/ 11.06.2013
Jonas Koudissa
Sind zentralafrikanische Staaten zur Demokratie unfähig? Eine Fallstudie zur Republik Kongo
Marburg: Tectum Verlag 1999 (Sozialwissenschaften 6); 263 S.; ISBN 3-8288-8051-7Politikwiss. Diss. Münster; Gutachter: W. G. Wittkämpfer. - Die öffentliche Wahrnehmung Afrikas, so sie denn überhaupt stattfindet, wird derzeit vor allem durch die zahlreichen ökologischen, wirtschaftlichen und politischen Krisen geprägt. Mit wenigen Ausnahmen (z. B. Benin oder Mali) schlagen institutionell konsolidierte Demokratisierungserfolge in der Bilanz kaum zu Buche. Vor diesem Hintergrund geht die Arbeit am Beispiel der Republik Kongo (Brazzaville) der Frage nach, inwieweit die ehemalig...
Jonas Koudissa
Sind zentralafrikanische Staaten zur Demokratie unfähig? Eine Fallstudie zur Republik Kongo
Marburg: Tectum Verlag 1999 (Sozialwissenschaften 6); 263 S.; 49,80 DM; ISBN 3-8288-8051-7Politikwiss. Diss. Münster; Gutachter: W. G. Wittkämpfer. - Die öffentliche Wahrnehmung Afrikas, so sie denn überhaupt stattfindet, wird derzeit vor allem durch die zahlreichen ökologischen, wirtschaftlichen und politischen Krisen geprägt. Mit wenigen Ausnahmen (z. B. Benin oder Mali) schlagen institutionell konsolidierte Demokratisierungserfolge in der Bilanz kaum zu Buche. Vor diesem Hintergrund geht die Arbeit am Beispiel der Republik Kongo (Brazzaville) der Frage nach, inwieweit die ehemaligen französischen Demokratien Zentralafrikas überhaupt demokratiefähig sind. Die Argumentation stützt sich dabei auf zwei Hauptthesen. Zunächst sei, entgegen der klassischen Erklärung der Modernisierungstheorie, die grundsätzliche Blockierung zentralafrikanischer Länder in erster Linie nicht wirtschaftlicher, sondern politischer Natur. Das Versagen von Demokratie als schlüsselfertiges Importrezept wird dabei anhand eines intensiven Vergleichs des kongolesischen und des als Vorbild dienenden französischen politischen Systems verdeutlicht. Die umfassende komparative Analyse der institutionellen Rahmenbedingungen wird durch Untersuchung der Verfassungswirklichkeit während des angestrebten Systemwandels in der ersten Hälfte der Neunziger ergänzt. Qualitativ über reine Literaturarbeiten hinausgehend - der Autor arbeitete zeitgleich als enger Mitarbeiter von Bischof Ernest Kombo (Vorsitzender der Nationalkonferenz und des Übergangsparlaments) - kann hier auch die zweite Hauptthese der Arbeit überzeugend begründet werden. So liege der grundsätzliche Konstruktionsfehler importierter Regierungssysteme in der Missachtung der historischen und kulturell-gesellschaftlichen Wirklichkeit. Neben der Illusion, alleine durch die Schaffung neuer Strukturen und Institutionen eine neue politische Ordnung konstituieren zu können, steht hier vor allem das Versagen der herrschenden und oppositionellen Eliten im Vordergrund. Die Transition entwickelte sich so zu "einem von allen Seiten ständig ausgenutzten Prozeß, an dessen Ende das alte Regime lediglich durch ausgetauschte Akteure, durch Eliten-Recycling also, hat überleben können" (79). Nicht zuletzt waren die Möglichkeiten des gesellschaftlichen Wandels von vornherein durch fehlende Mittel zur Verwirklichung eingeschränkt. Ein wichtiger Aspekt hierbei ist die Abhängigkeit des Landes von ausländischen (vor allem französischen) Wirtschaftsinteressen und die entsprechend zu beobachtende Wirkung externer Akteure. Ausgehend von diesen Erkenntnissen formuliert der Autor im letzten Teil ein Demokratiemodell, "welches im Sinne des Subsidiaritätsprinzips eine realistische Alternative zur Regelung der Machtverteilungsfrage unter Berücksichtigung primärer (ethnisch-regionaler) und sekundärer (nationaler) Loyalitäten anbieten und damit zur Schaffung von politischer Stabilität und Good Governance als Rahmenbedingungen für die Entwicklung Zentralafrikas beitragen kann" (29). Gerade vor dem Hintergrund der Subsidiarität sowie der Integration und des Ausgleichs von Interessengegensätzen orientiert er sich dafür am Vorbild der Schweizerischen Eidgenossenschaft. Es wird keine bloße Verpflanzung eines politischen Modells angestrebt, sondern vor allem der vergleichsweise ausgeprägte Pragmatismus und die Flexibilität der dortigen politischen Akteure als richtungsweisend für die zukünftigen Entwicklungen im Kongo-Brazzaville gesehen. Neben einer echten und breiten Diskussion über die zukünftige Ausgestaltung des kongolesischen Staates und seiner Institutionen (mit dem Ziel einer stabilitätserzeugenden Machtverteilung) bedarf es vor allem einer Erneuerung der politischen Eliten des Landes. Die durch den Autor geleistete Verknüpfung von Theorie und Empirie führt schlüssig zu dem Fazit, dass ohne Erfüllung dieser beiden Grundvoraussetzungen keine friedliche und politisch stabile Zukunft für die zentralafrikanische Region zu erwarten ist.
Aus dem Inhalt: 2. Die demokratische Transition in der Republik Kongo: 2.2 Ursachen des politischen Wandels im Kongo; 2.3 Die Nationalkonferenz (25. Februar-10. Juni 1991); 2.4 Die Übergangsperiode (10. Juni 1991-31. August 1992) und die Lasten der Nationalkonferenz; 2.5 Die politische Konditionalität Frankreichs. 3. Synoptische Betrachtung der Verfassungen und vergleichende Darstellung der Regierungsformen des Kongo und der V. Republik Frankreichs; 4. Die Demokratiekrise von 1992-95 als Prüfstand der Demokratiebereitschaft des Kongo; 5. Zusammenfassung und Perspektiven: 5.2.1 Zu Fragen der Demokratisierungserfolge im kongolesischen bzw. afrikanischen Kontext; 5.2.3 Zu den Stabilisierungschancen der kongolesischen Demokratie oder über die Anpassungsfähigkeit der politischen Institutionen von 1992; 5.2.4 Zu wechselseitiger Bedeutung von internen und externen Faktoren. 5.4 Entwurf eines alternativen Demokratiemodells für den Kongo bzw. für Zentralafrika nach dem Vorbild der Schweizerischen Eidgenossenschaft. 6. Exkurs: Neue Transition? ... Wohin? 6.5 Welche Zukunftsperspektiven eröffnen das Forum und das "Sassou II"-Regime?
Thomas Henzschel (TH)
Dr., Auswärtiges Amt, Arbeitsstab Iran.
Rubrizierung: 2.67 | 2.2 | 2.24
Empfohlene Zitierweise: Thomas Henzschel, Rezension zu: Jonas Koudissa: Sind zentralafrikanische Staaten zur Demokratie unfähig? Marburg: 1999, in: Portal für Politikwissenschaft, https://www.pw-portal.de/rezension/12381-sind-zentralafrikanische-staaten-zur-demokratie-unfaehig_14791, veröffentlicht am 01.01.2006.
Buch-Nr.: 14791
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Dr., Auswärtiges Amt, Arbeitsstab Iran.
CC-BY-NC-SA