/ 04.06.2013
Walter Jens
Macht der Erinnerung. Betrachtungen eines deutschen Europäers
Düsseldorf/Zürich: Artemis & Winkler 1997; 291 S.; ISBN 3-538-07054-7Enthalten sind zehn Reden des Tübinger Rhetorikprofessors, die er überwiegend zwischen 1994 und 1997 gehalten hat; dazu drei bisher unveröffentlichte Beiträge (131 ff., 144 ff. und 271 ff.). Es handelt sich - nach eigener Aussage - um ein sehr persönliches Buch. Bewegend ist insbesondere das "Memento" an einen Bombenangriff auf Freiburg im November 1944, in dem Jens der Stadt gedenkt und der Schwestern in der medizinischen Klinik (104 f.), aber zugleich auch der britischen und deutschen Piloten ...
Walter Jens
Macht der Erinnerung. Betrachtungen eines deutschen Europäers
Düsseldorf/Zürich: Artemis & Winkler 1997; 291 S.; geb., 44,- DM; ISBN 3-538-07054-7Enthalten sind zehn Reden des Tübinger Rhetorikprofessors, die er überwiegend zwischen 1994 und 1997 gehalten hat; dazu drei bisher unveröffentlichte Beiträge (131 ff., 144 ff. und 271 ff.). Es handelt sich - nach eigener Aussage - um ein sehr persönliches Buch. Bewegend ist insbesondere das "Memento" an einen Bombenangriff auf Freiburg im November 1944, in dem Jens der Stadt gedenkt und der Schwestern in der medizinischen Klinik (104 f.), aber zugleich auch der britischen und deutschen Piloten und der bombardierten Kinder in Coventry. Durch den Blick auf das Individuum wird die umfassende Katastrophe erst begreifbar, unweigerlich besinnt sich der Leser angesichts der Schrecken des Krieges auf das Menschliche zurück. Doch Jens verknüpft zudem die unmittelbaren Kriegsereignisse mit der Zeit davor, als katholische Erzbischöfe gegen das Judentum hetzten, die Freiburger Juden aus Freiburg deportiert wurden und sich wenig Widerstand regte (110 ff.).
Der Autor zeigt sich als ein Verfechter der Zivilcourage, aber auch der leisen Meditation und des gepflegten Gesprächs. Zur "Diskurs-Fähigkeit" gehören danach solitaire und solidaire, die Fähigkeit, die eigene Position entschieden zu behaupten und sich dabei doch beweglich zu halten (18). Überaus amüsant sind seine Beispiele für deutsch-deutsche Mißverständnisse (22) oder sein Beispiel für ein erheiterndes Gespräch aus einem Brief Fontanes (25 f.), der neben Lessing sein Lieblingsautor ist. Insgesamt enthält das Buch durchweg bestechende Reflexionen zu einem breiten Spektrum an Themen und Personen, wobei die Laudatio auf Carlo Schmid nur einen Höhepunkt darstellt. Im Epilog befindet sich ein fiktives (Selbst-)Gespräch mit Philipp Melanchthon.
Inhalt: Prolog: Lob des Gesprächs (1997); Staat und Stadt: Nachdenken über Deutschland (1995); Deutschsein in Europa (1992); Ein doppelgesichtiges Städtchen: Nachdenken über Bayreuth (1994); Freiburg im Krieg - Memento. Zur Erinnerung an den 27. November 1944. Kunst und Literatur: David: König und Musikant; Das künstlerische Alterswerk; Ein Fest zwischen Gestern und Morgen. Zur 300-Jahr-Feier der Berliner Akademie der Künste (1996). Deutsche Europäer - Laudationes: Auf einen Komponisten: Paul Hindemith - Ein Mann will einen Berg besteigen (1995); Auf einen Politiker: Carlo Schmid - ein Meister der Beredsamkeit (1996); Auf einen Schriftsteller: Wolfgang Hildesheimer zum 80. Geburtstag (1996); Auf einen Theologen: Hans Küng zum Abschied von der Universität (1996). Epilog: Das Testament des Philipp Melanchthon.
Stefan Lembke (SL)
M. A., Politikwissenschaftler.
Rubrizierung: 1.3 | 2.3
Empfohlene Zitierweise: Stefan Lembke, Rezension zu: Walter Jens: Macht der Erinnerung. Düsseldorf/Zürich: 1997, in: Portal für Politikwissenschaft, https://www.pw-portal.de/rezension/4008-macht-der-erinnerung_5694, veröffentlicht am 01.01.2006.
Buch-Nr.: 5694
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M. A., Politikwissenschaftler.
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