über ihre Begriffe von Tradition, Geschichte, Generation, Bruch und Krise in ihrer politischen Theorie als methodologische Konsequenz (im Modus des „Storytelling") und normative Position (in einer „Politik der Anerkennung" [377]) aufweist. Arendts Lebens- und Denkwege lass...
Claudia Althaus
Erfahrung denken. Hannah Arendts Weg von der Zeitgeschichte zur politischen Theorie
Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht 2000 (Formen der Erinnerung 6); 412 S.; kart., 42,95 €; ISBN 3-525-35425-8Geschichtswiss. Diss. - In der „stark gekürzten" (11) Version ihrer Dissertation etabliert Althaus eine für das Selbst- und Fremdverständnis von Arendt wichtige Einsicht, indem sie die biografische Erfahrung Arendts vermittelt über ihre Begriffe von Tradition, Geschichte, Generation, Bruch und Krise in ihrer politischen Theorie als methodologische Konsequenz (im Modus des „Storytelling") und normative Position (in einer „Politik der Anerkennung" [377]) aufweist. Arendts Lebens- und Denkwege lassen sich vor diesem Hintergrund als eine Möglichkeit des Umgangs mit der Geschichte des 20. Jahrhunderts verstehen, die sich im Spannungsfeld von „Kontingenz und Kontinuität, Verlusterfahrung und Identitätsbildung" (30) entwickelt und deren Verständnis eine „spezifische Form der Weltaneignung" (35) darstellt. Ein solches Denken, „das die Zäsuren von Krieg und Gewalt akzeptiert und sich in eine Haltung der ‚Kontingenztoleranz' einzuüben sucht" (370), basiere auch auf Arendts essayistischen Fallstudien: „So wird ihr das Leben Rahel Varnhagens zum Sinnbild zerborstener Hoffnung auf Integration und Emanzipation; in Proust erkennt sie den Denker einer ‚verlorenen Zeit', deren Erfahrungsräume nicht mehr in die Gegenwart hineinragen; sie weiß um die Not Kafkas in einer brüchigen Welt, die Juden zu universalen Fremden deklariert und jegliches Aufgehobensein in der Welt der anderen verhindert hat." (370) Die auf Erfahrungs-, Wahrnehmungs- und Erinnerungsformen zielende Perspektive auf Arendt bettet Althaus in die Kritik der linguistischen Wende in der Geschichtswissenschaft ein. Das von Arendt postulierte Denken ohne Geländer wird zum zentralen Ausgangspunkt ihres gesamten Werkes: „Aus den überlieferten Traditionen und Erfahrungen früherer Generationen konnte nicht mehr ein Wertmaßstab für die Gestaltung der Zukunft gewonnen werden. [...] Der einzige Maßstab des Denkens, dessen einzig noch möglicher Ariadnefaden, ist die Erfahrung selbst." (368) In der Herleitung ihrer Argumentation bezieht sich Althaus auf eine Reihe unveröffentlichter Texte und Dokumente Arendts aus den Beständen der Library of Congress und des Marbacher Literaturarchivs.
Manuel Fröhlich (MF)
Prof. Dr., Juniorprofessur für Politikwissenschaft, Universität Jena (www.manuel-froehlich.de).
Rubrizierung: 5.46
Empfohlene Zitierweise: Manuel Fröhlich, Rezension zu: Claudia Althaus: Erfahrung denken. Göttingen: 2000, in: Portal für Politikwissenschaft, https://www.pw-portal.de/rezension/13405-erfahrung-denken_16064, veröffentlicht am 01.01.2006.
Buch-Nr.: 16064
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Prof. Dr., Juniorprofessur für Politikwissenschaft, Universität Jena (www.manuel-froehlich.de).
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