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/ 11.06.2013
Jael Geis

Übrig sein - Leben "danach" Juden deutscher Herkunft in der britischen und amerikanischen Zone Deutschlandes 1945-1949

Berlin: Philo Verlagsgesellschaft 2000; 485 S.; kart., 64,- DM; ISBN 3-8257-0190-5
Die Autorin rekonstruiert die Lebensverhältnisse und deren Reflexion in öffentlichen und halböffentlichen Diskursen für eine relativ kleine Gruppe, nämlich für die aus Deutschland gebürtigen Juden, die unmittelbar nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs in der amerikanischen beziehungsweise der britischen Zone des besetzten Deutschlands lebten und (mindestens vorübergehend) dort blieben. Der Zeitraum der Untersuchung reicht bis zur Gründung der Bundesrepublik Deutschland. Sie wird im Wesentlichen von zwei übergreifenden Fragestellungen bestimmt. Zur Beantwortung der ersten Frage: Wie real und greifbar waren die Veränderungen in der Gesellschaft im besetzten Nachkriegsdeutschland im Vergleich zu den Verhältnissen während der Zeit der NS-Herrschaft? werden unter anderem die (andauernden) praktischen Konsequenzen erörtert, die sich aus der nationalsozialistischen Definition der "Juden" durch die "Nürnberger Rassegesetze" ergaben. Außerdem werden in diesem Zusammenhang die unterschiedlichen "Reinterpretationen" der jüngstvergangenen Geschichte diskutiert und die materiellen wie psychologischen Lebensbedingungen der Juden deutscher Herkunft nach dem Krieg behandelt. Die zweite Frage: Wie markant waren die Konsequenzen, die ein "neues Deutschland" aus dem Zusammenbruch des NS-Staates, dem verlorenen Krieg und den bekannt gewordenen Verbrechen zu ziehen bereit war?, rückt die Diskussion über die Rechtsprechung, die "Kollektivschuld" und die "Wiedergutmachung" ins Blickfeld. Um diesen weitgehend vergessenen beziehungsweise unerforschten Aspekt der deutschen Nachkriegsgeschichte sichtbar zu machen, hat die Autorin zahlreiche unveröffentlichte Quellen (Korrespondenzen, Akten), aber auch Zeitungen und Zeitschriften wie Der Weg ausgewertet und macht damit große, bisher unbekannte Dokumentenbestände zugänglich. Wenn immer wieder behauptet wird, der Holocaust sei in allen Aspekten im Wesentlichen erforscht, so beweist diese Dissertation, dass es noch zahlreiches Material zu entdecken gibt, das neue Aufschlüsse über die konkreten historischen Folgen dieses Zivilisationsbruchs ermöglicht.
Michael Hein (HN)
Dr., wiss. Mitarbeiter, Arbeitsstelle für graphische Literatur, Universität Hamburg, freier Lektor, Übersetzer, Publizist.
Rubrizierung: 2.3132.3122.35 Empfohlene Zitierweise: Michael Hein, Rezension zu: Jael Geis: Übrig sein - Leben "danach" Berlin: 2000, in: Portal für Politikwissenschaft, https://www.pw-portal.de/rezension/13122-uebrig-sein---leben-danach_15719, veröffentlicht am 01.01.2006. Buch-Nr.: 15719 Rezension drucken
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