/ 11.06.2013
Erhard Naake
Nietzsche und Weimar. Werk und Wirkung im 20. Jahrhundert
Köln/Weimar/Wien: Böhlau Verlag 2000; VIII, 246 S.; geb., 24,54 €; ISBN 3-412-13299-3Friedrich Nietzsche wollte mit seinem Denken den eigenen Lebenslauf stilisieren und sich a posteriori eine Vergangenheit geben, aus der man stammen möchte, im Gegensatz zu der, aus der man stammt. Es sollte sich aber eher seine Befürchtung verwirklichen, dass "gänzlich Unberechtigte und gänzlich Ungeeignete" sich einmal auf sein Werk und seine Autorität berufen würden (111). Jahrzehntelang war Nietzsches Werk das Objekt eines beispiellosen Missbrauchs, dessen Ausmaß erst nach dem Ende des SED-Re...
Erhard Naake
Nietzsche und Weimar. Werk und Wirkung im 20. Jahrhundert
Köln/Weimar/Wien: Böhlau Verlag 2000; VIII, 246 S.; geb., 24,54 €; ISBN 3-412-13299-3Friedrich Nietzsche wollte mit seinem Denken den eigenen Lebenslauf stilisieren und sich a posteriori eine Vergangenheit geben, aus der man stammen möchte, im Gegensatz zu der, aus der man stammt. Es sollte sich aber eher seine Befürchtung verwirklichen, dass "gänzlich Unberechtigte und gänzlich Ungeeignete" sich einmal auf sein Werk und seine Autorität berufen würden (111). Jahrzehntelang war Nietzsches Werk das Objekt eines beispiellosen Missbrauchs, dessen Ausmaß erst nach dem Ende des SED-Regimes und der Schaffung der nötigen Voraussetzungen für eine freie wissenschaftliche Beschäftigung mit dem Nachlass des Philosophen völlig aufgedeckt werden konnte.
Das Buch stellt einen Beitrag zur Nietzsche-Forschung dar, die sich besonders seit 1990 intensiv darum bemüht, die Umstände, die diesen Missbrauch ermöglicht haben, aufzuklären. Zum Gegenstand hat das Buch nicht das Denken des Philosophen, sondern seine Rezeption. Eine entscheidende Rolle für das Schicksal des Denkens Nietzsches hat die Stadt Weimar gespielt: In Weimar verbrachte Nietzsche seine letzten Lebensjahre, nach seinem Tod im Jahr 1900 verfälschte und missbrauchte seine Schwester Elisabeth Förster-Nietzsche jahrzehntelang von dort aus seinen geistigen Nachlass. Und in Weimar versuchte dann das sozialistische Regime der DDR Nietzsches Spuren auszulöschen und wieder Weimar ist heute die wichtigste Begegnungsstätte für deutsche und internationale Nietzsche-Forscher.
Das Buch beginnt mit einem kurzen biographischen Teil, in dem Naake eine besondere Bedeutung der Weimarer Jahre Nietzsches verdeutlicht: eben dieser verhängnisvollen Jahre, als der Denker geistig verwirrt auf die Fürsorge seiner Mutter und seiner Schwester angewiesen war. Elisabeth Förster, eine ehrgeizige und vom privaten Unglück gezeichnete Frau, gründete kurz nach dem Tod ihres Bruders das Nietzsche-Archiv in Weimar, das sich unter ihrer Leitung schnell zu einer "Fälscherwerkstatt" (33) entwickelte und im Dienst der reaktionären Kräfte in Deutschland sowie der Durchsetzung ihrer politischen Ziele jahrzehntelang ein verfälschtes Nietzsche-Bild lieferte.
Naake versucht nicht nur über die Schuld und die zahlreichen verfälschenden Eingriffe der Schwester in das Werk Nietzsches, sondern auch über die gesellschaftspolitischen Verhältnisse in Deutschland während der Weimarer Republik und der Nazi-Zeit, die diesen Missbrauch unterstützt und gefördert haben, zu berichten. Im letzten Teil des Buches beschäftigt er sich mit dem Umgang mit Nietzsche in der DDR, wo der Denker zu einem Tabu-Thema gemacht und damit "mit der Rolle, die er in der Zeit der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft hatte spielen müssen" gleichgesetzt wurde (156).
Deliana Popova (DP)
Dipl.-Politologin.
Rubrizierung: 5.33
Empfohlene Zitierweise: Deliana Popova, Rezension zu: Erhard Naake: Nietzsche und Weimar. Köln/Weimar/Wien: 2000, in: Portal für Politikwissenschaft, https://www.pw-portal.de/rezension/13011-nietzsche-und-weimar_15590, veröffentlicht am 01.01.2006.
Buch-Nr.: 15590
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Dipl.-Politologin.
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