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/ 12.06.2013
Julia Kölsch

Politik und Gedächtnis. Zur Soziologie funktionaler Kultivierung von Erinnerung

Wiesbaden: Westdeutscher Verlag 2000; 271 S.; brosch., 27,61 €; ISBN 3-531-13576-7
Diss. Münster; Gutachter: A. Nassehi, G. Weber. - Motiviert durch die "offensichtliche Hilflosigkeit" (7) der Deutschen im Umgang mit der NS-Vergangenheit versucht die Arbeit mittels der Theorie autopoietischer Systeme einen neuen Zugriff auf die Problematik. Es geht der Autorin um die "Bedingungen der Möglichkeit der Entstehung 'tabuisierter' Inhalte" (10) - als zwei der hierfür wesentlichen historischen Prozesse beleuchtet sie etwa das Programm der Entnazifizierung und die Diskussion um die Ko...
Julia Kölsch

Politik und Gedächtnis. Zur Soziologie funktionaler Kultivierung von Erinnerung

Wiesbaden: Westdeutscher Verlag 2000; 271 S.; brosch., 27,61 €; ISBN 3-531-13576-7
Diss. Münster; Gutachter: A. Nassehi, G. Weber. - Motiviert durch die "offensichtliche Hilflosigkeit" (7) der Deutschen im Umgang mit der NS-Vergangenheit versucht die Arbeit mittels der Theorie autopoietischer Systeme einen neuen Zugriff auf die Problematik. Es geht der Autorin um die "Bedingungen der Möglichkeit der Entstehung 'tabuisierter' Inhalte" (10) - als zwei der hierfür wesentlichen historischen Prozesse beleuchtet sie etwa das Programm der Entnazifizierung und die Diskussion um die Kollektivschuldthese. Allerdings erscheint ihr der Begriff des Tabu für ihren Gegenstand in doppelter Hinsicht nicht tragfähig: zum einen aufgrund seiner definitorischen Unschärfe in der Literatur, zum anderen, weil ein Tabu über die Kommunikationssperre hinaus auch ein Verbot schon der Einsichten selbst implizieren würde, über die diese Sperre dann erst zu verhängen wäre. Im Kontext der deutschen Vergangenheitsbewältigung sei daher Luhmanns Begriff der strukturfunktionalen Latenz angemessener - die fortgesetzte Ausblendung bestimmter Inhalte zum Schutz von Strukturen und der Einheit des Systems also (siehe 25). Dieser Latenzschutz habe in den vergangenen 50 Jahren in Deutschland allerdings Kommunikationsstrukturen geschaffen, aufgrund derer Auschwitz "mittlerweile eine Metapher geworden ist, ein abrufbares Bild wie jedes andere" (7). Der Ausweg liegt für Kölsch nicht in der Vermeidung solcher Latenzen - ihr zufolge ist ohnehin "Kommunikation ohne Latenzen nicht zu haben" (244). Vielmehr unternimmt sie - mit Blick jeweils auf das "politische Zeitklima" (75) und die aktuelle Interpretation der Vergangenheit - einen ebenso umfangreichen wie zitatlastigen Gang durch die einzelnen Jahrzehnte der Nachkriegsgeschichte Deutschlands und verdeutlicht anhand von Beispielen wie der APO oder der späteren Schlussstrich- und Versöhnungsdiskurse, dass es immer nur um Latenzgrenzenverschiebungen gehen kann.
Thomas Nitzsche (TN)
M. A., Fachreferent für Politikwissenschaft, Soziologie und Wirtschaftswissenschaft an der Thüringer Universitäts- und Landesbibliothek in Jena (ThULB).
Rubrizierung: 2.35 Empfohlene Zitierweise: Thomas Nitzsche, Rezension zu: Julia Kölsch: Politik und Gedächtnis. Wiesbaden: 2000, in: Portal für Politikwissenschaft, https://www.pw-portal.de/rezension/13616-politik-und-gedaechtnis_16313, veröffentlicht am 01.01.2006. Buch-Nr.: 16313 Rezension drucken
CC-BY-NC-SA