/ 04.06.2013
Knut Linsel
Charles de Gaulle und Deutschland
Sigmaringen: Jan Thorbecke Verlag 1998 (Beihefte der Francia 44); 296 S.; Ln., 78,- DM; ISBN 3-7995-7346-1Diss. phil. Bonn. - "Charles de Gaulle beschäftigte sich seit dem Ersten Weltkrieg wie kaum ein anderer französischer Deutschlandpolitiker im 20. Jahrhundert mit der überlieferten Differenz zwischen deutschem Staat, deutscher Nation und deutschem Territorium; ermaß die äußeren Gefahren, die nicht nur für die deutsch-französischen Beziehungen, sondern für die Stabilität der europäischen Ordnung insgesamt aus dieser traditionellen Besonderheit der 'Macht der Mitte Europas' erwuchsen, und trug dieser elementaren Eigentümlichkeit der preußisch-deutschen Geschichte in seiner präsidentiellen Deutschlandpolitik mit Erfolg Rechnung." (252)
Der Autor widmet sich dem Deutschlandbild de Gaulles von dessen erster Beschäftigung damit - 1916 in deutscher Kriegsgefangenschaft - bis zu dessen Rücktritt 1969. Er wählt diese umfassende Perspektive, um Kontinuitäten und Brüche aufzuweisen. Linsel legt u. a. dar, inwiefern de Gaulle schon vor dem Zweiten Weltkrieg und auch 1958 eine Annäherung beider Staaten und Völker im Sinn hatte (252, 255). Weiterhin habe de Gaulle den deutsch-französischen Freundschaftsvertrag von 1963 nicht nur als maßgebend für die Beziehung zwischen Frankreich und dem westdeutschen Teilstaat betrachtet, sondern auch als Basis für die Außenpolitik eines künftigen Gesamtdeutschlands (253). Da er sich - so Linsel - fast dauernd mit der Frage beschäftigte, wie Nation, Staat und Territorium der Deutschen "zu einer für Frankreich und Europa akzeptablen Übereinstimmung gelangen k[ö]nnten" (255), blieben die Deutschen, solange sie nicht vereinigt waren und die Frage ihrer Grenzen nicht gelöst war, für ihn ein "peuple déséquilibré" (257). Die Darstellung schließt mit einem 26seitigen Quellen- und Literaturverzeichnis, einem Abkürzungsverzeichnis und einem vierseitigen Personenregister.
Inhalt: II. Die Bedeutung des Ersten Weltkrieges für Charles de Gaulles Deutschlandbild: 1. "Les malaises qui précèdent les grandes guerres": Erste Eindrücke vor 1914; 2. Mehr Fragen als Antworten: Ein Bildungserlebnis in der Kriegsgefangenschaft des Ersten Weltkriegs; 3. "Les haines Séculaires": Die unmittelbaren Folgen des Ersten Weltkriegs. III. Die Zwischenkriegszeit: 1. Die zwanziger Jahre: Zwischen Geschichte und Gegenwart: a. Die Differenzen zwischen Geschichte und Gegenwart; b. "La Discorde chez l'ennemi"; c. Flüchtige Impressionen in einer Übergangszeit; d. Charles de Gaulle als Europazentriker; 2. Die dreißiger Jahre: Kassandrarufe zwischen Vergangenheit und Zukunft: a. Die Signatur der Epoche; b. "Die Schneide des Schwertes": Macht und Moral; c. "Zank zwischen Theologen": Die innerfranzösische Verteidigungsdebatte; d. "Germanen und Gallier"; e. "Nous allons rapidement à la guerre contre l'Allemagne". IV. Der Zweite Weltkrieg und die Provisorische Regierung: Deutschland als ein Gegner de Gaulles und als Terrain gaullistischer Außenpolitik: 1. Der "zweite Akt unseres dreißigjährigen Krieges": Der Zweite Weltkrieg: a. De Gaulles Kampf gegen Deutschland und sein Ringen mit zwei weiteren Gegnern; b. Die Krise der Moderne: Charles de Gaulles Verständnis des Nationalsozialismus 1940-1942; c. Der Weg zur Befreiung Frankreichs; 2. Die Provisorische Regierungszeit 1944-1946. V. Für die Entente mit den Deutschen, gegen den deutschen Nationalstaat: Die Zeit der Widersprüche 1946-1958. VI. "De Gaulle und der Freundschaftsvertrag - das war zu viel auf einmal": Charles de Gaulle und ein neues Deutschland (1958-1969): 1. Die Situation bei de Gaulles Rückkehr an die Regierung; 2. Charles de Gaulles politische Absichten; 3. Ein schwieriger, aber verläßlicher Verbündeter: Charles de Gaulles deutschlandpolitischer Beginn; 4. Kein Nahziel, sondern eine immanente Folge: Die deutsche Einheit; 5. Vom "Sich-wieder-selbst-Finden der deutschen Nation" zum Elysée-Vertrag; 6. Das gaullistische Frankreich als Verbündeter und Bürge Deutschlands; 7. "Les Allemands seront toujours des Allemands". Charles de Gaulle und Deutschland 1963-1969.
Petra Beckmann-Schulz (Bm)
Dr., Politikwissenschaftlerin.
Rubrizierung: 2.61 | 4.21 | 4.22
Empfohlene Zitierweise: Petra Beckmann-Schulz, Rezension zu: Knut Linsel: Charles de Gaulle und Deutschland Sigmaringen: 1998, in: Portal für Politikwissenschaft, https://www.pw-portal.de/rezension/6117-charles-de-gaulle-und-deutschland_8329, veröffentlicht am 01.01.2006.
Buch-Nr.: 8329
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Dr., Politikwissenschaftlerin.
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