/ 11.06.2013
Doron Rabinovici
Instanzen der Ohnmacht. Wien 1938-1945. Der Weg zum Judenrat
Frankfurt a. M.: Jüdischer Verlag 2000; 495 S.; geb., 25,46 €; ISBN 3-633-54162-4Die Geschichte des Nationalsozialismus ist reich an Schrecken, aber eines der auch psychisch schlimmsten Kapitel ist die Art und Weise, in der die Nazis jüdische Helfer gesucht und gefunden haben, die sie zwangen, an ihrem Vernichtungswerk teilzuhaben. Inwieweit sind diese jüdischen Helfer von Opfern zu Tätern geworden? Rabinovici, 1961 in Tel Aviv geboren und als Historiker und Schriftsteller in Wien lebend, beginnt sein erschütterndes Buch mit einer Reihe von Nachkriegsgerichtsverhandlungen un...
Doron Rabinovici
Instanzen der Ohnmacht. Wien 1938-1945. Der Weg zum Judenrat
Frankfurt a. M.: Jüdischer Verlag 2000; 495 S.; geb., 25,46 €; ISBN 3-633-54162-4Die Geschichte des Nationalsozialismus ist reich an Schrecken, aber eines der auch psychisch schlimmsten Kapitel ist die Art und Weise, in der die Nazis jüdische Helfer gesucht und gefunden haben, die sie zwangen, an ihrem Vernichtungswerk teilzuhaben. Inwieweit sind diese jüdischen Helfer von Opfern zu Tätern geworden? Rabinovici, 1961 in Tel Aviv geboren und als Historiker und Schriftsteller in Wien lebend, beginnt sein erschütterndes Buch mit einer Reihe von Nachkriegsgerichtsverhandlungen und Urteilen, in denen jüdische "Kollaborateure" tatsächlich und zum Teil wesentlich härter bestraft wurden als ihre Herren und Meister aus der SS. Auch Intellektuelle wie Hannah Arendt haben mit ihrer rigorosen Verurteilung der Judenräte dazu beigetragen, dass den hier arbeitenden und mitarbeitenden Menschen die Stigmata des Verräters und Feiglings anhafteten. Rabinovici rückt dies zurecht; er stellt klar, wer hier Täter und wer zunächst und vor allem Opfer gewesen ist. Sein Beispiel ist Wien, was jenseits der biographischen Bezüge des Autors zu dieser Stadt seine Berechtigung auch darin findet, dass die Donaumetropole als Beispiel für die spätere Errichtung der Judenräte in anderen Städten des Reiches und seiner besetzten Gebiete diente. Eichmann und die anderen Organisatoren des Terrors probierten hier Strukturen aus, die sich in ihrem Sinne "bewährten" und die deshalb übernommen wurden. Rabinovicis mit reichem Quellenmaterial geschriebenes Buch schildert die wachsende Verzweiflung, die den Charakter der Arbeit des Wiener Judenrates veränderte, nicht aber das generelle Ziel, das jüdische Leiden unter den Nazis zu verringern. Dass dies die Mitarbeit bei mehr und mehr moralisch fragwürdigen Handlungen beinhaltete, ist den Tätern anzulasten. Zahlreiche Einzelschicksale werfen immer wieder ein persönliches Licht auf das Grauen und die unentrinnbare Zwickmühle, in der sich die Opfer befanden. Der Autor zeigt auch die Bemühungen der Nazis auf, wo immer möglich die "Schmutzarbeit" ihren jüdischen Zwangshelfern zu überlassen, und so den Zorn der Wiener Juden auf diese zu richten. Wenigstens teilweise ist dies auch gelungen, und zwar auch über 1945 hinaus. Rabinovici will nicht umgekehrt den Wiener Judenrat kritiklos moralisch reinwaschen. Aber wenn jemals die Aufforderung an die Nachwelt, mit ihren Urteilen vorsichtig zu sein, gerechtfertigt war, dann ist es hier der Fall, und dieses Buch erklärt passioniert und vorsichtig, warum dies so ist.
Michael Dreyer (MD)
Prof. Dr., Institut für Politikwissenschaft, Universität Jena.
Rubrizierung: 2.312
Empfohlene Zitierweise: Michael Dreyer, Rezension zu: Doron Rabinovici: Instanzen der Ohnmacht. Frankfurt a. M.: 2000, in: Portal für Politikwissenschaft, https://www.pw-portal.de/rezension/12223-instanzen-der-ohnmacht_14592, veröffentlicht am 01.01.2006.
Buch-Nr.: 14592
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Prof. Dr., Institut für Politikwissenschaft, Universität Jena.
CC-BY-NC-SA