/ 11.06.2013
Karl-Heinz Ladeur
Negative Freiheitsrechte und gesellschaftliche Selbstorganisation. Die Erzeugung von Sozialkapital durch Institutionen
Tübingen: Mohr Siebeck 2000 (Die Einheit der Gesellschaftswissenschaften 114); XIV, 349 S.; ISBN 3-16-147326-4Ladeur will die alte Dichotomie von "Markt" und "Staat" überwinden und wendet sich gegen Positionen wie die von Habermas, die "die Autonomie des Öffentlichen" (insbesondere des Staates) und die "Zivilgesellschaft" überschätzen (313). Die "staatsfixierten Konzeptionen des Öffentlichen" (1) kranken daran, dass sie das "Problem der Unbestimmtheit nicht-teleologischer moderner Gesellschaftsordnungen" nicht hinreichend wahrnehmen (1). Demgegenüber will der Autor zeigen, dass das Öffentliche und der S...
Karl-Heinz Ladeur
Negative Freiheitsrechte und gesellschaftliche Selbstorganisation. Die Erzeugung von Sozialkapital durch Institutionen
Tübingen: Mohr Siebeck 2000 (Die Einheit der Gesellschaftswissenschaften 114); XIV, 349 S.; Ln., 148,- DM; ISBN 3-16-147326-4Ladeur will die alte Dichotomie von "Markt" und "Staat" überwinden und wendet sich gegen Positionen wie die von Habermas, die "die Autonomie des Öffentlichen" (insbesondere des Staates) und die "Zivilgesellschaft" überschätzen (313). Die "staatsfixierten Konzeptionen des Öffentlichen" (1) kranken daran, dass sie das "Problem der Unbestimmtheit nicht-teleologischer moderner Gesellschaftsordnungen" nicht hinreichend wahrnehmen (1). Demgegenüber will der Autor zeigen, dass das Öffentliche und der Staat keine eigene Sphäre bilden, sondern Teile der Gesellschaft sind; mehr noch: Gesellschaft ist ihrerseits eine "positive Externalität des privaten Handelns", also nicht-intendiertes Nebenprodukt des Handelns privater Akteure. Dem Öffentlichen kommt somit keine eigene Qualität zu - ein "Vorrang des Öffentlichen gegenüber dem Privaten ist in einer liberalen Gesellschaft nicht akzeptabel" (2) -, sondern es ist nur "Nebeneffekt" (3) der Verwirklichung individueller Freiheit. Den negativen Freiheitsrechten der liberalen Gesellschaft kommt deshalb nicht allein eine Abwehrfunktion zu, sondern ihr eigentlicher Zweck liegt darin, eine "Selbsterzeugung der Gesellschaft" (1) zu ermöglichen, die sich kollektiven (bewussten) Entscheidungen weitgehend entzieht.
Das Buch gliedert sich in drei Teile: Im ersten Teil erfolgt eine ideengeschichtliche Untersuchung der Bedeutung der negativen Freiheitsrechte für die Entstehung und Stabilisierung der liberalen Gesellschaft. Der zweite Teil bezweckt eine Neuinterpretation der Leistung ökonomischer Freiheitsrechte unter den Bedingungen gesteigerter Komplexität in der modernen Gesellschaft. Der dritte Teil thematisiert die positiven Freiheitsrechte (soziale Rechte, Ansprüche der Bürger an den Staat), zeigt die Risiken auf, die solche Rechte bergen und führt den Nachweis, dass es in einer liberalen Konzeption der Gesellschaft möglich ist, solche Rechte zu formulieren. Im Zentrum des Buches steht eine Überlegung, die nach Ladeur eine unhintergehbare "Paradoxie" darstellt: dass eine kollektive Ordnung entsteht, ohne das bewusste Produkt der Gesellschaft zu sein. Diese Paradoxie könne "nur durch praktisches Handeln abgespannt, nicht aber aufgehoben werden" (309). Damit ist jedoch eine problematische Vorentscheidung getroffen: Wenn der Kern der Theorie rational nicht begründbar ist, fragt es sich, woher der Autor die Gewissheit nimmt, dass das praktische Handeln gelingt und Gesellschaft beziehungsweise Staat überhaupt funktionieren.
Hendrik Hansen (HH)
Dr., Lehrbeauftragter, Politische Theorie und Ideengeschichte, Universität Passau.
Rubrizierung: 5.42 | 5.41 | 5.45
Empfohlene Zitierweise: Hendrik Hansen, Rezension zu: Karl-Heinz Ladeur: Negative Freiheitsrechte und gesellschaftliche Selbstorganisation. Tübingen: 2000, in: Portal für Politikwissenschaft, https://www.pw-portal.de/rezension/12468-negative-freiheitsrechte-und-gesellschaftliche-selbstorganisation_14909, veröffentlicht am 01.01.2006.
Buch-Nr.: 14909
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Dr., Lehrbeauftragter, Politische Theorie und Ideengeschichte, Universität Passau.
CC-BY-NC-SA