/ 11.06.2013
Matthias Ries
Oslo. Tor zum Frieden in Nahost?
Idstein: Meinhardt 2000 (Probleme des Friedens 1999, 3/4); 295 S.; pb., 20,35 €; ISBN 3-933325-16-1Diss. Phil. Heidelberg; Gutachter: D. Nohlen. - Die palästinensisch-israelische Prinzipienerklärung vom September 1993 (DOP) stellt nach Auffassung des Autors eine historische Zäsur im Verlauf des Nahostkonfliktes dar, weil erstmals in der 100-jährigen Geschichte der Auseinandersetzung "ein gemeinsames Konzept zur friedlichen Regelung von politischen Entscheidungsträgern beider Seiten akzeptiert wurde" (13). Wie die Ausarbeitung des Konzepts gelang und welche Rolle der kleine Staat Norwegen spie...
Matthias Ries
Oslo. Tor zum Frieden in Nahost?
Idstein: Meinhardt 2000 (Probleme des Friedens 1999, 3/4); 295 S.; pb., 20,35 €; ISBN 3-933325-16-1Diss. Phil. Heidelberg; Gutachter: D. Nohlen. - Die palästinensisch-israelische Prinzipienerklärung vom September 1993 (DOP) stellt nach Auffassung des Autors eine historische Zäsur im Verlauf des Nahostkonfliktes dar, weil erstmals in der 100-jährigen Geschichte der Auseinandersetzung "ein gemeinsames Konzept zur friedlichen Regelung von politischen Entscheidungsträgern beider Seiten akzeptiert wurde" (13). Wie die Ausarbeitung des Konzepts gelang und welche Rolle der kleine Staat Norwegen spielte, untersucht der Autor.
In einem ersten Kapitel beleuchtet Ries die historische Konstellation und die strukturellen Veränderungen - die Intifada und das Ende des Ost-West-Konfliktes -, die ein Zustandekommen des Fahrplanes ermöglicht haben. Dabei werden die Ausgangsbedingungen der unmittelbaren Konfliktparteien und die wichtigsten externen Akteure skizziert. Im zweiten Kapitel fragt er dann, warum in Norwegen verhandelt wurde und warum gerade dort die Prinzipienübereinkunft als Konfliktregelungskonzept akzeptiert wurde. Dabei geht er insbesondere auf das Engagement einiger Norweger bei der Suche nach einer gemeinsamen palästinensisch-israelischen Formel ein, "die ihre Kontakte zu Nichtregierungs-Organisationen und Einzelpersonen im Verbund mit dem norwegischen Außenministerium nutzten" (18), um vor allem offizielle israelische Vertreter an den geheimen Verhandlungstisch zu bewegen. Im Gegensatz zu den offiziellen Verhandlungen in Washington konnten von den Teilnehmern bestimmte psychologisch-politische Prämissen erfüllt werden, so die These des Autors im dritten Kapitel. Diese haben sie dann zwar ihrer Motivation zugrunde legen können, wurden aber angesichts der "fatalen Entwicklung" während der Amtszeit Netanyahus teilweise wieder in Frage gestellt. In seinen sehr zahlreichen Interviews mit den Mitgliedern des Oslo-Kanals hat Ries weiterhin festgestellt, dass "die intime Verhandlungsatmosphäre von fast allen Beteiligten als gewisses Erfolgsmoment gewertet wurde" (21). In diesem Sinne ließe sich das auch für den Bereich der internationalen Beziehungen relevante Konzept der Empathie auf die Geheimverhandlungen in Oslo - besonders auf die beiden beteiligten Chefunterhändler - übertragen (Empathie als akteurs- und verhandlungsspezifischer Faktor). Kann man also bei den Verhandlungen, die 1993 schließlich in die Unterzeichnung der DOP mündeten, von einer symmetrischen Partnerschaft sprechen, unterscheiden sich diese dennoch stark von den zwischen 1993 und 1995 getroffenen Vereinbarungen. Diese waren nämlich zunehmend durch eine fortgesetzte Asymmetrie beider Seiten gekennzeichnet, in der das überlegene Israel die Bedingungen stellt, während die PLO beziehungsweise die PNA (Palästinensische Autonomiebehörde) aber nur mit einigen Funktionen betraut ist. Ries spricht in diesem Zusammenhang von einem israelischen Sicherheitsdiktat (22). Der Oslo-Prozess, der für Israel eine Zäsur mit vielen schmerzhaften Kompromissen bedeutet habe, führte bei den nationalreligiösen Extremisten, "die 50 Jahre lang durch die äußere Bedrohungswahrnehmung niedergehalten wurden", zu der Überzeugung, dass die Ausschaltung Yitzhak Rabins ein notwendiger Schritt sei. Vor dem Hintergrund der israelischen Überlegenheit im Oslo-Prozess, so der Autor im vierten und letzten Kapitel, war der Mord an Yitzhak Rabin einer der tief greifendsten Rückschläge für die israelisch-palästinensische Verständigung: "Seit diesem Zeitpunkt wird jede Krise nicht mehr als inhärenter Teil eines schwierigen Prozesses gesehen, sondern die mühselig errichtete 'Vertrauensbasis' zwischen Israelis und Palästinensern wird durch jede noch so kleine Störung weiter abgebaut." (23) Wie Recht der Autor mit dieser Aussage haben sollte, beweisen die jüngsten Ereignisse seit dem Ausbruch der Gewalt zwischen beiden Seiten im Spätsommer des letzten Jahres.
Aus dem Inhalt: Strukturelle Wegbereiter einer friedlichen Regelung; Das norwegische Nebengleis; Grundannahmen von Oslo; Die Ermordung Yitzhak Rabins und ihre Bedeutung für Oslo als Prozess.
Dirk Märten (DM)
Rubrizierung: 2.63 | 4.41 | 2.25
Empfohlene Zitierweise: Dirk Märten, Rezension zu: Matthias Ries: Oslo. Idstein: 2000, in: Portal für Politikwissenschaft, https://www.pw-portal.de/rezension/12728-oslo_15236, veröffentlicht am 01.01.2006.
Buch-Nr.: 15236
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