/ 11.06.2013
Jürgen Korell / Urban Liebel
Polizeiskandal - Skandalpolizei. Leidet die Polizei an einem Demokratiemangel?
Münster: Westfälisches Dampfboot 2000; 174 S.; 15,24 €; ISBN 3-89691-492-8Die Frage nach einem Demokratiemangel bei der Polizei ist nicht nur berechtigt, sondern auch dringend notwendig. Sie zu stellen, bedeutet nicht, diffamieren zu wollen. Sie ist konstruktiv zu fassen in der Absicht, Mängel und deren Ursachen herauszufiltern und zu beseitigen. Dies ist auch das Anliegen der Autoren. Als Insider verfügen sie über besondere Einblicke in das oftmals begrenzte demokratische und rechtstaatliche Verständnis vieler ihrer Kollegen, Vorgesetzen und Behördenleiter; kennen si...
Jürgen Korell / Urban Liebel
Polizeiskandal - Skandalpolizei. Leidet die Polizei an einem Demokratiemangel?
Münster: Westfälisches Dampfboot 2000; 174 S.; 15,24 €; ISBN 3-89691-492-8Die Frage nach einem Demokratiemangel bei der Polizei ist nicht nur berechtigt, sondern auch dringend notwendig. Sie zu stellen, bedeutet nicht, diffamieren zu wollen. Sie ist konstruktiv zu fassen in der Absicht, Mängel und deren Ursachen herauszufiltern und zu beseitigen. Dies ist auch das Anliegen der Autoren. Als Insider verfügen sie über besondere Einblicke in das oftmals begrenzte demokratische und rechtstaatliche Verständnis vieler ihrer Kollegen, Vorgesetzen und Behördenleiter; kennen sie doch das Innenleben der Polizei, die präferierten Sichtweisen und praktizierten Verfahrens- und Umgangsweisen. Sicher hätten sie viel aus ihrer persönlichen Erfahrung berichten können. Doch diesen Weg beschreiten die Autoren nicht. Persönlich Erlebtes spielt in ihrem Buch allenfalls eine Nebenrolle. Ihre Ausführungen basieren vielmehr auf der langjährigen, auch theoretischen Auseinandersetzung mit dem Thema. Sie schildern etliche, unterschiedlich gelagerte Beispiele individuellen und kollektiven polizeilichen Fehlverhaltens, berichten über tödlich endende Mobbing-Fälle und deren "Aufarbeitung" durch die Behördenleitungen, setzen sich mit der nicht selten zu beobachtenden Nähe einzelner Polizeibeamter zu rechten Parteien auseinander, widmen sich den internen Strukturen, dem Verhältnis zwischen Vorgesetzen und Untergebenen sowie zwischen Kollegen untereinander, betrachten die Beziehung nach Außen, fragen nach den Reaktionen auf Polizeiskandale sowie nach Reformmöglichkeiten. So machen sie eine Reihe an Strukturmängeln aus, die beiseitigt werden sollten, um das Demokratieverständnis dieser Institution und ihrer Belegschaft zu stärken. Die Autoren fordern unter anderem Reformen in der Aus- und Fortbildung, eine stärkere Vermittlung von sozialer und kommunikativer Kompetenz, die Verlegung der Ausbildung von polizeilichen an zivile Ausbildungsstätten sowie - besonders wichtig - veränderte Bewertungs- und Beförderungsmodalitäten. Derzeit hängt die Karriere eines Polizeibeamten nämlich immens von der weitgehend subjektiven Beurteilung des direkten Vorgesetzen ab. In dieser Konstellation vermag aktive Kritikfähigkeit, allzu oft als Aufmüpfigkeit missverstanden, kaum so richtig zu gedeihen.
Korrell und Liebel geben wertvolle Hinweise auf Symptome und (strukturelle) Ursachen polizeilicher Demokratiedefizite. Allerdings weist das Buch Schwächen im Aufbau und im Stil auf, sodass weniger herausgekommen ist als möglich gewesen wäre. Den Abhandlungen fehlt oftmals die Stringenz und die nötige Direktheit. Eine bessere Sortierung, mehr Prägnanz, vielleicht eine schlagfertigere, schärfere und besonders auch subsumierende Argumentation hätte die Inhalte oft besser transportiert, den entscheidenden Punkt deutlicher herausgestellt. In diesen Zusammenhang gehört auch, dass gelegentlich die Argumente für eine im Ergebnis richtige Schlussfolgerung nicht immer überzeugen. Wer mit dem Thema nicht vertraut ist, dürfte zudem hin und wieder dort auf Schwierigkeiten im Verständnis bzw. im Lesefluss treffen, wo Hintergrundinformationen für einen behandelten oder zumindest erwähnten Sachverhalt erst Seiten später geschildert werden. Vor allem aus wissenschaftlicher Sicht, aber auch aus Sicht all derer, die politisch für eine Reform der Polizei eintreten, muss die völlig unzureichende Belegpraxis kritisiert werden. Gerade weil vielerorts (strukturell bedingte) Fehlentwicklungen noch immer bestritten, zumindest aber relativiert ("Schwarze Schafe") werden, wären brauchbare Nachweise besonders wünschenswert gewesen.
Detlef Lemke (LE)
Dipl.-Politologe.
Rubrizierung: 2.325 | 2.324
Empfohlene Zitierweise: Detlef Lemke, Rezension zu: Jürgen Korell / Urban Liebel: Polizeiskandal - Skandalpolizei. Münster: 2000, in: Portal für Politikwissenschaft, https://www.pw-portal.de/rezension/13084-polizeiskandal---skandalpolizei_15677, veröffentlicht am 01.01.2006.
Buch-Nr.: 15677
Rezension drucken
Dipl.-Politologe.
CC-BY-NC-SA