/ 11.06.2013
Sebastian Fellmeth / Christian Rohde
Der Abbau eines Wohlfahrtsstaates. Neuseeland als Modell für das nächste Jahrhundert?
Marburg: Metropolis-Verlag 1999; 186 S.; 29,80 DM; ISBN 3-89518-230-3Neuseeland gilt als Beispiel für einen radikalen und erfolgreichen Umbau eines westlichen Wohlfahrtsstaates und insbesondere für Deutschland als Vorbild für eine marktorientierte Politik zur Herstellung der vielbeschworenen internationalen Wettbewerbsfähigkeit. Die Autoren untersuchen den neuseeländischen Reformprozeß und fragen erstens, ob es diesen radikalen Umbau tatsächlich gab, zweitens, ob sich Neuseeland wirklich als Reformmodell für andere Staaten anbietet und drittens, warum die deutschen Medien Neuseeland als Vorbild anpreisen. Die Analyse bezieht sich auf die Gesamtheit der wirtschafts- und sozialpolitischen Reformen, die bereits 1984 von der Regierung der Labour Party eingeleitet, über zwei Legislaturperioden durchgeführt und 1990 von einer konservativen Regierung fortgesetzt wurden. Fellmeth und Rohde zeigen, daß es sich tatsächlich um ein in sich geschlossenes, ideologisch gesteuertes, radikales Reformprojekt handelt (48). Seine Umsetzung erfolgte autoritär unter "systematischer Ausgrenzung der organisierten Interessen, vornehmlich der Arbeitnehmer" (160). Die Möglichkeit einer solchen "autoritäre[n] Durchsetzung des Marktes" (159) führen die Autoren auf die konstitutionelle Ordnung der neuseeländischen Westminster-Demokratie zurück und liefern damit gleichzeitig ein Gegenbeispiel zu der Irreversibilitätsthese der Sozialstaatsforschung. Zudem fällt das Ergebnis der ökonomischen Bilanz wenig vorbildhaft aus: Ausbleiben des erhofften Wirtschaftswachstums bei gleichzeitig hohen sozialen Kosten. Warum dennoch in den deutschen Printmedien positiv über das Modell Neuseeland berichtet wird, erklären die Autoren mit der "individuelle[n] Motivation des Journalisten [...]: In politischen Kontexten haben Argumentationen, die sich auf Sachzwänge oder Funktionszusammenhänge berufen können, ein höheres Maß an Legitimität als das Beharren auf Interessenstandpunkten. Journalisten machen sich die Sachzwang- und funktionalistischen Argumentationen derer zu eigen, über die sie berichten. Denn diese Argumentationen kommen ihren eigenen Interessen an Glaubwürdigkeit entgegen." (160) Mit ihrer gelungenen Analyse des Gesamtzusammenhangs der neuseeländischen Reform haben die Autoren deutlich aufgezeigt, daß der vor allem in der politischen Diskussion so häufig geforderte Blick nach Neuseeland problematische Folgen haben kann.
Anke Rösener (AR)
Dipl.-Politologin, Redakteurin pw-portal.de.
Rubrizierung: 2.66 | 2.262 | 2.333 | 2.21
Empfohlene Zitierweise: Anke Rösener, Rezension zu: Sebastian Fellmeth / Christian Rohde: Der Abbau eines Wohlfahrtsstaates. Marburg: 1999, in: Portal für Politikwissenschaft, https://www.pw-portal.de/rezension/11315-der-abbau-eines-wohlfahrtsstaates_13406, veröffentlicht am 01.01.2006.
Buch-Nr.: 13406
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Dipl.-Politologin, Redakteurin pw-portal.de.
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