/ 11.06.2013
Hélène Carrère d'Encausse
Lenin. Aus dem Französischen von Enrico Heinemann
München/Zürich: Piper 2000; 539 S.; ISBN 3-492-04199-XDer Aufstieg Lenins ist eine Folge seiner Unterschätzung durch seine Gegner: So eine der prägnanten Thesen der angesehenen Russland-Kennerin Carrère d'Encausse, Professorin am Pariser Institut d'Études Politiques (IEP) und seit 1999 Präsidentin der Académie Française, in ihrer Lenin-Biographie. Doch die Bezeichnung "Biographie" greift für dieses Werk zu kurz: Hier wird nicht nur ein Leben erzählt, sondern - aufbauend auf beeindruckenden Recherchen und mit klarer Argumentation - ein politisches u...
Hélène Carrère d'Encausse
Lenin. Aus dem Französischen von Enrico Heinemann
München/Zürich: Piper 2000; 539 S.; geb., 68,- DM; ISBN 3-492-04199-XDer Aufstieg Lenins ist eine Folge seiner Unterschätzung durch seine Gegner: So eine der prägnanten Thesen der angesehenen Russland-Kennerin Carrère d'Encausse, Professorin am Pariser Institut d'Études Politiques (IEP) und seit 1999 Präsidentin der Académie Française, in ihrer Lenin-Biographie. Doch die Bezeichnung "Biographie" greift für dieses Werk zu kurz: Hier wird nicht nur ein Leben erzählt, sondern - aufbauend auf beeindruckenden Recherchen und mit klarer Argumentation - ein politisches und historisches Phänomen analysiert. Die Autorin will erklären, wie binnen weniger Wochen in Russland ein Mann aufsteigen konnte, der vor 1917 unter den angesehenen europäischen Sozialdemokraten als Außenseiter behandelt und als "skrupelloser Aufrührer" angesehen wurde; sie will nachvollziehen, wie er mit einer Handvoll Anhänger die Macht ergreifen konnte, obwohl die Menschewiki ihm hinsichtlich der organisatorischen Basis und des Rückhalts in der Bevölkerung zunächst weit überlegen waren; und sie will zeigen, wie er nach 1917 in so kurzer Zeit einen "dauerhaften und unvergleichlich starken Staat" (486) aufbauen konnte. Das Phänomen "Lenin" zu verstehen, ist für Carrère d'Encausse auch für die Gegenwart von Bedeutung: Denn bis in die jüngste Zeit genügte der eklatante "Widerspruch zwischen dem humanistischen Anspruch und den inhumanen Praktiken" (496) nicht für eine allgemeine Verurteilung. Der Grund liegt ihrer Ansicht nach darin, dass Lenin es vermocht hat, als "die Verkörperung der orthodoxen Theorie, also des Marxschen Vorhabens" zu erscheinen (496) - dies aber sei insoweit falsch, als Lenin Marx in eine spezifisch "'politische' Richtung" (487) weiterentwickelt habe; der Leninismus erweise sich bei näherem Hinsehen vor allem als "theoretische[...] Rechtfertigung einer wechselhaften Praxis" (495), die wesentlich auf Machtgewinnung und -erhalt gerichtet war. Die Auseinandersetzung von Carrère d'Encausse mit Lenin ist einfühlsam und schonungslos zugleich, aber gerade weil sie hinsichtlich der Brutalität von Lenin kein Blatt vor den Mund nimmt, verblüfft die doch gelegentlich durchscheinende Bewunderung für ihn.
Aus dem Inhalt: I. Von Uljanow zu Lenin (1870-1900): 1. Die Schule des Lebens; 2. Rußland im Strudel des Wandels; 3. Die Ursprünge des Bolschewismus. II. Der Berufsrevolutionär (1900-1914): 4. Die Einheit: Eine Partei, ein Programm, ein Chef. III. Die Revolution um jeden Preis (1914-1917): 8. Alle Macht den Räten (Februar-Oktober 1917); 9. Alle Macht den Bolschewiki. IV. Das Ende des Traumes (1917-1924): 10. Vom Untergang des Staates zum Staat der Revolution; 11. Die Macht um jeden Preis behaupten; 12. Weltrevolution? Revolution in einem einzigen Land?; 13. Nach der Selbstbestimmung - Der wiederhergestellte Staat; 14. "Ein Schritt vor, zwei Schritte zurück..."; 15. Der geistige Verfall des politischen Genies.
Hendrik Hansen (HH)
Dr., Lehrbeauftragter, Politische Theorie und Ideengeschichte, Universität Passau.
Rubrizierung: 5.46 | 2.62
Empfohlene Zitierweise: Hendrik Hansen, Rezension zu: Hélène Carrère d'Encausse: Lenin. München/Zürich: 2000, in: Portal für Politikwissenschaft, https://www.pw-portal.de/rezension/13068-lenin_15657, veröffentlicht am 01.01.2006.
Buch-Nr.: 15657
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Dr., Lehrbeauftragter, Politische Theorie und Ideengeschichte, Universität Passau.
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