/ 06.06.2013
Jürgen Peter Schmied
Sebastian Haffner. Eine Biographie
München: C. H. Beck 2010; 683 S.; 29,95 €; ISBN 978-3-406-60585-7Geschichtswiss. Diss. Bonn; Gutachter: K. Hildebrand. – Seine „Neigung zu einer gehobenen Panikmache“ sowie „‚die seltene Gabe, politische Ideen [...] für andere Leute spannend zu machen’“ (130) scheinen gewichtige Bestandteile des Erfolgsgeheimnisses des Journalisten und Buchautors Haffner gewesen zu sein. Dieses zu lüften ist das erklärte Ziel Schmieds und er verfolgt es in akribischer Kleinarbeit. Entstanden ist so eine berufliche Biografie, in der Ha...
Jürgen Peter Schmied
Sebastian Haffner. Eine Biographie
München: C. H. Beck 2010; 683 S.; 29,95 €; ISBN 978-3-406-60585-7Geschichtswiss. Diss. Bonn; Gutachter: K. Hildebrand. – Seine „Neigung zu einer gehobenen Panikmache“ sowie „‚die seltene Gabe, politische Ideen [...] für andere Leute spannend zu machen’“ (130) scheinen gewichtige Bestandteile des Erfolgsgeheimnisses des Journalisten und Buchautors Haffner gewesen zu sein. Dieses zu lüften ist das erklärte Ziel Schmieds und er verfolgt es in akribischer Kleinarbeit. Entstanden ist so eine berufliche Biografie, in der Haffners Werdegang umfassend erzählt wird – nach einigen Versuchen als Jurist beginnend mit der gleichermaßen privat wie politisch motivierten Emigration 1938 nach England, seiner britischen Mimikry und seiner Arbeit bei der Sonntagszeitung Observer. Bereits in den Beiträgen für den Observer zeichnet sich ab, was für Haffner charakteristisch bleiben wird: Er bezieht pointiert und oft genug polemisch Stellung, begeistert sich für politische Ideen und Konzepte – aber wechselt bei Bedarf flugs den Standpunkt und vertritt die gegenteilige Meinung. Nach seiner Rückkehr in die Bundesrepublik in den 50er-Jahren wurde Haffner dem Publikum nicht nur als Teilnehmer am Internationalen Frühschoppen in der ARD und als Stern-Kolumnist bekannt, er schrieb u. a. auch für Christ und Welt sowie für Konkret. Eine Weltanschauung, die ihm in seinen Veröffentlichungen als roter Faden gedient hätte, kann Schmied nicht ausmachen. So scheint es Haffner möglich gewesen zu sein, viele politische Möglichkeiten und Entwicklungen frühzeitig zu erahnen – und dann liebte er es, sie der Öffentlichkeit provokativ darzubringen. Dies hatte nach Darstellung Schmieds seine positiven Seiten, etwa wenn Haffner in Jahren des Mauerbaus fast „wie ein Barometer der West-Berliner Stimmungen“ (488) funktionierte. Auf der negativen Seite der journalistischen Bilanz stehen aber „wahre Elogen auf die DDR“ (298) und mit Blick auf die Mauer eine „eklatante Geringschätzung der Freiheit“ (480) oder auch die Begeisterung für die chinesische Kulturrevolution. Haffner habe als Journalist vor allem die Menschen aufregen und zur Diskussion anregen wollen, so Schmied. Als Publizist aber, etwa als Autor der „Anmerkungen zu Hitler“, habe ihn die Fachwelt respektiert. Er schien es als Einzelner geschafft zu haben, so ist insgesamt der Eindruck aus dieser Darstellung, ein weites Spektrum der politischen Meinungsvielfalt in der (jungen) Bundesrepublik abzudecken. „Er war eben, allen Ausrutschern zum Trotz, ein begnadeter intellektueller Akrobat“ (490).
Natalie Wohlleben (NW)
Dipl.-Politologin, Redakteurin pw-portal.de.
Rubrizierung: 2.3
Empfohlene Zitierweise: Natalie Wohlleben, Rezension zu: Jürgen Peter Schmied: Sebastian Haffner. München: 2010, in: Portal für Politikwissenschaft, https://www.pw-portal.de/rezension/9141-sebastian-haffner_39653, veröffentlicht am 19.01.2011.
Buch-Nr.: 39653
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