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Rezension / 07.01.2026

Milan Babić: Geoökonomie: Anatomie der neuen Weltordnung

Berlin, Suhrkamp 2025

Zölle, Handelskriege und staatliche Investitionsprogramme: Ist die neoliberale Globalisierung vorbei? „Ja, aber“, sagt Milan Babic, Associate Professor für Politische Ökonomie in Amsterdam, und bringt den Begriff der „Geoökonomie“ als Beschreibung der neuen Weltordnung ins Spiel. Mischa Stratenwerth, Forscher am Max-Planck-Institut für Gesellschaftsforschung, kann der Diagnose der „Geoökonomisierung“ viel abgewinnen, hat aber offene Fragen.

Eine Rezension von Mischa Stratenwerth

Multiple Krisen, zunehmend konflikthafte zwischenstaatliche Beziehungen, ausufernde militärische Auseinandersetzungen und der Zerfall mühsam errungener Institutionen internationaler Zusammenarbeit. Leben wir inmitten der oft proklamierten Zeitenwende? Milan Babić bietet in seinem Buch eine Antwort auf diese große Frage an. In seinen Augen erleben wir nach Jahrzehnten neoliberaler Globalisierung, tatsächlich eine grundlegende Trendwende. Der eingeschlagene Weg zur neuen, noch nicht ausformulierten Weltordnung lässt sich laut Babić mit dem Begriff der Geoökonomisierung beschreiben. Eine Diagnose mit der sich der Autor insbesondere von einer übermäßigen Fixierung auf Geopolitik distanzieren möchte.

Die jüngste Phase internationaler Beziehungen ist für Babić weder durch wirtschaftliche Entflechtung noch durch einen Rückzug ins Nationale oder eine staatliche Dominanz über marktwirtschaftliche Logiken gekennzeichnet. Die Welt deglobalisiert sich nicht. Vielmehr entfaltet sich die Geoökonomisierung auf den Grundmauern der neoliberalen Globalisierung. In Machtkämpfen um internationale Handels- und Investitionsströme, globale Infrastrukturen und zentrale Lieferketten vertieft sich die Integration der Weltwirtschaft in einzelnen Bereichen sogar.

Im Buch skizziert Babić zunächst den Übergang von der neoliberalen zur geoökonomischen Ordnung und beschreibt die sich wandelnde Rolle des Staates in einer geoökonomischen Welt. Anschließend widmet er sich den Themenbereichen Wirtschaft und Politik, bevor er mit einem überraschend optimistischen Blick auf die Chancen der Repolitisierung demokratisch-kapitalistischer Verhältnisse endet.

Geoökonomisierung statt Deglobalisierung

Besonders überzeugen kann die Entkräftung jeglichen Verdachts eines Deglobalisierungstrends. Dazu zeichnet Babić zunächst transnationalisierende Transformationsprozesse der vorangegangenen neoliberalen Globalisierungsphase nach, um zu zeigen, dass sich daraus drei Bewegungen entwickelten, die den Kern der Geoökonomisierung ausmachen – nicht im radikalen Bruch, sondern im Zusammenspiel mit Märkten, Institutionen und Rahmenbedingungen, die durch die neoliberale Globalisierung geformt wurden.

Erstens habe der Imperativ wirtschaftlicher Integration und Interdependenz empfindlich an Strahlkraft eingebüßt und sei durch merkantilistisch gefärbte Vorstellungen konkurrenzgetriebener Nullsummenspiele ersetzt worden. Beispielsweise dränge selbst die EU nicht mehr nur vornehmlich auf die Gewährleistung einheitlicher Wettbewerbsbedingungen. Dies habe zu strategischen Instrumentalisierungen ökonomischer Verflechtungen geführt, die jüngst auch in der Versicherheitlichung von Wirtschaftspolitik zum Ausdruck kommen.

Damit einher gehe, zweitens, ein stärker abwägender Modus internationaler Beziehungsarbeit, der fragmentierend und regionalisierend wirkt und deutlich mit den Visionen einer immer flacher werdenden Welt bricht. Die BRICS-Staaten distanzieren sich vom Westen, die USA greift zu protektionistischen Elementen, die EU wird laut von der Leyen zum geopolitischen Projekt.

Drittens sei Staatsmacht nicht länger primär auf die Entpolitisierung von Wirtschaftspolitik ausgerichtet, sondern strebe, ganz offensichtlich interventionistisch, nach der Kontrolle über Infrastrukturen und Wertschöpfungsketten. Plakative Beispiele findet Babić in den Auslandsinvestitionen einflussreicher staatlicher Fonds oder Entwicklungsbanken. Damit ist benannt, warum sich die Neuorientierung substanziell von der vorherigen Phase unterscheiden soll. Es wird jedoch nicht ganz klar, warum nicht schon die neoliberale Globalisierung als zutiefst geoökonomisch geprägt begriffen werden kann. Babić selbst verweist beispielsweise darauf, wie die grenzüberschreitende Vernetzung von Finanzmärkten und die Verdichtung wirtschaftlicher Verflechtungen zur Festigung US-amerikanischer Machtpositionen beigetragen haben. In welchem Maße ist die Geoökonomisierung also neuartig?

Geschichte ist keine Pendelbewegung

Der Buchtitel lässt kaum Zweifel: Es handelt sich um eine qualitativ andere Gestalt der Weltordnung. Im Verlauf des Buches zeigt sich jedoch, dass es vor allem Ordnungsprozesse sind, die sich unterscheiden, und dass der aktuelle Wandel zugleich tief in den vorhergehenden Entwicklungen verwurzelt bleibt. Mitunter scheint es vor allem um ein verändertes Framing und eine neue Wahrnehmung seitens politischer und wirtschaftlicher Eliten zu gehen. Die Geoökonomisierung bildet einen „unabgeschlossenen, widersprüchlichen und nichtlinearen“ Transformationsprozess (16). Es ist also kompliziert. Diese Komplexität zu erfassen, ist zweifellos richtig und wichtig – aber das anfangs suggerierte Erklärungsversprechen wird zumindest relativiert. In diesem Sinne funktioniert Geoökonomie besser als analytische Linse zur präziseren Beobachtung globaler Entwicklungen, denn als umfassende, schlagwortartige Deutung einer vermeintlichen Weltordnung.

Für Babić scheint es sehr wichtig zu vermitteln, dass Geschichte sich nicht wiederholt. Er möchte sich abgrenzen von einem „‚populäre[n]‘ Polanyismus“ (53), der Geschichte als immergleiches Pendeln zwischen Liberalisierung und Liberalisierungs-Backlash interpretiert. Zu Recht stellt er heraus, dass ein Rückschwung uns nicht an denselben geopolitisch geprägten Punkt wie vor der Globalisierung führt. Gleichzeitig darf der wünschenswerte Anspruch, jede neue Epoche als einzigartig zu analysieren, nicht dazu führen, Geschichte als Erfahrungsschatz und Vergleichsfolie aus dem Blick zu verlieren. Das soll Babić auch nicht unterstellt werden. Dennoch hätte es an manchen Stellen hilfreich sein können, konkreter zu erläutern, warum oberflächlich ähnliche Phänomene heute anders zu bewerten sind als in der Vergangenheit. Worin genau unterscheiden sich etwa gegenwärtige Formen infrastruktureller Machtausübung wie die Kontrolle über globale Datenkabelnetze von klassischeren Varianten wie der Beherrschung zentraler Seehandelsrouten oder strategischer Schienennetze? Wie verhält sich die Verfügungsgewalt über moderne Zahlungssysteme zu Machtformationen im dollardominierten Ölhandel oder in der postkolonialen CFA-Franc-Zone in Zentral- und Westafrika?

Ansonsten gehören die Abschnitte zu den defensiv-protektionistischen sowie offensiven geoökonomischen Instrumenten, über die moderne Staaten verfügen, aber zu den Passagen, die das Buch zu einer lesenswerten Einführung ins Thema machen. Während der klassische Wettbewerbsstaat vor allem auf interne Anpassung setzt, orientiert sich der geoökonomische Staat stärker nach außen. Wo sich Staatsmacht früher durch Depolitisierung ausgedrückt hat, zeigt sie sich heute in Form strategischer Kontrolle.

Was ist das Neue an der neuen Weltordnung?

Ein wenig verblüffend ist jedoch, dass Babić heute stärkere Kapazitätsungleichheiten zwischen Ländern sieht: Während nicht jeder Staat Netzwerke und Abhängigkeiten gezielt beeinflussen könne oder über die Binnenmarktstrukturen für protektionistische Maßnahmen verfüge, habe fast jede Regierung neoliberale Handlungslogiken übernehmen können, so seine Diagnose. Aber erhebliche Kapazitätsunterschiede gab es auch zuvor. Zwar gab es in der letzten Globalisierungsphase sicherlich spezifische Chancen für kleinere Volkswirtschaften, die sich in der Geoökonomisierung nicht wiederholen. Die umfangreiche Literatur zu internationalen Abhängigkeiten, Machtasymmetrien und Zentrum-Peripherie-Dynamiken macht aber deutlich, dass die Behauptung eines qualitativ neuen Ungleichgewichts erklärungsbedürftig ist und eine vertiefte Diskussion verdient hätte.

Ein ähnlicher Punkt betrifft die Reichweite der Analyse. Babić entwirft den Anspruch einer Welterklärung, konzentriert sich jedoch vor allem auf westliche Demokratien. Besonders im vierten Kapitel, das sich mit politischen Dimensionen befasst, liegt der Schwerpunkt klar auf den USA und Europa. Angesichts des anvisierten Publikums ist das nachvollziehbar. Es ist aber nicht auszuschließen, dass die von Babić identifizierten Veränderungen aus Sicht des Globalen Südens eher als mehr desselben erscheinen, denn als fundamentaler Wandel.

Die vermeintliche Neuheit der Geoökonomisierung hängt mit dieser Perspektive zusammen. Dass Globalisierung und wachsender Außenhandel sowohl Gewinner als auch Verlierer hervorbringen, gehört seit jeher zu den Kernerkenntnissen der Politischen Ökonomie. Neu ist jedoch, dass sich auch mächtige Akteure benachteiligt sehen und dass die Interessen relativer Verlierer in starken Wirtschaftsnationen erheblich an Bedeutung gewinnen. Ob dies primär ein Phänomen des Globalen Nordens oder ein weltweiter Trend ist, bleibt offen.

Neue politische Spielräume durch Geoökonomisierung

Überzeugend gelingt es Babić hingegen darzustellen, dass Disruptionen wirtschaftlicher Beziehungen nicht zum Rückbau, sondern zur Verlagerung von Verflechtungen und Lieferketten führen. Das Kapitel zur „Wirtschaft“ zeigt neben Verweisen auf infrastrukturelle Konfliktarenen vor allem, wie geoökonomische Maßnahmen sowohl bestehende vertikale Verflechtungen vertiefen als auch horizontale Fragmentierungen, etwa in Form regionaler Blockbildung, vorantreiben. Selbst ernste Sicherheitsbedenken verkürzen Lieferketten nur selten. Möglichkeiten zum Reshoring sind technisch und kostenseitig begrenzt. Stattdessen werden Liefernetzwerke strategisch umgestaltet oder gezielt verstärkt. Es geht weniger um Entflechtung als um Risikominimierung – wobei bestehende Komplementaritäten verloren gehen können.

Bemerkenswert ist, dass damit Wirtschaftswachstum und neoliberale Automatismen an Bedeutung verlieren und Entscheidungsprozesse (wieder) uneindeutiger und somit politisierter werden. Die „Rückkehr der Politik“ (179), explizit nicht die Rückkehr des Staates, ist daher das zentrale Thema, das Babić in den letzten beiden Kapiteln immer wieder aufgreift. Bislang scheint das Bröckeln der neoliberalen Ordnung vor allem Raum geschaffen zu haben, für die Anti-System-Politik eines „falschen Rechtspopulismus“ (27). Nach Babićs Lesart befinden wir uns aber national wie international in einem „Interregnum“ (160), in dem die (Diskus-)Macht neoliberaler Ideen und Akteure aufgebrochen ist, ohne dass sich ein neues hegemoniales Projekt bereits durchsetzen konnte. Die Zukunft bleibt offen – und so wird der Band gegen Ende zwangsläufig von einem politikwissenschaftlichen zu einem politischen Buch.

Der Ausblick fällt überraschend optimistisch aus. Auch wenn externe Interventionen und wachsende Ungleichheiten Konflikte verschärfen und globale Hierarchien festigen dürften, sieht Babić in der Repolitisierung die Chance für offene gesellschaftliche Neuverhandlungen. Märkte und Wirtschaftswachstum stehen dabei ebenso zur Disposition wie das Verhältnis von Kapitalismus und Demokratie. Eine dauerhafte Verfestigung des aktuellen Rechtsrucks ist für ihn nicht zwingend. Progressiven Kräften räumt er eine Chance ein, wenn sie tragfähige Antworten auf geoökonomische Herausforderungen bieten und es schaffen, das Verständnis guter Politik an die neuen Bedingungen anzupassen.

Die geoökonomische Perspektive und das deutsche Wirtschaftsmodell

Trotz oder gerade wegen einiger Lücken und offener Fragen erfüllt das kurzweilige Buch in hohem Maße den Anspruch an einen Band dieser Art. Die einzige wirkliche Enttäuschung ist, dass der Blick auf die Akteure der Geoökonomisierung sehr schemenhaft bleibt – speziell im Hinblick auf Unternehmen. Diese werden zwar gleich zu Beginn als Hauptakteure der geoökonomischen Ordnung eingeführt, bleiben im Buch jedoch Randfiguren. Ansonsten aber bietet das Buch einen gut verständlichen Zugang für eine breite Leser*innenschaft und liefert zugleich eine bereichernde Zusammenschau des Geoökonomie-Konzepts für ein versierteres Fachpublikum.

Babić präsentiert einen ambitionierten Verdichtungsversuch, der den Mut hat, in großen Linien zu denken und komplexe Zusammenhänge definitorisch zu reduzieren, auch auf die Gefahr hin, von Detailanalysen teilweise wieder relativiert zu werden. Als geschärfte analytische Linse ist Geoökonomisierung bereits überzeugend, ob sie auch als zutreffende Zeitdiagnose taugt, bleibt zu diskutieren. Auch wenn der Begriff der Geoökonomie nicht neu ist, scheint es Babić und seinen Mitstreiter*innen in den letzten Jahren zu gelingen, damit in der (deutschen) Politikwissenschaft einen wichtigen Bezugspunkt zu etablieren, der als Reibungsfläche dient und Debatten vorantreibt.

Gerade im Sinne einer engeren Verbindung von International Political Economy (IPE) und Comparative Political Economy (CPE) ist dies ausdrücklich zu begrüßen. Die Analyse von nationalen Produktions- und Wachstumsregimen von der Untersuchung transnationaler Ordnungen und sicherheitspolitischer Fragen getrennt zu halten, erweist sich zunehmend als nicht haltbar. Eine geoökonomische Perspektive kann hier als Bindeglied wirken und neue Wege für interdisziplinäres Arbeiten öffnen.

Für eine umfassende politökonomische Analyse der deutschen Wirtschaft ist diese Verbindung unerlässlich.[1] Studien zum deutschen Modell konzentrieren sich stark auf binnenwirtschaftliche Dynamiken koordinierter Marktwirtschaft und kompetitiver Desinflation. Zwar wird regelmäßig auf die Abhängigkeit von externer Nachfrage und damit vom globalen geoökonomischen Kontext verwiesen, doch abgesehen von Untersuchungen zur Europolitik wird dieser Zusammenhang zu selten systematisch vertieft. Dabei ist klar, dass sich Handlungsspielraum und Zukunft des deutschen Modells maßgeblich im globalen Rahmen entscheiden. Deutschland verfügt über geoökonomische Macht, ist aber auch sicherheitspolitisch exponiert und handelspolitisch abhängig.

Über lange Zeit verstärkten sich Exportorientierung, Außenwirtschaftspolitik und Sicherheitserwägungen wechselseitig. Die deutlichste Zäsur betrifft das Verhältnis zu Russland. Auch das Verhältnis zu China ändert sich schrittweise. Der technologische Vorsprung und die Marktzugangsvorteile deutscher Firmen schmelzen. Forderungen nach staatlichen Interventionen zum Chancenausgleich häufen sich. Parallel kühlen protektionistische Maßnahmen und die Reduktion militärischer Unterstützung durch die US-Regierung die transatlantischen Beziehungen ab.

Wie werden Deutschland und die EU ihre Rollen künftig jenseits klassischer Steuerungsbemühungen durch Handels- und Regulierungsmacht strategisch ausrichten? Babić verweist darauf, dass bislang unklar ist, was gute Politik und gute Ergebnisse in einer sich neu ordnenden Welt überhaupt bedeuten können. Industriepolitik, staatliche Eingriffe, Investitionsoffensiven und bilaterale Handelsabkommen gewinnen in jedem Fall an Bedeutung. All dies gilt es aufmerksam zu beobachten – und hier hilft die geoökonomische Heuristik als Analyseinstrument.


Anmerkungen:

[1] Siehe hierzu: Koddenbrock, Kai und Mertens, Daniel (2022): Geoeconomics and National Production Regimes: On German Exportism and the Integration of Economic and Security Policy, in: Babić, Milan / Dixon, Adam / Liu, Imogen T.: The political economy of geoeconomics. Europe in a changing world, Cham: Palgrave Macmillan; Springer Nature Switzerland.



DOI: 10.36206/AN26.1
CC-BY-NC-SA