/ 12.06.2013
Holger Schatz / Andrea Woeldike
Freiheit und Wahn deutscher Arbeit. Zur historischen Aktualität einer folgenreichen antisemitischen Projektion
Hamburg/Münster: Unrast 2001 (Reihe antifaschistischer Texte 9); 204 S.; brosch., 15,24 €; ISBN 3-89771-805-7Anhand eines Streifzuges durch die Geschichte zeigen die Autoren, wie sich das Arbeitsethos in Deutschland seit dem Beginn der Neuzeit durchweg mit antisemitischen Projektionen verwoben zeigte und zugleich deutlich von dem benachbarter Gesellschaften unterschied. Das Bild von "dem" Juden als "Schacherer" beziehungsweise Handel und Geldgeschäfte betreibenden "Blutsauger" wurde zum antisemitisch konstruierten Gegenstück des Idealbildes vom "ehrlichen Arbeiter". Die Geschichte eines spezifisch deut...
Holger Schatz / Andrea Woeldike
Freiheit und Wahn deutscher Arbeit. Zur historischen Aktualität einer folgenreichen antisemitischen Projektion
Hamburg/Münster: Unrast 2001 (Reihe antifaschistischer Texte 9); 204 S.; brosch., 15,24 €; ISBN 3-89771-805-7Anhand eines Streifzuges durch die Geschichte zeigen die Autoren, wie sich das Arbeitsethos in Deutschland seit dem Beginn der Neuzeit durchweg mit antisemitischen Projektionen verwoben zeigte und zugleich deutlich von dem benachbarter Gesellschaften unterschied. Das Bild von "dem" Juden als "Schacherer" beziehungsweise Handel und Geldgeschäfte betreibenden "Blutsauger" wurde zum antisemitisch konstruierten Gegenstück des Idealbildes vom "ehrlichen Arbeiter". Die Geschichte eines spezifisch deutschen Verständnisses von Arbeit beginnt mit Martin Luther als einem Fürsprecher dessen, was er als "deutsche ehrliche Arbeit" definierte und dem "jüdischen Schmarotzertum und Wucher gegenüber stellte" (16). Arbeit galt ihm als Einfügung in eine objektive, gottgewollte Ordnung. Seine Äußerungen seien als Ankündigungen des modernen Kapitalismus zu sehen, so die Autoren, denn schon bei Luther lasse sich der Versuch feststellen, "die abstrakter werdende Vergesellschaftung zu konkretisieren, um sie dadurch bannen zu können" (16). Die Weiterentwicklung dieses Arbeitsbegriffs wird dann durch die Reformation bis hin zur Aufklärung im 18. Jahrhundert verfolgt. In deren Zentrum habe bezüglich des deutschen Arbeitsethos eine Verinnerlichung der Normen der sich im Kapitalismus entwickelnden Arbeitsgesellschaft gestanden. Das Besondere an der deutschen Ausprägung des Arbeitsbegriffs sei dabei gewesen, dass man sich weniger am Ergebnis orientierte, sondern Arbeit als Selbstzweck und Prinzip ins Zentrum gestellt wurde: "In England standen - in der Tradition der Puritaner - das Produkt, in dem die Arbeit verkörpert schien, sowie der Tausch dieses Produktes im Mittelpunkt. Dagegen wurden in Deutschland - beziehungsweise in den deutschen Teilstaaten - die Verausgabung der Arbeit um ihrer Selbst willen, also die Arbeitstätigkeit, und die Autorität der Vorgesetzten und Unternehmer als zentrale Kategorien wahrgenommen" (23). Der Nationalsozialismus mit seinen beiden ideologischen Polen "Kampf um die Arbeitsfreude" und "Vernichtung durch Arbeit" wird in diesem Sinne als radikale Realisierung der "deutschen Arbeit" dargestellt. Das abschließende Kapitel beschäftigt sich mit Kontinuitäten und Brüchen dieses "deutschen" Arbeitsverständnisses nach 1945.
Michael Hein (HN)
Dr., wiss. Mitarbeiter, Arbeitsstelle für graphische Literatur, Universität Hamburg, freier Lektor, Übersetzer, Publizist.
Rubrizierung: 2.35
Empfohlene Zitierweise: Michael Hein, Rezension zu: Holger Schatz / Andrea Woeldike: Freiheit und Wahn deutscher Arbeit. Hamburg/Münster: 2001, in: Portal für Politikwissenschaft, https://www.pw-portal.de/rezension/13214-freiheit-und-wahn-deutscher-arbeit_15831, veröffentlicht am 01.01.2006.
Buch-Nr.: 15831
Rezension drucken
Dr., wiss. Mitarbeiter, Arbeitsstelle für graphische Literatur, Universität Hamburg, freier Lektor, Übersetzer, Publizist.
CC-BY-NC-SA