/ 11.06.2013
Robert D. Putnam (Hrsg.)
Gesellschaft und Gemeinsinn. Sozialkapital im internationalen Vergleich
Gütersloh: Verlag Bertelsmann Stiftung 2001; 798 S.; geb., 30,- €; ISBN 3-89204-840-1Die Rede von "Sozialkapital" markiert in der neueren sozialwissenschaftlichen Debatte einen - durchaus auch modischen - Trend, dessen Attraktivität darin besteht, damit über einen Interpretationsrahmen zu verfügen, der sich fruchtbar gegen die Vielzahl individualisierungstheoretischer Ansätze wenden ließe. Der Herausgeber, der amerikanische Politologe Putnam, der mit seinen beiden Studien ("Making Democracy Work: Civic Traditions in Modern Italy - 1993" und: "Bowling Alone: The Collapse and Revival of American Community - 2000") viel zur Verbreitung der Frage nach dem Sozialkapital beigetragen hat, umreißt in der Einleitung die sehr breite Analyseperspektive, die die Anknüpfung an die (zivilgesellschaftlichen) Assoziationsstrukturen zu bieten scheint. Im Mittelpunkt der Theorie des Sozialkapitals stehe "ein außerordentlich schlichter Gedanke: Soziale Netzwerke rufen Wirkungen hervor" (20). Diese Wirkungen werden teils - im Anschluss an Tocqueville - in der Stärkung gemeinschaftsbezogener Tugenden einer demokratischen Bürgergesellschaft gesucht, teils - hier Überlegungen der Transaktionskostenökonomik aufgreifend - in der wirtschaftlichen Stärke von Regionen gesehen. Angesichts dieses weit gespannten Horizontes sollte es nicht überraschen, dass das Konzept noch nicht auf eine ausgearbeitete Theorie zurückgreifen kann und die einzelnen Beiträge, die sich um eine Darstellung der Entwicklung des Sozialkapitals während der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts in acht "fortschrittliche[n], post-industriellen[n] Demokratien Westeuropas, Nordamerikas und Ostasiens" bemühen (40), nicht von einer einheitlichen Basis aus argumentieren. Auch die gemeinsamen Themen, die Putnam auf Basis der Länderberichte entwickelt, stellen eher einen Katalog offener - theoretischer wie empirischer - Fragen dar. Dazu gehört ebenso diejenige, ob informelles Engagement den generellen Trend rückläufiger formeller Beteiligung (in Gewerkschaften, Kirchen und politischen Parteien) ausgleichen kann, wie jene nach den Abhängigkeiten zwischen sozialer Ungleichheit und sozialem Kapital. Die vergleichende Studie ist von der Bertelsmann Stiftung initiiert worden.
Inhaltsübersicht: Robert D. Putnam / Kristin A. Goss: Einleitung (15-43). 1. Großbritannien: Peter Hall: Sozialkapital in Großbritannien (45-113); 2. Schweden: Bo Rothstein: Sozialkapital im sozialdemokratischen Staat - das schwedische Modell und die Bürgergesellschaft (115-197); 3. Australien: Eva Cox: Sozialkapital in Australien (199-253); 4. Japan: Takashi Inoguchi: Sozialkapital in Japan (255-326); 5. Frankreich: Jean-Pierre Worms: Alte und neue staatsbürgerliche und bürgergesellschaftliche Bindungen in Frankreich (327-415); 6. Deutschland: Claus Offe / Susanne Fuchs: Schwund des Sozialkapitals? Der Fall Deutschland (417-514); 7. Spanien: Víctor Pérez-Díaz: Vom Bürgerkrieg zur Bürgergesellschaft: Sozialkapital in Spanien von den 1930er bis zu den 1990er Jahren (515-591); 8. USA: Theda Skocpol: Das bürgergesellschaftliche Amerika - gestern und heute (593-654); 9. USA: Robert Wuthnow: Der Wandel des Sozialkapitals in den USA (655-749). Robert D. Putnam: Schlussfolgerungen (751-790).
Thomas Mirbach (MIR)
Dr., wiss. Mitarbeiter, Lawaetz-Stiftung Hamburg, Lehrbeauftragter, Institut für Politische Wissenschaft, Universität Hamburg.
Rubrizierung: 2.22 | 2.61 | 2.68 | 2.64 | 2.66 | 2.23
Empfohlene Zitierweise: Thomas Mirbach, Rezension zu: Robert D. Putnam (Hrsg.): Gesellschaft und Gemeinsinn. Gütersloh: 2001, in: Portal für Politikwissenschaft, https://www.pw-portal.de/rezension/11360-gesellschaft-und-gemeinsinn_13466, veröffentlicht am 01.01.2006.
Buch-Nr.: 13466
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Dr., wiss. Mitarbeiter, Lawaetz-Stiftung Hamburg, Lehrbeauftragter, Institut für Politische Wissenschaft, Universität Hamburg.
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