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Thomas Bernauer / Detlef Jahn / Sylvia Kritzinger / Patrick M. Kuhn / Stefanie Walter: Einführung in die Politikwissenschaft

14.09.2022
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Autorenprofil
Dr. Michael Kolkmann
Baden-Baden, Nomos 2022

Die bereits 2009 veröffentlichte Einführung in die Politikwissenschaft habe sich nach Meinung unseres Rezensenten Michael Kolkmann zu einem „Klassiker des Faches“ entwickelt. Auch in der nunmehr fünften, umfassend überarbeiteten Auflage blicken die Autor*innen auf die grundlegenden Aspekte der Politikwissenschaft und konzentrieren sich auf die politischen Systeme Deutschlands, Österreichs und der Schweiz, die sich stark unterscheiden und insofern interessante Vergleiche ermöglichen. Auch diese Auflage werde sich, so die Prognose Kolkmanns, zu einem „weit verbreiteten und oft genutzten Buch“, einem Vademekum entwickeln. (ste)

Eine Rezension von Michael Kolkmann

Die „Einführung in die Politikwissenschaft“ aus dem Studienkurs Politikwissenschaft des Nomos-Verlages hat es in verhältnismäßig kurzer Zeit geschafft, zu einem Klassiker des Faches zu werden. Im Jahre 2009 erstmals erschienen, ist der Band kürzlich in einer fünften, umfassend überarbeiteten Auflage erschienen. Für Stefanie Walter, die bei den ersten vier Auflagen des Bandes mitwirkte, ist nun Sylvia Kitzinger in das Team der Autor*innen eingetreten, zu dem außerdem Thomas Bernauer, Detlef Jahn und Patrick M. Kuhn zählen.

Bei diesem Werk handelt es sich mit knapp 600 Seiten sicherlich um das umfangreichste Einführungsbuch der Politikwissenschaft, das derzeit auf dem Markt ist. Und während ähnliche Einführungen stark das politische System Deutschlands in den Blick nehmen oder Teildisziplinen der Politikwissenschaft wie die Regierungslehre oder die Vergleichende Politikwissenschaft anhand eines ausgesuchten inhaltlichen Schwerpunktes illustrieren, konzentriert sich der Blick der Autor*innen des zu besprechenden Werkes auf die grundlegenden Aspekte der Politikwissenschaft und erweitert diesen inhaltlichen Fokus zugleich durch einen vertieften Blick auf die politischen Systeme Deutschlands, Österreichs und der Schweiz. Diese Ausrichtung ist der Zusammensetzung der Autor*innenschaft geschuldet, die an unterschiedlichen Hochschulen besagter Länder tätig sind. Die drei deutschsprachigen Länder weisen, wie im Vorwort des Buches konstatiert wird, demnach bedeutende kulturelle, sprachliche und wirtschaftliche Ähnlichkeiten auf: „Ihre politischen Systeme unterscheiden sich jedoch in erheblichem Maße, was interessante Vergleiche ermöglicht“ (6). Wo es notwendig und sinnvoll ist, werden die Ausführungen durch einen Blick auf andere politische Systeme ergänzt. Zudem kommt im weiteren Verlauf der Lektüre aufgrund ihrer zentralen Stellung für zumindest zwei der drei deutschsprachigen Länder der Europäischen Union sowie deren Konsequenzen für die nationalstaatlich orientierte Politik ein besonderes Augenmerk zu.

Das Buch ist nach Meinung der Autor*innen aus der dezidierten Perspektive der empirisch-analytischen Politikwissenschaft geschrieben: Die Einführung „strebt eine möglichst objektive, also werturteilsfreie Beschreibung und Erklärung der politischen Wirklichkeit an“ (6). Adressaten des Buches sind „Leser:innen, die mit dem Studium der Politikwissenschaft beginnen, aber auch Studierende aus Nachbarwissenschaften [...] sowie politische Praktiker:innen, Lehrende für politische Bildung und weitere Personen, die Grundkenntnisse in Politikwissenschaft erwerben möchten“ (5 f.). Diese Ausrichtung spiegelt sich in der Grundstruktur des Buches: Inhaltliche Schwerpunkte des Faches Politikwissenschaft stehen darin gleichermaßen im Fokus wie das Studieren des Faches an sich, wie die Autor*innen eingangs selbst hervorheben: „Wir legen großen Wert darauf, wie theoretische Konzepte empirisch messbar gemacht und erfasst und aus der Theorie hergeleitete Zusammenhänge (Hypothesen) systematisch überprüft werden können“ (6).

Die Autor*innen steigen mit einer Reihe aktueller Beispielfragen ein, die mit Ergebnissen politikwissenschaftlicher Forschung beantwortet werden könnten: „Weshalb unterscheiden sich Bürger:innen im Ausmaß ihrer politischen Beteiligung (z. B. an Wahlen, in Parteien und Verbänden oder sozialen Bewegungen)? Weshalb haben Regierungen in der Covid-19-Pandemie unterschiedlich stark in die Freiheitsrechte ihrer jeweiligen Bevölkerung eingegriffen (z. B. durch Lockdowns und Ausgangssperren)? Begünstigt die Demokratie den Umweltschutz, das Wirtschaftswachstum und die Qualität von Bildungssystemen? Wie stark ist der Einfluss der Justiz beziehungsweise der Gerichte auf die Politik? Weshalb kommt es immer wieder zu Bürgerkriegen?“ (5)

Die Autor*innen betonen, dass diese Fragen selbstverständlich anderswo – und durch andere Akteure – aufgegriffen werden könnten, etwa in diversen Medienformaten oder in populärwissenschaftlichen Sachbüchern. Aber die politikwissenschaftliche Bearbeitung dieser Fragen unterscheide sich dann doch signifikant von den erwähnten Alternativen: „Der Mehrwert einer politikwissenschaftlichen Analyse liegt jedoch darin, dass sie den zu untersuchenden Gegenstand in Bezug auf mögliche Ursachen und Wirkungszusammenhänge theoretisch tiefer durchdringt, und diese dann anhand von Daten zur realen Welt systematisch auf ihren empirischen Wahrheitsgehalt hin überprüft“ (5).

Im ersten Kapitel des Buches geht es um „Politik und Politikwissenschaft“. Recht knapp wird dabei der Begriff „Politik“ definiert sowie auf die geschichtliche Entwicklung des Staates, einschließlich der aktuellen Expansion staatlicher Funktionen, geblickt. Deutlich ausführlicher werden anschließend Politik als Studienobjekt aufgegriffen und die beiden zentralen Schulen dieser Disziplin, nämlich der empirisch-analytische sowie der hermeneutische Ansatz, im Detail vorgestellt. Auch der Blick auf die Politikwissenschaft im deutschsprachigen Raum, beginnend mit der Polizey- beziehungsweise Kameralwissenschaft im 18. Jahrhundert, findet in dieser Passage seinen Platz. Am Ende des Kapitels wird der Bogen hin zu benachbarten Wissenschaftsdisziplinen wie der Rechts-, Kommunikations- und Geschichtswissenschaft, aber auch zur Psychologie oder Soziologie gezogen.

Sehr viel praktischer veranlagt ist das zweite Kapitel, in dem der typische politikwissenschaftliche Forschungsprozess im Fokus der Ausführungen steht. Das hier geschilderte wissenschaftliche Handwerkszeug umfasst die Funktionen von Theorien generell, die Vorstellung von quantitativen wie qualitativen Verfahren sowie von abhängigen und unabhängigen Variablen, die Unterscheidung von Kausalität und Korrelation sowie auch die Gegenüberstellung unterschiedlicher Untersuchungsebenen. Als sehr hilfreich, gerade für Studienanfänger*innen, stellen sich die in diesem Kapitel zusammengestellten „Spielregeln der Wissenschaft“ (60-62) heraus. Ebenso hilfreich dürfte die beispielhafte Beschreibung eines typischen Forschungsprozesses einschließlich seiner unterschiedlichen Phasen sein (vgl. 62 ff.). Dabei liegt das besondere Augenmerk auf der Formulierung einer forschungsleitenden Fragestellung sowie auf deren Operationalisierung anhand von Hypothesen.

Anschließend wenden sich die Autor*innen den Grundformen politischer Systeme zu. Im Mittelpunkt dieses dritten Kapitels stehen gleichermaßen demokratische und autokratische Systeme. Zugleich finden sich, grafisch anschaulich aufbereitet in mehreren umfangreichen Tabellen (vgl. 118-121) dargeboten, mit unterschiedlichen Demokratie-Indizes, einschließlich einer Diskussion ihrer Vorzüge und Nachteile – ein Teil aus der Forschungspraxis, der im folgenden Kapitel weiter vertieft wird. Illustriert werden die eher generell-systematischen Ausführungen durch konkrete Beispiele, etwa durch die Untersuchung der Frage, welche Auswirkungen der politische Systemtyp auf die Bildungspolitik zeitigten oder wie die Erscheinungsformen von Demokratie und wirtschaftlicher Entwicklung miteinander in Zusammenhang stünden (127 ff.). Sinnvollerweise schließt sich an diese Ausführungen die Frage nach Demokratisierungsprozessen im Rahmen der politikwissenschaftlichen Transformationsforschung an. Wie gelangt man konkret zur Demokratie? In welchen Phasen läuft ein solcher Prozess ab? Und welche Fallstricke gilt es auf dem Weg zur Demokratie zu vermeiden? Leider sind diese – höchst interessanten wie relevanten – Abschnitte sehr knapp ausgefallen. Im vierten Kapitel stehen demokratische Regierungssysteme im Zentrum der Aufmerksamkeit.

Interessanterweise wird die gängigste Unterscheidung demokratischer Systeme innerhalb der politikwissenschaftlichen Forschung, nämlich zwischen parlamentarischen, präsidentiellen und semipräsidentiellen Systemen, als Unterpunkte des Gliederungspunktes „Horizontale Gewaltenteilung“ berücksichtigt (vgl. 143-155). Das politische System Großbritanniens als Realtyp einer klassischen parlamentarischen Demokratie sowie das politische System der Vereinigten Staaten als Realtyp einer präsidentiellen Demokratie werden jeweils mit einer knappen Textseite äußerst spärlich aufgegriffen (vgl. 147 f. und 150 f.), zugleich finden sich hier einprägsame Schaubilder zu beiden Systemtypen. Auch das politische System der Europäischen Union als System sui generis findet an dieser Stelle Platz, wenngleich die europäische Integration im Schlusskapitel noch sehr viel ausführlicher erörtert wird.

In den folgenden Kapiteln, die hier im Einzelnen nicht komplett wiedergegeben werden können, werden ähnlich differenziert, ausführlich und kenntnisreich wie in den Kapiteln zuvor die Themen „Wahlen und direkte Demokratie“ (Kapitel 5), „Politische Einstellungen und Verhalten“ (Kapitel 6), „Parteien und Parteiensysteme“ (Kapitel 7), „Interessengruppen und soziale Bewegungen“ (Kapitel 8) sowie „Politische Kommunikationsplattformen“ (Kapitel 9) beschrieben. Es werden deren systematische Grundlagen vorgestellt wie auch die jeweils einschlägigen Herausforderungen diskutiert. Es folgen Kapitel zur „Legislative“ (Kapitel 10), „Regierung und Verwaltung“ (Kapitel 11) sowie zur „Judikative“ (Kapitel 12). Abgeschlossen wird der Band durch einen ausführlichen Blick auf die „Internationale[n] Beziehungen“ (Kapitel 13), der neben den Grundstrukturen des internationalen Systems auch theoretische Perspektiven auf die Analyse internationaler Politik bietet und schließlich ebenfalls die europäische Politik zwischen Supranationalismus und Intergouvernementalismus in ihren Grundzügen umreißt.

Zwei Punkte sind am Ende besonders zu betonen. Zum einen ist der Mehrwert des Bandes für das Studium hervorzuheben. So endet jedes Kapitel mit einem zusammenfassenden Fazit sowie einigen weiterführenden Literaturhinweisen. Eine äußerst ausführliche Literaturliste beschließt den Band; zahlreiche Abbildungen und Info-Kästen ergänzen die Ausführungen. Und wer sich über das Buch hinaus mit dessen Themen befassen möchte, findet unter dem nachfolgend genannten Link ein Glossar einschlägiger Begriffe, Testfragen zum Inhalt des Buches sowie weitere nützliche Informationen: https://ib.ethz.ch/teaching/pwgrundlagen.html

Zum anderen werden, wie bereits erwähnt, nahezu durchgehend die grundlegenden politikwissenschaftlichen Ausführungen des Bandes durch eine ganze Reihe aktueller und teilweise ungewöhnlicher Fallbeispiele illustriert. Zu den in den verschiedenen Kapiteln aufgegriffenen Fragen zählen etwa die folgenden: Haben schönere Kandidat*innen bessere Wahlchancen? Führt Demokratie zu weniger Armut? Wie lässt sich die Stärke von Gewerkschaften messen? Weshalb weisen auch Autokratien meist ein Verfassungsgericht auf? Wie beeinflusst die Verfassungsgerichtsbarkeit die Legitimität eines Staatswesens aus Sicht der Bürger*innen?

Es erscheint realistisch, dass dieses Buch auch in seiner fünften Auflage unter Studierenden und anderen Leser*innen zu einem weit verbreiteten und oft genutzten Buch werden könnte. In einer ganzen Reihe von Kapiteln sind die Inhalte sehr viel umfangreicher als das, was man zu Beginn des Studiums vielleicht wissen möchte beziehungsweise muss, oder für die ersten Semester benötigt. Mithilfe der Schaubilder und Info-Kästen könnte man sich beim ersten Durchgang der Lektüre auf die essenziellen Teile eines jeden Kapitels konzentrieren und alles Weitere im Verlauf des Studiums, und selbst darüber hinaus, noch zurate ziehen. Insofern erweist sich diese „Einführung in die Politikwissenschaft“ als ein Vademekum, dessen Mehrwert nicht mit der einmaligen Lektüre des Buches endet.

 

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