/ 12.06.2013
Helmut Kohl
Mein Tagebuch. 1998-2000
München: Droemer 2000; 352 S.; geb., 22,50 €; ISBN 3-426-27241-5Kohl hat - wie er im Vorwort zumindest andeutet - nicht kontinuierlich Tagebuch geführt. Das Umschlagbild des Buches mit einem Blick auf Kohls fast schon berühmten Taschenkalender scheint hier zunächst aufschlussreicher zu sein. Vieles von dem, was Kohl (insbesondere im ersten Teil des Buches) erzählt, legt in Stil und Inhalt die Vermutung nahe, dass er hier noch einmal seine offiziellen Termine und Redemanuskripte durchgegangen ist, deren Aussage dann kurz wiedergegeben wird. Ton und Intensität...
Helmut Kohl
Mein Tagebuch. 1998-2000
München: Droemer 2000; 352 S.; geb., 22,50 €; ISBN 3-426-27241-5Kohl hat - wie er im Vorwort zumindest andeutet - nicht kontinuierlich Tagebuch geführt. Das Umschlagbild des Buches mit einem Blick auf Kohls fast schon berühmten Taschenkalender scheint hier zunächst aufschlussreicher zu sein. Vieles von dem, was Kohl (insbesondere im ersten Teil des Buches) erzählt, legt in Stil und Inhalt die Vermutung nahe, dass er hier noch einmal seine offiziellen Termine und Redemanuskripte durchgegangen ist, deren Aussage dann kurz wiedergegeben wird. Ton und Intensität der "Eintragungen" werden aber mit Beginn der Parteispendenaffäre deutlich anders. Kohls Buch ist vor allem die Wortmeldung auf eine von ihm als "Kampagne" erfahrene Bemühung, "mich zu kriminalisieren und auf diese Weise meine sechzehnjährige Kanzlerschaft zu diskreditieren" (5). Oftmals bezieht er sich auf Atmosphärisches, darauf was er "gefühlt" oder "gespürt" hat: "Es ist mir wichtig zu zeigen, wie der Mensch Helmut Kohl bestimmte Situationen erlebt hat. Selbstgerechtigkeit liegt mir fern. Dieses Tagebuch zeigt meine ganz persönliche Sicht der politischen Entwicklung seit der Wahlniederlage 1998. Dazu gehören auch schwer in Worte zu fassende Verletzungen, die bis zur Gegenwart nachwirken." (6)
Diese persönliche Perspektive schlägt sich auch in einer Vielzahl von Beurteilungen anderer Persönlichkeiten nieder: Der Journalist der Süddeutschen Zeitung Heribert Prantl wirkt auf Kohl "wie ein fanatischer Linker, ohne Toleranz für Andersdenkende" (68), zu Johannes Rau hat er "zu keiner Zeit eine gute Beziehung entwickelt" (71), Roland Koch ist für ihn "eine der ganz großen Hoffnungen in der Union" (98), Franz Müntefering kommt ihm so vor "als ob er die Macht nicht verkraftet" (289), Christoph Böhr ist "treu" (214), während Richard von Weizsäcker "noch eine andere Seite hat als das freundliche Gesicht, das er der Öffentlichkeit präsentiert" (322). Mit deutlichen Worten belegt werden auch die "Putschisten" (177) des Bremer Parteitages um Lothar Späth; Kurt Biedenkopf werden späte "Rachegefühle" (158) attestiert und über Heiner Geißler schreibt Kohl, dieser werde "seinen Hass mir gegenüber wohl mit ins Grab nehmen" (169).
Unter den von Kohl angesprochenen Verletzungen will er wohl nicht zuletzt die Auseinandersetzung mit Wolfgang Schäuble verstanden wissen, zu dessen Buch "Mitten im Leben" (siehe in diesem Heft: 187 ff., ebenfalls in dieser Rubrik) Kohls Tagebuch oftmals Erwiderung und Pendant darstellt. Es dürfte wohl kein Zufall sein, dass Kohl mit der Beschreibung der großen Zahl von Besuchern, die ihn auch in Berlin aufsuchen, ausdrücken wikk: "Ich stehe mitten im Leben." (80) Sein Verhältnis zu Schäuble schätzt er als ein besonderes ein, "das sich aus meiner Sicht am besten wie die Beziehung zwischen einem älteren und einem jüngeren Bruder beschreiben lässt" (40). Seit dem Parteitag der CDU in Erfurt konstatiert Kohl jedoch "Entfremdung" mit seinem Nachfolger und fragt sich, ob "meine bloße Existenz für Wolfgang Schäuble zur Belastung wird" (67).
Im November 1999 notiert Kohl dann angesichts zunehmender Presseberichte über das System schwarzer Kassen: "Für mich ist jetzt offenkundig, dass ich kriminalisiert werden soll, um meine Reputation zu zerstören [...] Das Ziel ist, mich um jeden Preis zu verleumden und herabzusetzen." (113) Konstitutives Element der Perspektive Kohls auf die Spendenaffäre ist die für ihn kaum nachzuvollziehende Diskrepanz zwischen einer aktuellen "Kampagne" und der Häufung der Jahrestage der deutschen Einheit, mithin der Erinnerung an Glanzzeiten seiner Kanzlerschaft: "Einst gefeiert, jetzt gejagt von den politischen Gegnern, von Teilen der Medien, den parteiinternen Kritikern, zum Teil sogar von ehemaligen Freunden. So ist meine Situation. Man frage mich bitte nicht, wie das auszuhalten ist. Es ist ein traumatisches Erlebnis." (158) In auffallend unschuldigem Ton berichtet Kohl, dass er den Verwaltungschef der Parteizentrale, Hans Terlinden ("mein langjähriger Vertrauter" [199]), gebeten habe, ihm das Protokoll der Vernehmung des Wirtschaftsprüfers Horst Weyrauch zuzuleiten, um es danach unverzüglich an Schäuble weiterzuleiten. Schäuble erkannte in diesem Vorgang eine Illoyalität Terlindens gegenüber dem neuen Parteivorsitzenden und entließ ihn - was Kohl nicht nachvollziehen kann. Umgekehrt geht er davon aus, dass es "undenkbar" (141) scheine, dass Schäuble nicht im Voraus über den Distanzierungsartikel Angela Merkels in der FAZ gewusst habe. Und ein paar Tage später: "Es wird immer deutlicher, daß es sich offensichtlich um ein abgesprochenes Spiel mit verteilten Rollen zwischen der Generalsekretärin und dem Parteivorsitzenden handelt. Ich weiß jetzt, auf was ich mich einzurichten habe." (146) Nach der Eröffnung des Ermittlungsverfahrens Anfang 2000 und zunehmender Kritik schreibt Kohl dann: "So schnell werde ich nicht aufgeben, so schnell werde ich für die innerparteilichen wie für die politischen Gegner das Feld nicht räumen." (155)
Involvierung in eine Intrige zum Sturz Schäubles streitet Kohl ab. Das "außerordentlich heftig" (165) verlaufende Gespräch zwischen Kohl und Schäuble im Januar 2000 beschreibt er folgendermaßen: "Wolfgang Schäuble sagt dann in höchster Erregung, er frage mich jetzt ein letztes Mal, ob ich die Namen der Spender nennen werde. Als ich darauf mit nein antworte, sagt er wörtlich: 'Dann bleibt mir nicht anderes übrig, als meinen Rücktritt zu erklären.' Darauf sage ich: 'Das wirst Du nicht tun.' Wolfgang Schäuble verlässt äußerst aufgewühlt mein Zimmer und ruft mir noch zu: 'Dieses Büro werde ich in meinem Leben nie wieder betreten." (166)
Hinsichtlich der nicht deklarierten Spenden zeigt Kohl Reue, bleibt jedoch bei seinem Ehrenwort, die Namen der Spender nicht zu nennen und sucht nach Rechtfertigungen: "Wenn nun behauptet wird, ich hätte mit Millionenbeträgen meine persönliche Macht in der Partei gesichert, dann ist das purer Unsinn. Mein einziges Motiv als Parteivorsitzender bestand darin, dort zu helfen, wo die Parteiarbeit besonders schwierig war." (135) Und später: "Ich bin Parteisoldat und werde in der Mitte der Partei bleiben bis ans Ende meiner Tage." (223)
Viele der leitmotivisch auftauchenden Überzeugungen und Einschätzungen sind dann in der Eingangserklärung gebündelt, die Kohl im Juni 2000 vor dem Untersuchungsausschuss des Bundestages gibt, und die komplett abgedruckt wird (251-273). Das Buch endet dementsprechend: "Mögen manche [...] mich in dieser Grundeinstellung dem Ehrenwort gegenüber nicht verstehen wollen oder können - meiner Ehre und Würde wegen musste ich so handeln, und ich wollte auch vor der Weltöffentlichkeit mein Gesicht wahren." (352) Dadurch, dass der Ereignisablauf der Spendenaffäre kontinuierlich mit Versatzstücken des politischen Credos Kohls durchsetzt ist, bietet das Buch auf seine Weise doch einen aufschlussreichen Einblick in Kohls Gedanken und sein stark personalisiertes Politik- und Machtverständnis.
Manuel Fröhlich (MF)
Prof. Dr., Juniorprofessur für Politikwissenschaft, Universität Jena (www.manuel-froehlich.de).
Rubrizierung: 2.3 | 2.331
Empfohlene Zitierweise: Manuel Fröhlich, Rezension zu: Helmut Kohl: Mein Tagebuch. München: 2000, in: Portal für Politikwissenschaft, https://www.pw-portal.de/rezension/13951-mein-tagebuch_16721, veröffentlicht am 01.01.2006.
Buch-Nr.: 16721
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Prof. Dr., Juniorprofessur für Politikwissenschaft, Universität Jena (www.manuel-froehlich.de).
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