/ 17.06.2013
Matthias Geis / Bernd Ulrich
Der Unvollendete. Das Leben des Joschka Fischer
Berlin: Alexander Fest Verlag 2002; 253 S.; geb., 24,90 €; ISBN 3-8286-0175-8Fischer lässt die Leute nicht kalt. In den Umfragen zu den beliebtesten Politikern landet er seit einiger Zeit regelmäßig auf dem ersten Platz. Trotzdem können es manche immer noch nicht fassen, dass ein ehemaliger Sponti, der in den Siebzigerjahren mit seiner "Putz-Gruppe" auf sehr handfeste Art die zahlreichen Frankfurter Demonstrationen aufmöbelte, nun schon seit vier Jahren Bundesaußenminister ist. Es haben schon einige versucht, die wechselvolle Karriere des grünen Oberrealos zu beschreiben...
Matthias Geis / Bernd Ulrich
Der Unvollendete. Das Leben des Joschka Fischer
Berlin: Alexander Fest Verlag 2002; 253 S.; geb., 24,90 €; ISBN 3-8286-0175-8Fischer lässt die Leute nicht kalt. In den Umfragen zu den beliebtesten Politikern landet er seit einiger Zeit regelmäßig auf dem ersten Platz. Trotzdem können es manche immer noch nicht fassen, dass ein ehemaliger Sponti, der in den Siebzigerjahren mit seiner "Putz-Gruppe" auf sehr handfeste Art die zahlreichen Frankfurter Demonstrationen aufmöbelte, nun schon seit vier Jahren Bundesaußenminister ist. Es haben schon einige versucht, die wechselvolle Karriere des grünen Oberrealos zu beschreiben und zu erklären. Geis und Ulrich, "Zeit"-Redakteur der eine und Leitender Redakteur beim "Tagesspiegel" der andere, tun dies mit einer anregenden Mischung aus Sympathie und kritischer Distanz. Sie haben Fischer jahrelang beobachtet, seinen Aufstieg und seine diversen Metamorphosen aus der Nähe miterlebt und viele Gespräche mit ihm geführt. Auch ihnen haben die jähen Abstürze und kometenhaften Aufstiege mitunter den Atem verschlagen. Sie sehen darin das Resultat von Fischers außergewöhnlicher Fähigkeit zur Selbstsuggestion. So konnte der radikale, ja zeitweise militant-revolutionäre Sponti plötzlich zum Realpolitiker werden und der Pazifist verteidigte den Krieg im Kosovo, ja, verlangte ihn sogar. Trotzdem halten Geis und Ulrich es jedoch für verfehlt, Fischer einen einfachen Opportunisten zu nennen: Aus taktischen Gründen lässt er seine Überzeugungen nicht fallen. Erst wenn er sich selbst von einer neuen Position überzeugt hat, beginnt er, sie anderen aufzudrängen. "Man könnte das einen ehrlichen Opportunismus nennen." (232) Es ist wohl auch zum Teil die Lernfähigkeit eines machtbewussten Politikers, der erkennt, wann eine Position nicht mehr mit der Realität übereinstimmt. Die Autoren attestieren Fischer deshalb Machtbewusstsein und Dominanzstreben als prägende Charakteristika. Sein Wille, in vorderster Linie zu stehen, anderen seine Meinung aufzuzwingen, wenn nötig mit großer "Klappe" und unerhörter Chuzpe, zieht sich durch seine ganze politische Karriere. Er gipfelt in seiner umfassenden Dominanz der Grünen, die nach Meinung der Autoren von Fischer domestiziert wurden und ohne ihn wohl bald von der Bildfläche verschwinden würden. Umgekehrt ist Fischer ohne die Grünen auch nicht als bundesdeutscher Spitzenpolitiker denkbar: "Alle künftigen Niederlagen, gar das Scheitern der Partei gehen vor allem auf sein Konto - und ganz zu seinen Lasten. Ausgerechnet vom Fortbestehen der ungeliebten Grünen hängt des Gelingen seines Lebenswerkes ab, ihr Wohl und Wehe entscheidet darüber, ob Fischer noch Zeit bekommt, als Außenminister eine tiefere Spur in der Geschichte des Landes zu hinterlassen." (250) Geis und Ulrich zeichnen das Bild eines political animal, einer Spezies Politiker, die in der Bundesrepublik bisher nur ganz vereinzelt anzutreffen war. Sie befassen sich viel mit den inneren Beweggründen seines Handelns und nutzen dabei auch die bunte Spielwiese, die Fischers Leben für psychologische Interpretationen bereithält. Dabei ist eine spannend geschriebene, auch politisch teils klug analysierende Beschreibung eines Lebenslaufes entstanden, der in manchem die prägenden Phasen der jüngsten deutschen Geschichte abbildet, aber trotzdem ziemlich einzigartig dasteht. Unvollendet ist Fischer jedoch nicht nur, weil noch größere Aufgaben auf ihn warten könnten. Unvollendet ist er vor allem, weil "es überraschend [wäre], wenn er uns nicht noch einmal überraschte" (252).
Walter Rösch (WR)
M. A., Politikwissenschaftler.
Rubrizierung: 2.3
Empfohlene Zitierweise: Walter Rösch, Rezension zu: Matthias Geis / Bernd Ulrich: Der Unvollendete. Berlin: 2002, in: Portal für Politikwissenschaft, https://www.pw-portal.de/rezension/16972-der-unvollendete_19493, veröffentlicht am 01.01.2006.
Buch-Nr.: 19493
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M. A., Politikwissenschaftler.
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