/ 12.06.2013
Michael Ignatieff
Virtueller Krieg. Kosovo und die Folgen. Aus dem Englischen von Angelika Hildebrandt
Hamburg: Rotbuch Verlag 2001; 231 S.; brosch., 17,38 €; ISBN 3-434-53085-1Im Mittelpunkt der ebenso spannend geschriebenen wie gründlich durchdachten Essays Ignatieffs steht die Frage, "warum Nationen, die noch nie so immun gegen die Gefahren des Krieges waren, so wenig bereit sind, Kriege zu führen" (1). Vier Personen sind die Hauptfiguren in Ignatieffs Erzählungen über den Krieg im Kosovo: Richard Holbrooke, der ehemalige NATO-Oberkommandeur Wesley Clark, Louise Arbor, Chefanklägerin des UN-Kriegsverbrechertribunals und Aleksa Djilas, ein jugoslawischer Gegner des B...
Michael Ignatieff
Virtueller Krieg. Kosovo und die Folgen. Aus dem Englischen von Angelika Hildebrandt
Hamburg: Rotbuch Verlag 2001; 231 S.; brosch., 17,38 €; ISBN 3-434-53085-1Im Mittelpunkt der ebenso spannend geschriebenen wie gründlich durchdachten Essays Ignatieffs steht die Frage, "warum Nationen, die noch nie so immun gegen die Gefahren des Krieges waren, so wenig bereit sind, Kriege zu führen" (1). Vier Personen sind die Hauptfiguren in Ignatieffs Erzählungen über den Krieg im Kosovo: Richard Holbrooke, der ehemalige NATO-Oberkommandeur Wesley Clark, Louise Arbor, Chefanklägerin des UN-Kriegsverbrechertribunals und Aleksa Djilas, ein jugoslawischer Gegner des Bombardements Serbiens. Die Begegnungen mit ihnen illustrieren die Absurditäten und die Zerrissenheit des Kosovo-Krieges, sowohl am Kriegsschauplatz selbst als auch in den westlichen Staaten. Ignatieff schildert die diplomatischen Bemühungen Holbrookes, den Krieg in letzter Sekunde zu vermeiden ebenso nüchtern und lebendig wie Louise Arbors energisches Bemühen, dem Völkerrecht im Nachhinein Geltung zu verschaffen. Wesley Clarks Handlungen zeigen unter anderem, wie uneinig selbst die Militärs waren, und wenn Ignatieff über die Begegnungen mit Djilas berichtet, wird deutlich, wie schwer sich serbische Intellektuelle im Spannungsfeld zwischen vehementer Opposition gegen den Diktator und Ablehnung der Bombenangriffe taten. Sehr kritisch bewertet Ignatieff jedoch die Unfähigkeit des Westens, seine tatsächlichen Ziele offen, mit angemessenen Mitteln und mit der notwendigen Konsequenz zu verfolgen. Nichts davon scheint ihm im Kosovo-Krieg gegeben: Die westlichen Staaten führten einen nie erklärten, also virtuellen Krieg ohne klaren Konsens hinsichtlich Vorgehensweise oder Zielen (bestenfalls also ein virtueller Konsens vor der Öffentlichkeit); es wurden nur vergleichsweise geringe militärische Kontingente in Marsch gesetzt ("virtuelle Mobilisierung") und Bilder davon gab es so gut wie gar nicht. Auch die Sprache der Menschenrechte wurde nach Ignatieffs Meinung mehr zur Verschleierung als zur Klärung eingesetzt. Der Kosovo-Krieg war für ihn unausweichlich. Sein Buch ist jedoch ein Plädoyer für die unbedingte Ehrlichkeit des Westens gegenüber sich selber, vor allem in einer so existentiell wichtigen Frage wie der nach der Angemessenheit des Krieges zur Erlangung politischer oder humanitärer Ziele: "Virtuelle Realität ist verführerisch. Wir sehen uns selbst als edle Verfechter einer Sache und unsere Feinde als verachtenswerte Typen. [...] Solche Märchen der selbstgerechten Unverletzlichkeit sollten wir vermeiden. Nur dann können wir uns die Hände schmutzig machen. Nur dann können wir das Richtige tun." (210)
Walter Rösch (WR)
M. A., Politikwissenschaftler.
Rubrizierung: 4.41 | 2.62
Empfohlene Zitierweise: Walter Rösch, Rezension zu: Michael Ignatieff: Virtueller Krieg. Hamburg: 2001, in: Portal für Politikwissenschaft, https://www.pw-portal.de/rezension/13964-virtueller-krieg_16738, veröffentlicht am 01.01.2006.
Buch-Nr.: 16738
Rezension drucken
M. A., Politikwissenschaftler.
CC-BY-NC-SA